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Wetter-Bilanz 2016 : Weiße Winter werden weniger wahrscheinlich

Erstaunliche 27 heiße Tagen im Jahr 2015 – zu erwarten sind eigentlich nur neun solcher Tage. Bild: F.A.Z.

Das Jahr 2016 war in Frankfurt zwar nicht außergewöhnlich warm, trocken oder nass. Belege für den Klimawandel liefert es trotzdem.

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          In den Frankfurter Stadtteilen Höchst, Sossenheim und Nied trauten die Leute am Morgen des 6. Dezember ihren Augen nicht: Pünktlich zum Nikolaustag lag überall Schnee. Zwei bis drei Zentimeter und an einigen Stellen sogar mehr. Auf den Straßen kam der Verkehr ins Stocken, auf den Schulhöfen wurden Schneeballschlachten angezettelt, und in manchen Vorgärten wurden sogar Schneemänner aufgestellt. Die Freude über die weiße Pracht war groß - auch wenn der Deutsche Wetterdienst in Offenbach in seinen Vorhersagen kein Sterbenswörtchen davon erwähnt hatte.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Versagen war den Meteorologen allerdings nicht vorzuwerfen. Denn das, was sich da im Frankfurter Westen über die Stadt gelegt hatte, war kein natürlicher, sondern sogenannter Industrieschnee. Der ist kein natürliches Phänomen im engeren Sinne, sondern ein Produkt des nahen Industrieparks, dessen Wasserdampf-Emissionen sich bei bestimmten Wetterlagen als Eiskristalle in der Umgebung niederschlagen. Bei solchen Inversionswetterlagen bleiben die aufsteigenden Wassertröpfchen in einer wärmeren Luftschicht hängen, heften sich an feine Staubpartikel, werden zu Eis und fallen dann als Schnee zu Boden. Gefährlich ist dieser künstliche Schnee nicht, nur ein bisschen feinkörniger als das Original - aber ebenso schön anzuschauen. Die Anwohner des Höchster Industrieparks kennen das inzwischen, überrascht sind sie aber trotzdem jedes Mal.

          Erstaunliche 27 heiße Tagen im Jahr 2015 – zu erwarten sind eigentlich nur neun solcher Tage.

          Für die Meteorologen hat der Kunstschnee noch einen anderen Aspekt: Er illustriert sehr schön, dass der natürliche Winter in Frankfurt und Umgebung im Prinzip auf dem Rückzug ist. In den ersten Tagen des neuen Jahres ist zwar nun tatsächlich auch „normaler“ Schnee gefallen und hat vor allem rund um Wiesbaden, im Taunus und in Mittelhessen für einiges Durcheinander auf Straßen und Gleisen gesorgt. Und vielleicht fällt in den nächsten Tagen und Wochen noch mehr.

          Langfristig betrachtet, ist die Sache aber klar und die Statistik eindeutig: Von den sechs Tagen mit Schneedecke, die 2016 an der Wetterstation am Frankfurter Flughafen registriert wurden, gingen allein zwei auf das Konto des Industrieschnees, der sich nicht nur in den erwähnten Frankfurter Stadtteilen, sondern oft auch auf dem Gelände des Airports niederschlägt. Von den jährlich 22 Tagen, an denen dort im langjährigen Mittel eine Schneedecke zu sehen sein müsste, ist schon lange keine Rede mehr. Richtige Eiseskälte und viel Schnee hat es in Frankfurt zuletzt im Winter 2010/2011 gegeben - aber das in erster Linie nur im Dezember. Danach war die kalte Jahreszeit jeweils eher eine lauwarme.

          Die Zahl der Frost- und Eistage nimmt tendenziell ab,  während die Zahl der Sommer- und heißen Tage nach und nach zunimmt.

          Seit vielen Jahren wird es in Frankfurt wie in ganz Mitteleuropa immer wärmer, und vor allem der Winter verliert an Profil. Das Jahr 2014 war das wärmste seit Beginn der regelmäßigen Temperaturaufzeichnungen, und auch 2015 stieß in die Spitzengruppe der wärmsten Jahre vor. So aufregend waren die Werte im soeben vergangenen Jahr zwar nicht, mit einer Durchschnittstemperatur von 11,1 Grad lag es in Frankfurt aber immerhin 1,4 Grad über dem offizielle Referenzwert von 9,7 Grad und landete auf Platz zwölf der seit 1936 geführten Rangliste der wärmsten Jahre.

          Statistisch gesehen zu kalt ist es im vergangenen Jahr in keinem einzigen Monat gewesen. Nur der Oktober erreichte mit einer Mitteltemperatur von 9,8 Grad exakt den langjährigen Durchschnittswert. Deutlich zu warm dagegen war es im Januar und Februar und vor allem im September, der sich wie ein Juli oder August aufführte, dabei mit einem Monatsmittel von 18,8 Grad den langjährigen Normalwert um sagenhafte vier Grad übertraf und so zum wärmsten September seit 80 Jahren wurde.

          Auf der anderen Seite der Temperaturskala hat es so etwas schon lange nicht mehr gegeben: Dem Wetterdienst zufolge ist seit November 1985 am Frankfurter Flughafen kein einziger Minimum-Rekord mehr verzeichnet worden - was sich auch sehr deutlich in der Aufstellung der zehn wärmsten und der zehn kältesten Jahre seit 1936 (siehe Grafik, unten links) widerspiegelt: Während es seit 1987 kein Jahr mehr in die Kälte-Top-Ten geschafft hat, stammen sämtliche Werte der Wärme-Top-Ten aus der Zeit seit 1994. Für die Klimaforscher sind diese statistischen Daten eindeutig. Sie sagen zwar nichts aus über die Gründe und Folgen der seit einigen Jahrzehnten zu beobachtenden Klimaveränderung. Aber sie belegen, dass die Erwärmung keine Illusion ist.

          Ebenfalls interessant sind in diesem Zusammenhang die Reihen der Frost- und Sommertage sowie der Eis- und Hitzetage (siehe Grafiken, rechts oben und unten). Bei allen Ausschlägen nach oben und unten zeigen die Kurven sehr deutlich, dass die Zahl der Frost- und Eistage tendenziell abnimmt, während die Zahl der Sommertage und der sogenannten heißen Tage nach und nach zunimmt. Seit Mitte der neunziger Jahre hat es zum Beispiel kein Jahr mehr mit weniger als 40 Sommertagen gegeben, während bei den Frosttagen die 80-Tage-Grenze nur noch sehr selten überschritten wird. 2016 wurden an der Messstation am Frankfurter Flughafen statt der durchschnittlich zu erwartenden 42 immerhin 65 Sommertage registriert, bei den Frosttagen waren es 62 statt der im Mittel üblichen 82.

          Bei den Tagen, an denen das Thermometer durchgehend unter dem Gefrierpunkt verharrte, hat das vergangene Jahr zwar deutlich mehr vorzuweisen als die beiden Vorjahre, als jeweils nur ein einziger Tag mit Dauerfrost registriert wurde. Aber selbst acht Eistage sind nur die Hälfte dessen, was statistisch gesehen als normal gelten muss: nämlich 16 Tage mit Dauerfrost. Genau spiegelbildlich war es bei den Hitzetagen, also jenen, deren höchste Temperatur jenseits von 30 Grad liegt: Statt der neun zu erwartenden heißen Tage gab es im vergangenen Jahr 15 solcher Tage. Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass das im Vergleich zum Rekord des Jahrhundertsommers 2003 geradezu lächerlich ist. Damals stieg das Quecksilber nämlich an 31 Tagen auf 30 oder mehr Grad.

          Noch wärmer war es seit Aufnahme der regelmäßigen Messungen nur 2014 (12,10 Grad) und 1994 (11,63 Grad).

          Ein Beweis für den Klimawandel sind die Messwerte aus den zwölf Monaten des Jahres 2016 natürlich nicht. In der Tendenz zeigen sie im Zusammenspiel mit den langfristigen Daten der Klimastatistik aber doch, dass es seit 30 bis 35 Jahren langsam, aber stetig wärmer wird. Und tatsächlich gibt es noch weitere Hinweise für eine Veränderung des Klimas. Die Forscher zählen dazu auch Phänomene wie die Unwettersaison, die im vergangenen Jahr im Mai und Juni auch in Frankfurt mit Starkregen und Sturm immer wieder für Schäden und Überschwemmungen gesorgt hat. Am 29. Mai zum Beispiel kamen am Flughafen 45 Millimeter Regen vom Himmel und setzten die Messstation des Wetterdienstes unter Wasser, und am 14. Juni lief spätnachmittags innerhalb weniger Minuten der Südbahnhof voll, so dass die U-Bahn-Station gesperrt werden musste.

          Insgesamt haben die Meteorologen im Mai sieben und im Juni zwölf Tage mit Gewitter registriert. Im langjährigen Durchschnitt sind es nur fünf beziehungsweise sechs, so dass der Juni 2016 als gewitterreichster Monat überhaupt in die seit 1949 geführte Statistik eingeht. Für die Fachleute ist die Häufung solcher Extremwetterlagen ein Zeichen des Klimawandels, und sie glauben, dass es in Zukunft noch deutlich mehr davon geben wird. Auch die Frankfurter sollten sich darauf einstellen. Genau wie darauf, dass natürlicher Schnee tendenziell noch seltener wird - auch wenn es momentan nicht danach aussieht.

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