https://www.faz.net/-gzg-8n75f

Wildschweine als Plage : Die Bache mit Nachwuchs vor dem Supermarkt

Kulturfolger: Nicht nur in Berlin, auch in Frankfurt tummeln sich Wildschweine längst nicht mehr nur in Wäldern und auf Mais-Äckern Bild: picture alliance / Arco Images G

Es ist Herbst, und die Wildschweine sind zurück. Sie kommen aus dem Stadtwald und pflügen in den Wohngebieten von Goldstein und Schwanheim in Frankfurt die Vorgärten um. Die Anwohner haben genug davon.

          4 Min.

          Rouven Krause hat zurzeit oft dreckige Schuhe. Denn der Mann, der in Goldstein wohnt, investiert viel Zeit, um Bekannte und Fremde durch sein Wohngebiet am Heidebuckel nahe dem Waldfriedhof zu führen. Auf den Touren tritt er in den Vorgärten, auf den Rasenflächen und Fußwegen in viele Erdhaufen. Aber schmutzige Schuhsohlen stören ihn nicht mehr. Krause will nur, dass es endlich alle erfahren: Er hat genug von den Wildschweinen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aus seiner Wohnung im letzten Haus der Straße ist das Werk der Schweine gut zu sehen. Zwischen Stadtwald und Siedlung sind alle Wiesen umgepflügt. „Das ist vielleicht eine Woche alt“, sagt Krause, der seit zwei Jahren dort wohnt. Der sehr große Mann begegnet den Tieren, wenn er aus dem Haus kommt. Er hört sie kommen, wenn sie in den Abend- und Morgenstunden im Wohngebiet nach Wurzeln suchen, nach Eicheln, eiweißreichen Larven und Müll. Dann graben sie Rasenflächen und Vorgärten um, zerren Tüten aus Abfallbehältern und belagern Parkplätze, auf denen Anwohner nach der Arbeit ihre Autos abstellen wollen. Manchmal, sagen die Menschen am Heidebuckel, lägen die Schweine den ganzen Tag im Gebüsch herum.

          Stapelweise Unterlagen

          In Goldstein und Schwanheim gibt es auch dieses Jahr wieder ein Wildschweinproblem. Wer Krause fragt, hört von ihm, dass an allen Ecken gepfuscht werde. Seit fast einem Jahr hat der Rechtswissenschaftler stapelweise Unterlagen zu seinen Auseinandersetzungen mit den Behörden gesammelt. Seine Erkenntnis: Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, allen voran die ABG, seien verantwortlich für die Misere mit den Wildschweinen, aber auch die städtische Verwaltung habe ihren Anteil. Jeder wisse, dass am Heidebuckel viele Sozialhilfeempfänger und Senioren lebten, die entweder kein Geld hätten oder keine Kraft. Deshalb werde nichts getan. Er will das jetzt ändern.

          Peter und Ursula Scherer sagen: „Ein Zaun wäre gut.“ Das Paar wohnt im Haus neben Krause und hat eigene Erfahrungen mit den Schweinen. Seit 2015, sagen sie, sei es deutlich schlimmer geworden. Sobald es dunkel ist, gehen sie nur noch ungern vor die Tür. Peter Scherer ist am Flughafen beschäftigt. Er hat es aufgegeben, mit dem Rad durch den Wald zur Arbeit zu fahren. Das sei inzwischen viel zu gefährlich. Und Ursula Scherer erinnert sich, wie vor ein paar Jahren zwei Säue durch die Gartenanlage liefen und eine im Gartenhaus der Schwägerin landete. „Dann kam die Polizei und wollte die am helllichten Tag vor den Kindern abschießen“, sagt Scherer und schüttelt den Kopf.

          Besuch vor dem Supermarkt

          Die Goldsteiner erzählen sich viele solcher Geschichten: Wie eine Bache mit Frischlingen während der Öffnungszeiten vor dem Supermarkt stand. Wie der Hund eines Nachbars angegriffen und schwer verletzt wurde. Wie Kinder vor einem Keiler auf einen Laternenmast flüchteten.

          Für das Problem gibt es viele Gründe und viele Lösungsideen. Wegen der milden Winter und des guten Futterangebots sind die Wildschweinpopulationen in den südmainischen Stadtgebieten seit etwa zehn Jahren stetig gewachsen. Manche Tiere werden immer noch gefüttert, andere kommen wegen der beliebten Eicheln bis in die Wohnviertel. Sie haben ihre Scheu abgelegt. Rouven Krause sagt: „Die Sau weiß, dass sie keiner jagt.“

          Die zuständige Wohnungsgesellschaft müsste die Büsche auf den Grünstücken stutzen, die den Wildschweinen in der Nähe des Waldrands Schutz bieten. Nach den Worten von Frank Junker, Geschäftsführer der ABG Holding, wird das Unterholz unmittelbar neben der Siedlung am Heidebuckel regelmäßig zurückgeschnitten. Die Anwohner bestreiten das. Sie berichten außerdem von einem Zaun, der lange Zeit parallel zu den Bahngleisen verlief und Sicherheit vor den Tieren aus dem Wald bot. Der sei vor Jahren erst demoliert und dann abtransportiert worden. Junker sagt, er wisse nichts von einem Zaun. Und er sagt auch: „Ich verstehe den Wirbel nicht. Wer am Stadtrand lebt, muss damit rechnen, dass ihm Tiere begegnen.“ Man könne nicht den gesamten Stadtwald einzäunen. Und ein Zaun würde das Eindringen der Wildschweine auch nicht verhindern. Dass mehrere Spielplätze im Wohngebiet umzäunt sind, begründet er nicht mit dem Schutz vor Wildschweinen, sondern damit, dass Kinder so sicher verwahrt seien.

          Weitere Themen

          Unter Waldkindern

          Ab in die Botanik : Unter Waldkindern

          Die Waldkindergartenkinder brauchen kein Spielzeug, sind weniger krank und kennen kein schlechtes Wetter. Warum das Konzept trotzdem exklusiv bleiben sollte.

          Eine Offenbarung des Hasses

          FAZ Plus Artikel: Anschlag in Halle : Eine Offenbarung des Hasses

          Stephan B. zeigt in dem Video, das er von seiner Tat aufgenommen hat, Menschenverachtung und einen tiefsitzenden Antisemitismus. Am Tag danach fragen viele nach dem gesellschaftlichen Nährboden für den Hass – und wie man den Rechtsextremismus bekämpfen kann.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.