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Wilhelm Genazino liest : Es kommt etwas dazwischen

Wilhelm Genazino in der Frankfurter Romanfabrik Bild: Helmut Fricke

Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino liest aus seinem Roman, der im Sommer erscheint. Der Romanheld, ein Radiosprecher, ist ein besserer Beobachter, als ihm guttut.

          Die Rettung liegt in der Biobäckerei. Sie bietet Zuflucht vor dem Lärm der Baustelle draußen auf der Straße und dem Duftschwall, der aus dem Parfümladen dringt. In der Bäckerei schaut der Erzähler von Wilhelm Genazinos neuem Roman oft vorbei. Dort kauft er das Dinkelbrot, das seiner Freundin Carola so gut schmeckt. Weil er dafür gelegentlich weite Anfahrten in Kauf nimmt, steht er bei Carola im Ruf besonderer Fürsorglichkeit. Es könnte alles so schön sein zwischen ihm und ihr. Aber eigentlich ist nichts gut in der Beziehung zwischen dem verkrachten Radiosprecher und der fast Vierzigjährigen, die ihn vor einiger Zeit mit dem Wunsch nach zwei Kindern verschreckt hat und ihm sagt, er solle endlich ans Theater zurückkehren. „Außer uns spricht niemand von uns“ heißt der Roman, der im Sommer bei Hanser erscheint. In der Frankfurter Romanfabrik las der Büchner-Preisträger nun die ersten vierzig Seiten des Buches.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Erzähler hat mit sich und der Welt die für Genazinos Helden üblichen Probleme - Jedermann-Schwierigkeiten, mal groß und philosophisch, mal klein und gewöhnlich. Er fürchtet, geizig und vergesslich zu werden, hat aber ein verdrehtes Vergnügen am eigenen Verfall: „Es war mir recht, dass ich sichtbar alterte.“ Wenn schon alles immer schlimmer wird, dann aber auch richtig. Noch allerdings kämpft er. Im Rundfunk, für den er gerade einen Roman einliest, würde er gerne Moderator werden, aber das ist schwer. Also moderiert er seit einiger Zeit Modeschauen in der Provinz: „Ich konnte nur schwer akzeptieren, dass mein Leben in einem Landcafé dahinging.“

          Hellsichtige wie vernagelte Protagonisten

          Er ist zynischer, als er sein müsste und ein besserer Beobachter, als ihm guttut. Er durchschaut nicht nur sich selbst, sondern nimmt auch seine Umgebung sehr genau wahr. Zum Beispiel die Bettler unten auf der Straße, für die er sich interessiert, weil er sich schon jetzt den Tag ausmalt, an dem auch er in den Mülleimern wühlen muss. In der Wohnung ärgert Carola sich derweil über die Bücher, die er beim Lesen unter die Regale geworfen hat, während er sich noch immer genau daran erinnert, dass unter dem einen „Zärtlich ist die Nacht“ von F. Scott Fitzgerald liegt, während unter dem in der Küche „Ediths Tagebuch“ von Patricia Highsmith und „Zeit und Ort“ von Juri Trifonow verstauben.

          Wie Genazino es weitergehen lässt mit seinem ebenso hellsichtigen wie vernagelten Protagonisten, muss bis zum Erscheinen des Buches offenbleiben, das zwischen Juli und September herauskommt. Vor der Buchmesse also, was Genazino freut, denn von den Anstrengungen, die sie Autoren mit gerade erschienenen Büchern abverlangt, hat er genug. Schon als Jugendlicher hat er die Bücherschau zum ersten Mal besucht, damals noch von seiner Heimatstadt Mannheim aus. Auf dem Frankfurter Messegelände sah er damals den erschöpften Heinrich Böll am Verlagsstand sitzen. Er habe ihn vor lauter Freude und Ehrfurcht nicht angesprochen: „Das habe ich mir später als Verdienst angerechnet.“

          Aus Notiz-Schnipseln wird ein Roman

          Autoren sollte man lieber ihrer Arbeit nachgehen lassen. Das Manuskript seines neuen Buches hat Genazino schon an den Verlag nach München geschickt, getippt wie immer auf der Schreibmaschine. Dem Computer vertraut er auch weiterhin nicht, dem Smartphone schon gar nicht. Immer wieder, erzählt er im Gespräch mit Romanfabrikleiter Michael Hohmann, frage er sich, worauf die gebannt auf ihr Telefon starrenden Menschen in der U-Bahn eigentlich warteten: „Was soll denn da auf dem Bildschirm auftauchen?“ Das Glück? Das erlebe man eher auf andere Art: „Wenn man aus der Bahn steigt und eine verirrte Ente sieht.“ So ist es ihm selbst passiert. Er hat auch die Gänse bemerkt, die sich hinter seinem Haus von Zeit zu Zeit niederlassen und langsam den schweren Körper ins Gras schaukeln: „Sie legen sich hin, als hätten sie gewusst, dass hier eine Art Sofa für sie bereitsteht.“ Dass ihnen dabei jemand zusieht, wissen sie nicht. Der Schriftsteller ist es: „Und ich schreibe natürlich mit.“

          Noch immer beruhen seine Romane vor allem auf Notizen. Einen Zettel zieht Genazino in der Romanfabrik aus der Tasche: „Staub hängt an den Drähten.“ Festgehalten hat er die Beobachtung auf dem Weg zur Lesung. Aus Schnipseln wie diesem wird das Ganze. Ein „spielerisches Buch“ habe der neue Roman werden sollen, fügt er hinzu. Diesmal mit Schnitten zwischen den einzelnen Szenen, die ein wenig abrupter anmuten als sonst: „Es zählt das stimmenreiche Durcheinander.“ Auf diese Art spiegelt der Stil des Buches perfekt die Stimmung des Erzählers. Der drückt es so aus: „Ein zusammenhängendes und bedeutsames Leben gelang mir wieder nicht.“ Die Belanglosigkeiten des Alltags kommen ihm dazwischen, die „rätselvollen Splitter“, die das Durchstehen des Lebens ausmachen. Aus diesem Rätsel, sagt Genazino, gebe es manchmal einen Ausweg und manchmal nicht: „So wie hier.“ Das klingt nicht danach, als würden Carola und ihr widerstrebender Freund ihre Probleme nachhaltig lösen. Was sie stattdessen mit ihrem Leben anstellen, ist in einigen Monaten zu erfahren.

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