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Heidenrod : Windpark erfüllt Erwartungen

  • -Aktualisiert am

Überragend: Der Windpark in der Untertaunusgemeinde Heidenrod Bild: Cornelia Sick

Während die Rheingauer über Windräder streiten, klingelt in Heidenrod die Kasse. Die Gemeinde kann mit 800.000 Euro Einnahmen durch den Windenergiepark Heidenrod rechnen - Geld, das die klamme Kommune gut brauchen kann.

          Wie unstet der Wind im Untertaunus den Ökostrom fließen lässt, zeigt sich gut an einer Fieberkurve im Internet. Längeren Phasen mit mehr als 25.000 Kilowatt Leistung folgen Stunden, in denen alle Rotoren stillstehen. Die Windenergiepark Heidenrod GmbH veröffentlicht das Auf und Ab des Stromertrags gut nachvollziehbar auf ihrer Homepage (www.windpark-heidenrod.de/die-gesellschaft/ueber-uns.html).

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Unter dem Strich allerdings ist das vom Energieversorger Süwag und der Gemeinde Heidenrod getragene Unternehmen mehr als zufrieden. Der angepeilte Jahresertrag von rund 91.000 Megawattstunden Strom sei im Alltagsbetrieb realistisch, sagt Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD). Zwar sei der Oktober unerwartet windschwach gewesen, doch in den übrigen Monaten habe der Park mit seinen zwölf Rotoren des Typs GE 2,5-120 jeweils zwischen 115 und 125 Prozent des prognostizierten Stromertrags erreicht.

          Die Einnahmen können dazu beitragen, Steuererhöhungen zu vermeiden

          Damit sind auch die erhofften Einnahmen der Gemeinde in Höhe von jährlich 800.000 Euro realistisch, die sich aus Pachteinnahmen, Gewerbesteuer und Stromverkauf zusammensetzen. Diefenbach sieht in der bisherigen Bilanz zudem ein starkes Argument gegenüber den Heidenrodern, sich über die schon vereinbarte Bürgerbeteiligung unmittelbar an dem Windpark zu beteiligen. Zehn Prozent der Gesellschaft sollen dazu an eine Genossenschaft übertragen werden, an der die Bürger Anteile zeichnen können.

          Die Kommune zieht aber auch noch in anderer Hinsicht echten Gewinn aus dem Windpark. Das geht aus einer Studie zur „Kohlenstoffdioxid-Reduktion und Wertschöpfung in der Region durch erneuerbare Energie am Beispiel der Gemeinde Heidenrod“ hervor, die der Ökonom Markus Schmidt zusammen mit dem Kompetenzzentrum Erneuerbare Energie (KEE) des Rheingau-Taunus-Kreises verfasst hat.

          In dem 30 Seiten umfassenden Papier betrachtet Schmidt vor allem den Windenergiepark, den privaten Naturenergiepark Heidenrod mit seinen Windrädern, Solarmodulen und dem Biomassekraftwerk (Stromertrag 37 Millionen Kilowattstunden) sowie eine weitere private Gesellschaft, die drei moderne Windräder bei Kemel betreibt (Stromertrag 17 Millionen Kilowattstunden).

          In der Röhre: Innenansicht eines rund 200 Meter hohen Windrads

          Schmidt kommt zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass in Heidenrod aus der Erzeugung von jährlich mehr als 140 Millionen Kilowattstunden Strom eine kommunale Wertschöpfung von geschätzt 3,65 Millionen Euro resultiert. Mit knapp 70 Prozent sei der Großteil den Windenergieanlagen zu verdanken, gefolgt von Biomasse und Solarenergie. Diese Einnahmen seien für die strukturschwache Gemeinde mit ihren knapp 8000 Einwohnern von großer Bedeutung und könnten dazu beitragen, Steuererhöhungen zu vermeiden, kommunale Leistungen für die Bürger zu erhalten und eine weitere Landflucht zu verhindern.

          Der Rheingau-Taunus-Kreis verfehlt sein selbstgestecktes Ziel

          Die Wertschöpfung hätte er in dieser Höhe nicht erwartet, sagt Bürgermeister Diefenbach, aber sie sei „eine massive Bestätigung unseres Bauchgefühls“. Nach Ansicht von Manfred Vogel und Ingrid Reichbauer vom KEE gibt Heidenrod den übrigen Kommunen im Rheingau-Taunus ein gutes Beispiel. Allein der Windpark an der B260 erzeuge rechnerisch genügend Strom für 26.000 Drei-Personen-Haushalte und damit weit mehr, als in Heidenrod selbst benötigt werde. Insgesamt stehe Heidenrod für rund 40.000 mit kommunalem Ökostrom versorgte Haushalte. Damit würde der Ausstoß von knapp 110.000 Tonnen Kohlendioxid verhindert – die Zahl entspreche mehr als 40.000 Tonnen Kohle. Dieser Wert könnte sich noch erhöhen, wenn die Gemeinde den geplanten, kleineren Windpark bei Springen mit drei bis vier Windenergieanlagen in Abstimmung mit privaten Investoren tatsächlich errichte.

          Damit würde der aktuell erreichte Anteil an im Landkreis erzeugter erneuerbarer Energie am Stromverbrauch von 28 Prozent weiter steigen. Bei der Wärme liegt der Anteil bei fünf Prozent. Allerdings ist schon jetzt absehbar, dass der Rheingau-Taunus das selbstgesteckte Ziel verfehlen wird, schon bis 2020 den gesamten Stromverbrauch aus erneuerbaren Energien zu decken. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten nach den Angaben des Konzepts Erneuerbare Energie mehr als 100 Windräder in Rheingau und Untertaunus aufgestellt werden.

          Schon jetzt lässt sich absehen, dass dieses Ziel angesichts der Zurückhaltung vieler Kommunen und wegen vielerlei Restriktionen nicht zu halten ist. Das bestätigen sowohl KEE-Geschäftsführer Vogel als auch Autor Schmidt. Für den Kreis sei die Windkraft die kostengünstigste und effektivste Form der erneuerbaren Energiegewinnung, heißt es als Fazit in der Studie. Daher seien ohne den Ausbau der Windenergienutzung die klimapolitischen Ziele „nach derzeitigem technischen Stand nicht zu erreichen“.

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