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Wiesbadens Bewerbung um Weltkulturerbe : Krisenstimmung in der Kurstadt

Kochbrunnen in Wiesbaden: Die Bewerbung um den Status als Weltkulturerbe ist zurzeit wenig aussichtsreich, schätzt Oberbürgermeister Sven Gerich. Bild: Michael Kretzer

Streit auf europäischer Bühne: Bei der gemeinsamen Bewerbung „Great Spas of Europe“ sieht Wiesbaden zurzeit wenig Chancen, Weltkulturerbe der Unesco zu werden.

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          Die Bewerbung Wiesbadens um den Status als Weltkulturerbe der Unesco ist zurzeit wenig aussichtsreich. Mit dieser Einschätzung hat Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) am Donnerstagabend die Stadtverordneten überrascht. Experten gäben der Bewerbung im Moment „kaum eine Chance“, berichtete der Sozialdemokrat.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Gleichzeitig bekannte er sich zum ersten Mal persönlich zu dem Projekt, das sein Vorgänger Helmut Müller (CDU) zur Chefsache gemacht hatte. Mit seinen Erläuterungen antwortete Gerich dezidiert auf schriftliche Fragen der stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteherin Katharina Queck (CDU) und der Fraktion der Bürgerliste.

          Deutsche Städte mit schlechten Chancen

          Wie berichtet, bewerben sich sechzehn Kur- und Bäderstädte aus sieben europäischen Staaten gemeinsam als „Great Spas of Europe“. Die hessische Landeshauptstadt gehört ebenso dazu wie neuerdings Bad Homburg und vier weitere deutsche Kommunen. Auf der Liste der Aspiranten finden sich so klangvolle Namen wie Spa, Montecatini Terme, Vichy, Bath und Karlsbad, aber auch weniger prominente Kandidaten. Sie alle wollen mit einer „seriellen Bewerbung“ darauf aufmerksam machen, dass sie Adel und aufstrebendem Bürgertum im 19.Jahrhundert mit ihrer Architektur eine große gesellschaftliche Bühne geboten haben.

          Wiesbaden hatte davon abgesehen, sich im Alleingang zu bewerben, weil deutsche Städte mittlerweile relativ schlechte Chancen haben. Kassel zum Beispiel benötigte von der Anmeldung bis zur Anerkennung als Welterbestätte 26Jahre.

          „Erhebliche organisatorische Unklarheiten“

          Wesentlich aussichtsreicher schien die Konstellation in Tschechien zu sein. Weil die nationale „Tentativliste“ aller Bewerber dort nur kurz war, schlossen sich elf europäische Kommunen im Jahr 2010 unter der Führung von Karlsbad zusammen. Die tschechischen Politiker hätten es „zugelassen und gefördert“, dass sich der Gruppe immer mehr Bewerber angeschlossen hätten, die kaum als „Great Spas“ betrachtet werden könnten, bemängelte Gerich. Diese nicht abgestimmte Ausweitung sehe auch die Unesco kritisch.

          Auch die inhaltliche Konzeption sei verändert worden. Ursprünglich habe die historische Bedeutung der Bäderstädte als „Salon de l’Europe“ im Vordergrund gestanden. Doch inzwischen gehe es nicht mehr so sehr um die gesellschaftliche Funktion der Städte, sondern vor allem um die Kurarchitektur.

          Gerich beklagte „erhebliche inhaltliche und organisatorische Unklarheiten“. Für ein und dasselbe Projekt seien inzwischen fünf internationale Gremien zuständig. Deren Kompetenzen seien „unzureichend abgegrenzt“. Im September habe eine Runde von Experten sich auf einer Tagung in Wiesbaden über die gemeinsame Bewerbung so heftig gestritten, „dass man dies nur als Krise wahrnehmen konnte“.

          Kritik der Bürgerliste zurückgewiesen

          Den Vorgang habe die Verwaltung damals aus diplomatischen Gründen nicht publik gemacht, sagte Gerich. Aus Respekt vor dem Auskunftsrecht der Stadtverordneten wolle er den Ernst der Lage aber nicht länger verschweigen. Im Oktober nahm der Rathauschef Kontakt zu der Referatsleiterin im Auswärtigen Amt, Birgitta Ringbeck, auf. Sie vertritt Deutschland in dem Komitee der Unesco, das eines Tages auch über die serielle Bewerbung entscheidet. Bei einem Besuch Wiesbadens erklärte sie nach Gerichs Worten, dass an der von Tschechien vorgegebenen Organisationsstruktur „noch Optimierungen möglich“ seien. Die Schaffung von zusätzlichen internationalen Gremien habe den Einfluss der einzelnen Städte „sehr stark“ begrenzt.

          Gerich wies die Kritik der Bürgerliste zurück, sich für die Bewerbung nicht ausreichend engagiert zu haben. Das Projekt habe er „in einer kritischen Phase“ übernommen. Die Schwierigkeiten habe auch sein Vorgänger Müller bemängelt. „Zumindest für die Zeit, in der ich Oberbürgermeister bin, kann ich sagen, dass wir die Bewerbung auch unter den schwieriger werdenden Rahmenbedingungen mit Nachdruck verfolgt haben, sowohl nach außen wie nach innen“, konstatierte der Sozialdemokrat.

          „Bevölkerung nicht ausreichend eingebunden“

          Tschechischen Experten habe man die Vorzüge der Stadt im Rahmen eines zweitägigen Besuchs im Einzelnen gezeigt. Außerdem habe Wiesbaden in der Gruppe die Rolle des Schatzmeisters übernommen. Allerdings habe sich seine Hoffnung zerschlagen, dass die im vergangenen Herbst offenkundig gewordene Krise sich rasch überwinden lasse, meinte Gerich.

          Trotz aller Irrungen und Wirrungen finde er die Bewerbung aber „faszinierend“. Gerichs Absicht, sich weiterhin entsprechend einzusetzen, stimmten die großen Fraktionen ausdrücklich zu. Einig war man sich auch darin, dass die Wiesbadener Bevölkerung noch nicht ausreichend in das Projekt eingebunden sei. Im Juli soll ein Symposion sich der Sache annehmen.

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