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Winter- und Frühblüher : Gefährlicher Kahlfrost

Eiskalt erwischt: eine Märzfliege mit Kristallschmuck Bild: imageBROKER / vario images

Der Kälteeinbruch der vergangenen Tage setzt vor allem eingewanderten Pflanzen zu. Insekten zeigen sich indes widerstandsfähiger gegen die niedrigen Temperaturen.

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          Schneeglöckchen, Narzissen und Christrosen: Die Pflanzen liegen derzeit im wahrsten Sinne des Wortes am Boden. Der kalte Wind, gepaart mit dem strengen Frost der vergangenen Tage, hat die Gewächse niedergedrückt. „Das sieht schlimm aus, wie gekochter Spinat“, sagt Cassian Schmidt vom Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof in Weinheim. Doch auf diese Weise schützten sich die Pflanzen. Schmidt ist ebenso wie Palmengarten-Botanikerin Hilke Steinecke überzeugt, dass die Winter- und Frühblüher sich wieder aufrichten werden, wenn, wie vorausgesagt, vom Wochenende an die Temperaturen auch nachts wieder über den Gefrierpunkt liegen. Die Natur sei in diesem Jahr bisher vier bis fünf Wochen voraus gewesen, nun stagniere die Entwicklung. Beide Experten vermuten, dass nach dem Ende der Kälte „alles explodieren wird“.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sorgen bereiten beiden nicht die einheimischen Pflanzen. Schließlich seien die an Kaltlufteinbrüche gewohnt. „Das ist typisch für Mitteleuropa“, sagt Schmidt. Größere Schäden erwartet er nicht. Zumal es für die Obstblüte, die vor einem Jahr durch einen Frosteinbruch im April sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, noch viel zu früh ist. Kritisch sei es für Pflanzen vom Mittelmeer oder noch mehr für jene von der Schwarzmeerküste und aus dem asiatischen Raum, wo es keinen so strengen Frost gibt. Das Besondere am derzeitigen Wetter ist, dass keine Schneedecke die Pflanzen vor den niedrigen Temperaturen schützt – Kahlfrost nennt sich das.

          Pflanzen vertrocknen anstatt zu gefrieren

          Die Kombination aus Kälte, Sonne und Wind lasse die Gewächse praktisch „gefriertrocknen“, sagt Schmidt. Dramatisch ist für die Pflanzen, dass Wind und Sonne ihnen viel Feuchtigkeit entziehen, sie sich aber gleichzeitig wegen des gefrorenen Bodens nicht über die Wurzeln mit Wasser versorgen können. Die Fachleute sprechen von Frosttrocknis, die in diesen Tagen immergrüne Pflanzen herausfordert. „Sie erfrieren nicht, sondern sie vertrocknen“, sagt Steinecke. Der Deutsche Wetterdienst sagt voraus, dass der Boden im Rhein-Main-Gebiet bald 20 bis 30 Zentimeter tief gefroren sein werde. „Wir befinden uns im tiefsten Winter“, so die Meteorologen in Offenbach.

          Steinecke sieht den Rosmarin, den viele im Garten haben, ebenso gefährdet wie etwa winterharte Sorten der Kamelie. Im Palmengarten selbst wurden insbesondere Palmen schon vor Weihnachten winterfest in Fleece und andere Materialien verpackt. Die Botanikerin rät den Hobbygärtnern, ihre Pflanzen zu schützen und sie sofort zu gießen, wenn es wärmer wird. Schmidt warnt allerdings davor, die Pflanzen jetzt zu berühren oder gar schwere Materialien auf sie zu legen. „Die brechen wie Glas.“ Ohnehin bräuchten die Pflanzen fast mehr Schutz vor der Sonne als gegen den Frost. Er rät zu Konstruktionen, die beides gleichermaßen bieten. Wer es besonders gut mit seinem Grün meint, hat solche Vorrichtungen schon aufgebaut, bevor es kalt wurde.

          Insekten zeigen sich widerstandsfähiger

          Die Hoffnung vieler, dass der Frost wenigstens dafür sorgen werde, dass im Sommer weniger lästige Insekten durch die Luft schwirren, ist indes unbegründet. „Der kalte Winter ist kein Problem für Mücken“, sagt Biologe Jens Amendt vom Senckenberg-Forschungszentrum Biodiversität und Klima. Die Tiere hätten im Larvenstadium eine Art Frostschutz, mit dem sie auch Temperaturen von minus 20 Grad überlebten. Entscheidend für die Mückenpopulation ist vor allem der Sommer. Ist er zu trocken, finden die Insekten keine Brutstätten für ihre Larven. Ist es zu kalt, vermehren sich die Tiere nur langsam.

          Nicht einmal eingewanderten Schädlingen wie Tigermücke oder Buchsbaumzünsler fügt ein kalter Winter schwere Verluste zu. Zwar könnte er zu einem Rückgang der Population führen. Allerdings nur in geringem Maß, sagt Amendt: „Durch ihre kurze Generationszeit sind Insekten sehr anpassungsfähig.“ Es brauche nur wenige Winter, bis die Tiere sich an ihre neue Umgebung gewohnt hätten und auch starken Frost überstehen könnten.

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