https://www.faz.net/-gzg-6xlmh

Winfried Hassemer im Porträt : Heiter bis streitbar

Refugium seit vielen Jahren: Winfried Hassemer in seiner Frankfurter Wohnung. Bild: Eilmes, Wolfgang

Winfried Hassemer war zwölf Jahre Richter am Bundesverfassungsgericht, die Hälfte davon als Vizepräsident. Der Frankfurter Rechtsprofessor ist auch als Anwalt ein gefragter Mann geblieben.

          6 Min.

          Es ist ein Kreuz mit der Muße. Winfried Hassemer steht in seinem Wintergarten, blickt auf den Teich draußen und spricht davon, wie sehr er sich mit Frankfurt und den Möglichkeiten, Freizeit in der Stadt sinnvoll zu verbringen, verbunden fühle. Und dass alles sogar noch besser werde, wenn der geplante Kulturcampus in seinem Stadtteil Bockenheim erst einmal fertig sei.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber Ausspannen fällt schwer, wenn es noch „so viel Interessantes zu tun gibt“. Vor einigen Tagen hat der frühere Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts das Angebot des Daimler-Konzerns angenommen, „Ansprechpartner für gravierende Regelverstöße“, vulgo Ombudsmann für Hinweise auf Korruption zu werden. Als Mann des Vertrauens ist er auch schon für den Kreditauskunftskonzern Schufa tätig.

          Er leidet wohl nicht so sehr darunter, dass sein Wissen weiterhin gefragt ist

          Jetzt wird der bald Zweiundsiebzigjährige noch stärker Selbstdisziplin üben müssen, wenn ihm Mandate, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Rezensionen oder Mitgliedschaften in Kommissionen angetragen werden. Und wenn wieder eine neue Idee für ein Buch in ihm reift. Den idealen Platz zum Schreiben bietet das Haus in Frankreich. Nur die Zeit ist noch etwas knapper geworden.

          Hassemer, ein den gediegenen Genüssen des Leben zugeneigter Rheinhesse, an klassischer Musik und moderner Architektur interessiert, wirkt nicht so, als leide er sehr darunter, dass sein Wissen und seine Erfahrung als Straf- und Verfassungsrechtler weiterhin so gefragt sind. Als emeritierter Professor hatte er sich einer Frankfurter Anwaltssozietät angeschlossen. Eigentlich mit dem festen Vorsatz und dem seiner Frau gegebenen Versprechen, endlich auch einmal nein sagen zu können.

          „Quatsch“ zu Karlsruhe als Höhepunkt seiner Karriere

          Man darf ihm glauben, dass er vor zehn Jahren ernsthaft über eine solche Antwort nachdachte, als man ihn als Vize-Präsident in Karlsruhe vorschlug. Er argwöhnte, auf ihn könnten mehr repräsentative Pflichten zukommen, als ihm lieb seien. Im Rückblick findet er, das Wagnis habe sich gelohnt. Und er hat in dem hohen Amt schon früh erfahren, dass sich Ansehen auch mit einer vergleichsweise geringen Dosis an Konvention erwerben lässt. Auf dem Festakt begrüßte er die versammelte Staatsführung und hohe Vertreter der dritten Gewalt mit einem schlichten „schön, dass Sie alle gekommen sind“. Niemand hat sich übergangen gefühlt.

          Auf die Frage, ob der Aufstieg in Karlsruhe Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn gewesen sei, hat er einmal geantwortet, das sei „Quatsch“. Er habe schon sehr früh Hochschullehrer werden wollen. Und als solcher fühle er sich immer noch. Winfried Hassemer war Professor mit 33 Jahren. Es ist eine jener Biografien, in denen sich in der Rückschau alles zu fügen schien.

          Der Professor war beeindruckt

          Aufgewachsen im rheinhessischen Gau-Algesheim (das ihn in diesem Jahr wieder einmal überredet hat, in die Bütt' zu steigen), gab es für den Sohn eines Bahnbeamten nach dem Abitur keinen Zweifel, was er studieren solle. Der Vater, den die Nationalsozialisten wegen seines öffentlichen Aufbegehrens gegen das Unrechtssystem zunächst in ein Konzentrationslager sperrten und dem sie später das Studium verweigerten, hatte seine drei Söhne spüren lassen, wie gerne er Jurist geworden wäre. Der älteste, Winfried, geboren 1940, schrieb sich in Heidelberg ein. Dort begegnete er schon früh dem liberalen, reformorientierten Strafrechtslehrer Arthur Kaufmann. Das Treffen kam eher zufällig zustande, war aber sehr prägend für Hassemers weiteres Berufs- und Geistesleben. Und nicht nur für ihn. Auch seine Brüder, einer wurde später Umwelt- und Kultursenator in Berlin, sollten bei Kaufmann studieren und im Strafrecht promovieren. „Das ist doch verrückt“, sagt Winfried Hassemer heute.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.