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Neues Kongresszentrum : Topmoderner Zuschussbetrieb

Energiefresser: Die Betriebskosten des Wiesbadener Kongresszentrums sind höher als erwartet. Bild: Ly, Martin

Wiesbadens neues Kongresszentrum erfordert deutlich höhere Subventionen als erwartet. Das liegt nicht nur an den Kosten für Zins und Abschreibung.

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          Es ist ein architektonisch gelungenes Schmuckstück, errichtet im Zeit- und im Kostenrahmen. Es ist der 194 Millionen Euro teure, Beton, Stahl und Glas gewordene Stolz der Landeshauptstadt und überdies noch besser gebucht als zum Start erwartet. Finanziell aber bereitet das neue Kongresszentrum RMCC den Kommunalpolitikern einiges Kopfzerbrechen. Denn das 2013 erstellte Gutachten zu den Betriebskosten des Hauses erweist sich 18 Monate nach der feierlichen Eröffnung des RMCC als nicht mehr haltbar. Und obwohl das Kongresszentrum das modernste seiner Art in Deutschland ist, wird sein Betrieb auf Dauer teurer als zunächst angenommen. Dabei hatte der Bau schon vor der Eröffnung im April 2018 von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen die höchste Auszeichnung „Platin“ erhalten. Vor einem Jahr gab es noch „Diamant“ für „herausragende gestalterische und baukulturelle Qualität“. Das RMCC selbst wirbt für sich mit den „besten Zertifizierungsstandards“ und der „höchsten Energieeffizienz“.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dennoch wird der Betrieb des Kongresszentrums in diesem Jahr rund drei Millionen Euro teurer als geplant. Und das, obwohl der Plan nur einen Umsatzerlös aus Veranstaltungen in Höhe von acht Millionen Euro vorgesehen hatte, tatsächlich aber sogar 10,7 Millionen Euro erzielt wurden. Auch die Erlöse aus der Vermietung von Parkgarage und Gastronomie übertrafen die Erwartungen um fast 500 000 Euro.

          Doch in der Vorlage an die Stadtverordneten ist von einer „neuen Kostenwirklichkeit“ die Rede und dem Eingeständnis, dass das Haus nicht zu den ursprünglichen Annahmen betrieben werden kann. Allein die Energiekosten liegen in diesem Jahr mit fast 1,1 Millionen Euro um mehr als das Doppelte über dem Plan.

          Der Geschäftsführer der kommunalen Eigentümergesellschaft Triwicon, Martin Michel, gibt unumwunden zu, dass die Fachleute im Vorfeld die Betriebskosten zu gering angesetzt hätten. Gerade die Modernität wird zur finanziellen Last, weil die digitale Steuerung ein Stromfresser ist und weil überdies die Stromkosten seit 2013 deutlich gestiegen sind. Da helfen auch die Solarzellen auf dem Dach nicht, weil der Stromverbrauch die Eigenerzeugung deutlich übersteigt.

          Ein technisch derart hochgerüstetes Haus verlangt zudem einen höheren Wartungsaufwand. Statt 40 Wartungsverträge in den alten Rhein-Main-Hallen hat Michel rund 70 Wartungsverträge im Volumen von jährlich 800 000 Euro schließen müssen. Und weil die kommunale Tochter Triwicon nicht nur für das Kongresszentrum zuständig ist, sondern auch das Kurhaus und das Jagdschloss Platte pflegen muss, liegt ihr Etat für Instandhaltung im Jahr bei 1,55 Millionen Euro. Rund 400 000 Euro mehr als im Plan verankert.

          Auch die Logistik im RMCC hat sich als zeit- und personalaufwendig erwiesen. Dazu gehört die Koordination der Be- und Entladung von Lastwagen mit Material für die Messen und Veranstaltungen. Fast 200 000 Euro über dem Plan liegen wegen der hohen Zahl von Glasflächen die Reinigungskosten für das Kongresszentrum, das sich seinen Kunden schließlich in tadellosem Zustand präsentieren muss. Auch die Bewachung ist teuer. Unter dem Strich kommt das Kongresszentrum die Landeshauptstadt deutlich teurer als erwartet. Der Betriebskostenzuschuss für 2020 muss von 12,1 auf 13,5 Millionen Euro angehoben werden, und 2021 werden statt 11,4 rund 12,5 Millionen fällig.

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