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Bio-Weinanbau aus Hochheim : Smalltalk mit Prinz Charles

Angeregt: Winzer Reiner Flick erläutert Prinz Charles in Berlin den ökologischen Weinbau. Bild: Foto: Ivana Ross-Brookbank for B

Zum 200. Geburtstag von Queen Victoria lernen die Windsors ihren Hoflieferanten Winzer Reiner Flick kennen. Der „Hock“ aus Hochheim schmeckt dem britischen Königshaus schon seit zwei Jahrhunderten.

          Ganz einig sind sich die Historiker nicht darüber, wie die kurze Stippvisite während einer Rhein-Reise des Königspaars tatsächlich ablief. Dass Queen Victoria und ihr Gemahl Albert an jenem regnerischen 15. August des Jahres 1845 wirklich mit einer Kutsche durch die Hochheimer Weinberge gefahren sind, wie es in historischen Zeitungsberichten behauptet wird, bezweifelt auch Winzer Reiner Flick. Schließlich habe es seinerzeit die Bahnlinie zwischen Wiesbaden und Frankfurt schon gegeben, und die führte, wie die S-Bahn-Linie 1 heute, mitten durch die Hochheimer Weinberge.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es spreche somit viel dafür, dass die Bahnreise für einen kurzen Stopp in Hochheim unterbrochen worden sei. Dabei hatte das königliche Ehepaar dann die Gelegenheit, im Weinberg mit dem herbeigeeilten Winzer Michael Pabstmann an der Dechantenruhe eine Weinprobe zu erleben. Die Verkostung blieb nicht ohne Folgen, denn der „Hock“ wie die Queen den Hochheimer Tropfen sogleich taufte, mundete den Majestäten offenbar so gut, dass Wein aus Hochheim bis zum heutigen Tag bei besonderen Gelegenheiten in der königlichen Familie ausgeschenkt wird.

          Zu einer kurzen Privataudienz

          Natürlich wird der edle Riesling der werbetauglich von Pabstmann in Königin Victoriaberg umgetauften Lage auch bei den Feierlichkeiten rund um den 200. Geburtstag von Queen Victoria ausgeschenkt. 600 Flaschen hat die britische Botschaft in Berlin schon bei Flick geordert, der die mit fünf Hektar kleinste Einzellage Königin Victoriaberg seit 2010 bewirtschaftet. Der als nachhaltig angebaut zertifizierte Wein mit dem Wappen des Vereinigten Königreichs auf dem Etikett wurde zuletzt bei der vorgezogenen Geburtstags-Gartenparty für Queen Victoria am 1. Mai in Berlin in der britischen Botschaft, der ehemaligen Ullstein-Villa im Grunewald, kredenzt. Auf dem akkurat gekürzten Rasen trafen der Winzer aus Wicker und seine zufällig auch Victoria getaufte Tochter den englischen Kronprinzen Charles und dessen Gattin Camilla zu einer kurzen Privataudienz.

          Punkt 19.05 Uhr sei zunächst Camilla zwecks Smalltalks an den Tisch gekommen. Flick berichtete ihr von Hochheim, dem Wein mit dem königlichen Label und dem Victoria-Denkmal inmitten der Weinberge, zu dessen Bau der in der Vermarktung der Weinlage außerordentlich findige Winzer Pabstmann die Erlaubnis der Queen erhalten hatte. Camillas Beteuerungen, dass sie sich das Weingut samt Victoria-Denkmal gerne einmal anschauen würde, wertet der Winzer indes lediglich als Ausdruck besonderer britischer Höflichkeit.

          Eine abermalige royale Stippvisite

          Als Fachmann, „hochkompetent, angenehm, entspannt und interessiert“, so Flick, habe sich Prinz Charles in dem etwa fünfminütigen Gespräch über nachhaltigen Weinanbau präsentiert. Der königliche Umweltschützer erfuhr, wie sehr sich Winzer Flick für biologischen Weinanbau engagiert, und von der natürlichen Energieerzeugung in dessen Betrieb. Das Thema der anstehenden, 190.000 Euro teuren Sanierung des Victoria-Denkmals sprach der Winzer bei den „Royals“ allerdings nicht an. Allerdings nutzte er die Gunst der Stunde, um beim britischen Honorarkonsul für einen königlichen Besuch in Hochheim im nächsten Jahr zu werben, wenn das Denkmal 175 Jahre nach dem Besuch von Königin Victoria mit Unterstützung von Land, Bund und privaten Spendern wieder in altem Glanz erstrahlen soll.

          Die Chancen für eine abermalige royale Stippvisite in Hochheim stehen nicht schlecht. Immerhin setzt die königliche Familie auf Tradition: Zur Geburt von Prinzessin Anne wurde nachweislich „Hock“ gereicht, auf Bildern aus dem Jahr 1993 ist Queen Elisabeth neben einem Fläschchen 1988er vom Königin Victoriaberg zu sehen, und bei ihrem letzten Deutschland-Besuch musste Flick auch wieder die Bankette in Frankfurt und Berlin mit dem Hochheimer Riesling vom Königin Victoriaberg bereichern.

          Einen Grund, ihrem Lieblingswein täglich zu frönen, soll Queen Victoria, der bekanntlich ein langes Leben beschert war, in der gesundheitsfördernden Wirkung des Weines gesehen haben. Der Spruch „A hock a day keeps the doctor away“ wird der Königin zugeschrieben, deren 200. Geburtstag an diesem Freitag ist. Ob die Majestät mit deutschen Wurzeln und deutschem Ehemann diese Aussage je machte, lässt sich nicht beweisen. Werbewirksam über Jahrhunderte hinweg war sie allemal.

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