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Winzerin Carolin Spanier-Gillot : Ein Leben zwischen den Reben

Als Carolin Spanier nach dem Studium heim kam nach Bodenheim, kam sie mit einem Plan. Das Gebäude neben dem elterlichen Wohnhaus, in dem die Winzerfamilie Gäste zur Verkostung empfing und Weine verkaufte, sollte durch ein neues ersetzt werden. Vier Jahre später war Richtfest. Heute ist neben dem Jugendstilbau ein schlichtes Tor, das nicht vermuten lässt, was sich dahinter verbirgt. Wer klingelt, dem öffnet sich eine Tür in einen hohen, langen und schmalen Gang. Rechts geht es in ein mit historischem Kopfsteinpflaster ausgelegtes Kabinett mit Barrique-Fässern, links in einen Raum von knapp 100 Quadratmetern. Eine kantige Theke steht darin. Es gibt Tische, an denen man sitzt, und Tische, an denen man steht. In einer Lounge-Ecke hängen meterhoch vergrößerte Bilder von gefüllten Weingläsern über roten Sofas mit hohen Lehnen. Hinter der Fensterfront liegt eine tiefgrüne Wiese. Die blauen Augen von Carolin Spanier leuchten.

„Das Publikum ist jung geworden“

Der selbstbewusste Kubus ist der Bau gewordene Ausdruck eines geglückten Übergangs von der einen zur nächsten Generation. Firmenfeiern finden darin statt und private Feste, dort probieren Kunden die Weine auch des Gutes Battenfeld-Spanier, ab und zu wird er als Straußwirtschaft genutzt. Freundinnen der Chefin bedienen dann, ein Koch bereitet die Speisen zu. Bei solchen Anlässen kommen an vier Tagen schon mal 600 Gäste.

„Das Publikum ist jung geworden“, sagt Carolin Spanier. Die Sorgen vieler, dass für ihre Produkte keine Kundschaft nachwachse, hat sie nicht. Sich hinzusetzen und auf Käufer zu warten, leistet sie sich trotzdem nicht. Zwanzig Veranstaltungen im Jahr richtet sie im Weingut aus, „mehr geht nicht“. Die beiden Betriebe haben nur eine Handvoll feste Mitarbeiter.

Premium-Produzenten unter sich

Vor der Tür des Gutes parkt ein Porsche. Kühling-Gillot hat eine Partnerschaft mit dem Autohersteller, Premium-Produzenten unter sich. Der eine bekommt zu Sonderkonditionen Fahrzeuge und wirbt für diese, indem er sie fährt, der andere lässt sich mit Wein beliefern für Veranstaltungen und Geschenke. Beide werden auch gemeinsam vermarktet, in Luxus-Magazinen mit kleiner Auflage etwa, es ist eine passgenaue Ansprache von Zielgruppen. Nicht jeder in der Szene goutiert so etwas, doch wenn es um die Weine geht von Kühling-Gillot und Battenfeld-Spanier, herrscht Einigkeit: Es ist Spitzenware. Gerade bekommt der Jahrgang 2011 hervorragende Kritiken.

Gelesen wird jedes Jahr spät, in einigen Lagen erst im November. Mehr als zwei Drittel der Weine sind Rieslinge. Wenn die Trauben geerntet sind, liegen sie bis zu 18 Stunden auf der Maische, Zuchthefen kommen nicht zum Einsatz, Temperaturkontrolle gibt es nicht, sterile Filtration auch nicht. Fünf Prozent der Kühling-Gillot-Erzeugnisse werden über den Handel verkauft, bei Battenfeld-Spanier ist es etwas mehr; 30 Prozent kaufen Privatleute ab Hof, noch einmal so viel geht an die Gastronomie und der Rest in den Export. Bis zu knapp 60 Euro kann eine Flasche kosten, einige gibt es für zehn, sehr viele zu Preisen um die 35 Euro. In Deutschland ist das teuer. „Im Ausland wird man belächelt“, sagt Carolin Spanier, und dass sie mehr verlangen könnten. „Aber wir sind nur Winzer, und ich will morgens noch in den Spiegel sehen können.“

„Ich bin der rastlose Typ“

Viel Zeit für Eitelkeiten hat sie nicht. Die beiden Söhne werden vormittags betreut, dann fährt sie von Hohen-Sülzen, wo sie mit Mann und Kindern lebt, rund 40 Kilometer nach Bodenheim, macht alle Verwaltungsarbeiten. Mittags kocht sie, wieder in Hohen-Sülzen, auch für die Mitarbeiter. Alle essen an einem langen Tisch in einem großen, hellen Haus, oft sind noch Händler und andere Kunden dabei. Die Nachmittage gehören, wenn es geht, den Kindern, die Abende wieder dem Job: E-Mails, Messen vorbereiten und Reisen wie die nach China, die sie in einer Delegation gemacht hat, in der auch der Koch Eckart Witzigmann war.

„Ich bin der rastlose Typ“, sagt sie, das war auch beim Kinderkriegen so: zweimal Kaiserschnitt, nach zwei Tagen hatte sie den Laptop wieder auf dem Schoß. Das Leben, sagt Carolin Spanier, sei anstrengend und wunderbar, im Einklang mit der Natur, mit der Familie. Sie hat Träume, hat Reisen im Kopf, für die noch keine Zeit war, und vor allem den Wunsch, „dass wir alle gesund bleiben und weitermachen können“.

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