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Wintereinbruch in Rhein-Main : Schlittenfahren im April

Sonnenbad: Ausflügler auf dem schneebedeckten Großen Feldberg im Taunus Bild: dpa

Im Tal blüht es, aber auf dem Feldberg und in den Dörfern des Hintertaunus fahren Kinder am Sonntag Schlitten. Gerade lösen Winter und Frühling einander ab.

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          In Königstein steht es unentschieden zwischen Frühling und Winter an diesem ersten Sonntagmorgen im April. In dem kleinen Park am Busbahnhof wirbt ein Schild für den „Weihnachtsbasar im Frühling“. Der war schon Ende März: Voriges Wochenende sollten im katholischen Gemeindezen­trum Winterklamotten die Besitzer wechseln. Vor allem aber standen die Menschen da Schlange an den Eisdielen der Taunusorte. Eine Woche später liegt Schnee um den Laternenpfahl, an dem das Basar-Schild hängt. Aber der Rasen ist mehr grün als weiß.

          Florentine Fritzen
          Korrespondentin im Hochtaunuskreis

          In der Fußgängerzone liegen kleine Schneehaufen vor dem Café Kreiner und dem Optiker. Der hat Kunststofflämmer als Deko ins Schaufenster gestellt. Außer dem Bäcker haben die Läden geschlossen, nur wenige Königsteiner sind unterwegs. Ein Plakat kündigt an: „Ostern steht vor der Tür!“ Im Kurpark schmiegt sich Schnee um Stiefmütterchen, Maßliebchen und Mini-Osterglocken. An den Rändern der Wege knirscht er unter den Füßen. Am Rathaus stehen zwei Car-Sharing-Elektroautos mit weiß bedeckten Windschutzscheiben. Aber gerade braucht anscheinend niemand einen Renault Zoé. Zu hören sind nur die Vögel und der Wind. Auch oben im Stadtteil Falkenstein glitzern die Schneeflecken in der Frühlingssonne weitgehend unbeachtet von menschlichen Wesen. Nur eine Frau mit Pudelmütze geht mit einem Labrador spazieren. Weiter unten ist ein Jogger mit Neonhandschuhen unterwegs.

          Winter auf dem Feldberg

          Auf dem Feldberg aber herrscht der Winter. Und deshalb herrscht auch Trubel. Auf dem Plateau sind alle Parkplätze besetzt, Familien laden Schlitten aus. Die Hänge sind dick verschneit, die Fichten weiß, die Straßen frei, aber nicht schwarz, sondern weißgrau vom Schneestaub. Der nächsttiefere Parkplatz füllt sich gerade. Minus vier Grad zeigt das Thermometer um Viertel vor zehn. Die Autos kommen aus Frankfurt, Offenbach, dem Main-Taunus-Kreis und dem Landkreis Limburg-Weilburg, die meisten Besucher haben kleine Kinder und Schlitten dabei – und Schneehosen an den Beinen. Ein Mann trägt eine Spiegelbrille.

          Paare stapfen mit Trekkingstöcken durch Puderschnee. Der liegt etliche Zentimeter hoch. Mädchen und Jungen rodeln und jubeln. Eltern ziehen Söhne und Töchter auf Schlitten gen Gipfel. Ein Mann schaut zu und sagt neidisch zu seinem Begleiter: „Kind müsste man sein.“ Eine Mutter transportiert auf einem Holzschlitten nicht ihre beiden Söhne, sondern ein Dutzend unförmige Schneebälle. Vorsichtig lässt einer der Jungs eine weitere Kugel auf das Gefährt gleiten. Die Mutter betrachtet die weiße Fracht und prophezeit: „Das schaffen wir nicht bis nach oben, das rutscht runter.“

          Auch in Schmitten, im Tal, liegt der Schnee dick auf den Dächern, Wiesen und Feldern des Luftkurorts. In Niederreifenberg schwingt ein Mann die Schneeschaufel in einer Hofeinfahrt. In Dorfweil hält die Frauenstatue des Denkmals für die „Helden von 1914 bis 1918“ ein Häuflein Schnee im Schoß. Am Eisenzaun um das Podest leuchtet Osterschmuck unter einer Schneedecke: An grünen Zweigen baumeln Plastikeier in Rosa, Lila, Orange und Blau und strahlen im Sonnenlicht. Im Ort ist niemand unterwegs außer einer blauäugigen Katze. Unten an den Autos hängen Eiszapfen, auf dem Trampolin in einem Garten liegt eine dicke weiße Schicht.

          Mehr los ist am Vormittag im Ort mit dem schönsten Namen im gesamten Hochtaunuskreis, nämlich Weilrod-Rod an der Weil. Im Hauptort der Gemeinde taut es. Das Flüsschen plätschert, ein Junge hat zum Sonntagsspaziergang einen Fußball mitgenommen – und keinen Schlitten. Ein Hang am Friedhof liegt dagegen noch im Schatten. Rodeln ist dort nach wie vor problemlos möglich. Finden jedenfalls die drei Grundschüler, die mit einem Plastik- und einem Holzschlitten gekommen sind. Während zwei der drei die paar Meter immer wieder hochkraxeln und herunterrutschen, schaut der dritte Junge zu – und singt: „Jingle Bells, Jingle Bells, Jingle all the way“.

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