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Wilhelm Genazino : Die Lebenskunst der Ratlosen

  • -Aktualisiert am

Wilhelm Genazino, hier 2016 Bild: Helmut Fricke

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino stellt im Frankfurter Literaturhaus seinen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ vor. Das neue Werk zeigt wieder einmal die Kunst des Alltags-Collagierers Genazino.

          Die für die Jahreszeit üblichen Infekte machen auch vor der Literatur nicht halt. Anstelle der erkälteten Sandra Kegel, Literaturredakteurin im Feuilleton dieser Zeitung, saß ihr Kollege Hubert Spiegel auf dem Podium im Frankfurter Literaturhaus und stellte gemeinsam mit einem ebenfalls hörbar verschnupften Wilhelm Genazino dessen neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ vor.

          Zuvor hatte Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt auf das passende Datum der Veranstaltung hingewiesen, schließlich sei „jedes Buch von Wilhelm Genazino in gewisser Weise ein Beitrag zum Valentinstag“. Tatsächlich geht es auch in diesem neuen Werk im allerweitesten Sinne um Liebe, um das notorische Missverstehen zwischen Männern und Frauen, um das immer neue Aufflammen der Gefühle, um deren Absterben, um das Scheitern. Insofern lag Hubert Spiegel sehr richtig mit seinem halbernsten Valentinstag-Rat an frisch Verliebte, mit der Lektüre des Buches doch ein wenig zu warten.

          Ein am Leben leidender, nicht mehr ganz junger Mann

          Wie fast alle Figuren des Büchner-Preisträgers, so ist auch der Ich-Erzähler dieses Romans ein am Leben leidender, nicht mehr ganz junger Mann. Er trifft seine geschiedene Frau nach langer Zeit wieder, räsoniert über die seltsame Verwandtschaft der Wörter „ehemalig“ und „Ehe“. Spiegels Frage, wie eng all diese traurigen, lebensuntüchtigen Gestalten mit dem Autor verwandt seien, überhörte Genazino geflissentlich. Wie man ohnehin den Eindruck hatte, dass er sich aus der Flut der klugen Anmerkungen Spiegels, ganz in der Manier der Politiker, nur die Denkanstöße herauspickte, auf die zu antworten er Lust hatte.

          So erzählte er mehr als einmal und nicht ohne berechtigten Stolz über die zeitaufwendige Suche nach einem geeigneten Titel. Spielerisch setze er dabei immer neu verschiedene Wörter zusammen, erprobe den Klang, schlafe eine Nacht darüber, formuliere neu, lasse dies dann wieder einige Tage oder Wochen liegen, bis dann irgendwann der Tag komme, an dem der Verleger zum ersten Mal mit dem Titel konfrontiert werde. Und auf durchaus ähnliche Weise komme auch ein Gutteil seiner Romane zustande.

          Der gnadenlose Blick des Erzählers

          Das siebte Kapitel aus „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“, das Genazino im ausverkauften Literaturhaus vorlas, zeigte wieder einmal ebendiese Kunst des Alltags-Collagierers Genazino, der eine Fülle aus haupt- und nebensächlichen Beobachtungen, Reflexionen und Rückblenden zu einem so dichten Beziehungsgeflecht zu verweben weiß, dass man diese Fülle beim durch allerlei Schneuzen unterbrochenen Vorlesen gar nicht zu erfassen vermochte. Unvermittelt erinnert sich der Mann an Erlebnisse aus seiner Kindheit, beobachtet den Zusammenprall eines Vogels mit einer Straßenbahnoberleitung, berichtet lakonisch vom Unfalltod seiner geschiedenen Frau, von seinen Gefühlen während der Beerdigung.

          Dabei wechselt nicht nur die Zeitebene bisweilen mitten im Satz. Ebenso leicht gehen traurige, ja tragisch anmutende Passagen in ein mit trockenem Humor erzähltes Parlando über. Immer gleich bleibt der gnadenlose Blick des Erzählers auf sich und auf andere, und immer wieder staunt man über brillant komplexe Zusammenhänge auf einen Nenner bringende Sätze von, wie Spiegel mehrfach betonte, „aphoristischer Qualität.“

          Nur eine gute Stunde durfte das Publikum diesem erneuten literarischen Versuch Genazinos, „aus der Ratlosigkeit so etwas wie eine Lebenskunst zu machen“ (Spiegel), lauschen, zu mehr reichte offenkundig die Energie des erkälteten Fünfundsiebzigjährigen nicht. Aber das Vergnügen, dieses subtile Spiel mit Tragik und Komik, vor allem aber Genazinos Freude am Gelingen mitzuerleben, war dennoch groß.

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