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Rekordsommer : Im Rheingau reift ein guter Tropfen heran

  • -Aktualisiert am

Winzer-Wünsche: Sonnig, aber nicht zu warm soll es nach dem Willen der Weinbauern in den nächsten Wochen bleiben. Bild: dpa

Trotz der Hitzerekorde in diesem Sommer erwarten die Winzer einen qualitativ hochwertigen Jahrgang 2019, sofern das trockene Wetter noch einige Wochen hält.

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          Gerne etwas kühler, dafür aber bitte trocken: Wenn das Wetter in den nächsten Wochen mitspielt, dann wird in den Kellern der Rheingauer Winzer mit dem Jahrgang 2019 erneut ein guter Wein gären. „Aufgrund des trockenen Wetters wird die Menge etwas reduziert, aber die Qualität steigt“, sagte Peter Seyffardt, der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes, gestern. Zwar habe die Lese in den meisten Betrieben erst begonnen, aber schon jetzt zeichne sich ab, dass die Säure in diesem Jahr recht niedrig und das Mostgewicht hoch sei. Die aktuellen Zahlen stellte Seyffardt gestern in Oestrich-Winkel vor und zeigte sich zufrieden: Beim Riesling werden derzeit schon durchschnittlich 81 Grad Oechsle gemessen, beim Müller-Thurgau sind es 84 Grad und beim Weißen Burgunder 87 Grad – und das Mostgewicht steige täglich.

          An die Werte des Vorjahres reicht der 2019er indes vermutlich nicht heran. „2018 war alles optimal. Da gab es trotz der Trockenheit ausreichend Wasser im Unterboden für die Reben“, erinnerte Seyffardt. Das führte unter anderem dazu, dass die Erntemenge etwa 30 Prozent über dem Durchschnitt gelegen habe. In diesem Jahr geht er davon aus, dass sich die Menge im langjährigen Durchschnitt einpendelt, und rechnet mit 72 Hektoliter pro Hektar. „Das kann durchaus ein sehr guter Jahrgang werden“, meinte Seyffardt. Trotz der großen Hitze habe es zudem wenig Schäden durch Sonnenbrand gegeben; er schätzt die hitzebedingten Ernteausfälle auf zehn bis 20 Prozent.

          Extreme Hitze

          Die Hitze war diesen Sommer im Rheingau in der Tat extrem, wie Mathias Scheidweiler von der Hochschule Geisenheim ergänzte. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Institutes für allgemeinen und ökologischen Weinbau bezeichnete 2019 als „erneutes Jahr der Extreme“ und prognostizierte, dass sich die Winzer in Zukunft öfter auf solche Sommer einstellen müssten. So seien am 25. Juli an der Wetterstation in Geisenheim 39,4 Grad gemessen worden. Dies, sagte Scheidweiler, stelle einen Hitzerekord für den Rheingau seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1884 dar. Die Trockenheit habe vor allem jungen Rebstöcken mit nicht so tiefen Wurzeln zu schaffen gemacht. „Es ist wichtig, dass sich die Betriebe breiter aufstellen“, machte der Forscher deutlich und erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass sieben der zehn heißesten Sommer in den vergangenen 15 Jahren gemessen wurden.

          Seiner Einschätzung nach bedeutet dies jedoch nicht unbedingt, andere Rebsorten anzubauen. Vielmehr könnten die Winzer ihre Anbautechniken an die subtropischen Sommer anpassen. Als ein Beispiel nannte Scheidweiler den „Minimalschnitt im Spalier“. Bei diesem Nichtschnitt verändere sich das Verhältnis von Traube und Blättern. Je weniger Blätter für jede Traube vorhanden seien, desto weniger Photosynthese entstehe, was wiederum für weniger Zucker in den Trauben sorge. Dadurch könne man die Lese verzögern. Als weiteren Punkt nannte Scheidweiler eine Verbesserung der Lesetechnik, um im Bedarfsfall die reifen Trauben schnell ernten zu können. Die Rheingauer Winzer sieht er gut gerüstet. „Da wurde in den letzten Jahren ausreichend investiert“, ist der Forscher sicher.

          Auch Seyffardt ist sich der veränderten Bedingungen bewusst. So sei eine hohe Oechslezahl nicht mehr allein für die Qualität ausschlaggebend, es gehe auch darum, gesunde Trauben mit mehr Aromastoffen zu ernten. „Ich sehe keine Alternative zum Riesling“, sagte der Weinbaupräsident und konstatierte: „Wir sind für die nächsten Jahre gut aufgestellt.“ Schäden durch Rehe, Wespen und auch die Kirschessigfliege habe es teilweise gegeben, aber es seien vor allem Wildschweine, die den Winzern das Leben schwermachten. „Die graben die Reihen um“, sagte Scheidweiler, und Seyffardt ergänzte: „Das sind halt Feinschmecker.“

          Reform des Weingesetzes

          Große Hoffnungen setzt der Präsident in die Reform des Weingesetzes. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte angekündigt, das Gesetzgebungsverfahren zu Beginn des nächsten Jahres einzuleiten. In dem neuen Gesetz soll es laut Seyffardt auch darum gehen, die Lagebezeichnung zu einem Qualitätssiegel umzufunktionieren. „Es ist für den Verbraucher wichtig zu wissen, wo der Wein gewachsen ist und unter welchen Bedingungen er angebaut wurde“, sagte er. Prädikatsweine müssen derzeit je nach Prädikatsstufe und Anbaugebiet ein Mindestmostgewicht vorweisen. Nach Einschätzung von Seyffardt ist dieses jedoch aufgrund des Klimawandels und der wärmeren Sommer immer leichter zu erreichen. Optimal wäre es laut Seyffardt, wenn der Kunde im Supermarkt anhand der Lagebezeichnung erkennen könne, dass es sich um einen Wein von besonderer Qualität handelt. Andere Weinbauregionen, wie etwa Burgund, hätten ihre Lage schon erfolgreich zu einem Qualitätsmerkmal innerhalb ihrer Marketingstrategie gemacht.

          Auch im Umweltschutz bereitet der Weinbauverband einige Änderungen vor, die jedoch noch diskutiert werden. Um Insekten und Vögeln im Wingert ausreichend Lebensraum zu bieten, sollen Insektenhotels errichtet und Nistkästen aufgehängt werden. In jeder zweiten Rebzeile sollen Gräser und Blumen eingesät sowie weitere Rückzugsräume für Kleintiere geschaffen werden. Derzeit sind neun Projekte in Bezug auf die Biodiversität angedacht, von denen jeder Winzer mindestens zwei in die Tat umsetzen soll. Außerdem soll es ein Bodenpflegesystem geben, um regionale Pflanzen zu unterstützen. „Bei Glyphosat erarbeiten wir derzeit eine Ausstiegsstrategie“, kündigte Seyffardt an. Insektizide würden die Winzer ohnehin seit Jahren nicht mehr verwenden, und der Einsatz von Boden- und Vorlaufherbiziden soll ebenfalls verboten werden. In vier bis fünf Jahren soll außerdem vollständig auf Herbizide verzichtet werden, außer, wenn es um Steillagen geht.

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