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Wilfried Elste : Gefühle haben auf der Bühne nichts zu suchen

Standhaft: Der Schauspieler Wilfried Elste lebt und arbeitet schon seit 1972 in Frankfurt. Bild: Röth, Frank

Nach 40 Jahren auf der Bühne des Frankfurter Schauspiels ist Wilfried Elste zum Ehrenmitglied der Städtischen Bühnen ernannt worden.

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          Er sprudelt über. Keiner im Ensemble des Frankfurter Schauspiels hat so viel zu erzählen wie Wilfried Elste: Sechs Oberbürgermeister (Arndt, Wallmann, Brück, Hauff, von Schoeler, Roth) und sieben Direktorien/Intendanzen (Palitzsch, Minks/Schaaf, Dresen, Rühle, Doll, Eschberg, Schweeger) hat er erlebt. Ein Kommen und Gehen. Er aber ist geblieben. Nun erfährt er mit Peter Feldmann (SPD) den siebten Oberbürgermeister und arbeitet für den achten Intendanten, wenn auch nicht mehr als festes Ensemble-Mitglied. Der Magistrat der Stadt Frankfurt hat den Schauspieler, der dieser Stadt seit 1972 die Treue hält, zum Ehrenmitglied der Städtischen Bühnen ernannt. Kurz zuvor hatte Elste noch als Goethes Türmer die geflügelten Worte gesprochen: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt.“

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie scheint ihm wirklich zu gefallen. Dabei hat er schon als Kind gesehen, was seinen naiven Lynkeus im „Faust II“ entsetzt: brennende Häuser. 1939 als Sohn einer Bäuerin und eines Kunstmalers im schlesischen Nowa Karczma, dem damaligen Neu Kretscham, geboren, lernte er auf der Flucht mit dem Pferdewagen Angst und Not kennen. In Bad Sachsa im Harz ließen sich seine Eltern nieder. Später zogen sie um nach Hannover, wo der Vater eine Stelle als Graphiker gefunden hatte. Der Filius träumte vom Zirkus und wollte Dompteur werden. Da ihm die Eltern zu einem soliden Beruf rieten, lernte er Tischler, engagierte sich aber nebenbei in einer Laienspielgruppe. Nach der Gesellenprüfung bereitete er sich heimlich auf die Hochschule für Musik und Theater vor.

          „Es war ein Geschenk“

          Als er auch diese Hürde genommen hatte, fielen zwar alle aus den Wolken, aber niemand war ernsthaft böse. Für die Spielzeit 1960/61 suchte Karl Viebach, Intendant des Theaters in Schleswig, neue Gesichter für die Inszenierungen von „Andorra“, Minna von Barnhelm“ und „Biedermann und die Brandstifter“. Alle drei Stücke boten passende Rollen für den 21 Jahre alten Elste. Zwei Jahre blieb er in Schleswig und spielte die großen Rollen, die woanders den gestandenen Akteuren vorbehalten waren. Dann holte ihn Regisseur Günther Rennert für seinen „Woyzeck“ nach Stuttgart. 1964 kam Peter Palitzsch und „mit ihm eine ganz neue Zeit“. Sieben Jahre lang arbeitete Elste in Stuttgart mit Regisseuren wie Peter Zadek, Niels-Peter Rudolph, Hans Neuenfels, Hans Hollmann und eben Palitzsch.

          „Es war ein Geschenk“, sagt er heute über seine Zusammenarbeit mit dem Schauspieldirektor. 1972 folgte er dem Brecht-Assistenten ans Schauspiel Frankfurt. Schon in Stuttgart hatte Palitzsch die internen Strukturen demokratisiert. Als er die Mitbestimmung unter dem damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) einführte, hatte sich das Modell aber schon ziemlich verbraucht. Dennoch: Der Frankfurter „Urfaust“ hat 1974 als erste Kollektiv-Inszenierung Theatergeschichte gemacht: mit Elste in der Rolle des Wagner. Den Kontakt zu Palitzsch hat er niemals abreißen lassen. Mit Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, an der er bis heute einen Lehrauftrag hat, organisierte er einen Workshop mit dem greisen Meister und nach dessen Tod 2004 eine Gedenk-Matinee am Berliner Ensemble und am Frankfurter Schauspiel.

          Selten wurde Elste als Protagonist eingesetzt

          Die Ästhetik des epischen Theaters, die Palitzsch von Brecht gelernt hatte, prägt noch heute Elstes Spiel. Um zu erklären, was damit gemeint ist, zitiert er Wolfgang Deichsel: „Gefühle haben auf der Bühne nichts zu suchen. Dasein musste. Und guck’ nicht nach innen, da findste nichts.“ Distanz zur eigenen Rolle halten, das ist sein Credo. Aber: „Nicht danebenstehen.“ Einmal hat er die Distanz zur Rolle verloren. Das war am 1. März 1995, als er in der „Männergesellschaft“ von Edward Bond einen Menschen spielen musste, der in einer Nacht alles verliert: Familie, Haus, Arbeit und Geld. Der Schauspieler verlor Kontrolle und Orientierung, konnte sich nur noch im Kreis bewegen. Ein Arzt diagnostizierte einen Blutdruck von 280, ein Krankenwagen fuhr den Patienten nach Hause. Zwei Vorstellungen fielen aus. Dann fand er zurück zum Spiel.

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