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Wiesbadens Berufsfeuerwehr : Retter werben um Verstärkung

  • -Aktualisiert am

Tag der offenen Tür bei der Feuerwehr: In Wiesbaden sucht man dringend Nachwuchs. Bild: Michael Kretzer

Wiesbadens Berufsfeuerwehr braucht mehr Nachwuchs. Doch hohe Mieten in der Stadt verschrecken viele potentielle Bewerber.

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          Kinder klettern flink an dem roten Wagen hoch, sitzen hinter dem riesigen Lenkrad und weigern sich beharrlich, aus dem Führerhaus des alten Magirus Deutz der Wiesbadener Berufsfeuerwehr auch wieder auszusteigen. Ihre Eltern bitten, rufen und befehlen mit nur mäßigem Erfolg, denn die Faszination Feuerwehr ist für viele Mädchen und Jungs in dem Auto einfach größer. Die Feuerwehr hat einen tadellosen Ruf, wie an den vielen Besuchern an diesem Tag der offenen Tür der Feuerwache 1 klar zu erkennen ist. Trotzdem fällt es auch den hauptamtlichen Rettern immer schwerer, die Reihen mit geeigneten Bewerbern aufzufüllen. Daher wird gegengesteuert.

          „Wir gehen offensiver an die Nachwuchssuche heran und haben in diesem Jahr mit 19 Auszubildenden den größten Grundausbildungslehrgang, den wir je hatten“, sagt Florian Erbacher. Der Abteilungsleiter Technik ist mit einem fünfköpfigen Team für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Wir müssen Funktionsstärken besetzen, und dafür brauchen wir Personal“, erläutert er an diesem Samstag. Das heißt: Um 45 Funktionsstärken zu besetzen, werden etwa 225 Feuerwehrleute benötigt, die zu den verschiedenen Schichten bereitstehen. Da die starken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, müssen neue Leute eingestellt werden. Nur: „Die Herausforderung, geeignetes Personal zu finden, ist groß“, berichtet Erbacher.

          Um die Herausforderung zu meistern, wollen die Wiesbadener ihre Einstellungsvoraussetzungen ändern. Noch benötigen Feuerwehrleute laut Erbacher eine abgeschlossene handwerkliche Berufsausbildung oder aber das Abitur. „In Hessen fangen die ersten Feuerwehren an, Auszubildende direkt nach dem Schulabschluss einzustellen. Der handwerkliche Ausbildungsteil wird dann von uns vermittelt“, erläutert der 37 Jahre alte Helfer die Idee. Die Frankfurter Berufsfeuerwehr handele entsprechend, Wiesbaden wolle nachziehen. „Wir merken, dass Leute, die schon im Beruf stehen, oft nicht mehr so wechselbereit sind, um zur Feuerwehr zu gehen“, begründet Erbacher den Plan. Folglich müsse es das Ziel sein, Nachwuchs so früh als möglich für die Feuerwehr zu gewinnen.

          Kein Unterschied zwischen den Geschlechtern

          Es gibt jedoch weitere Gründe, warum gute Feuerwehrleute dünn gesät sind – das sind die vorhandenen Fähigkeiten mancher Bewerber. „Wir machen bei der Einstellung keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern“, sagt Erbacher. So gebe es einen Sporttest, der für alle Bewerber gelte, denn Männer und Frauen müssten im Einsatz die gleiche Ausrüstung bedienen und tragen können. Wer das nicht könne, gefährde Leben und Gesundheit seiner Kameraden. „Wir haben definitiv zu wenig Frauen, die den Test schaffen“, beklagt der Sprecher.

          Daher habe die Feuerwehr vor dem jüngsten Einstellungstest einen Schnuppertag angeboten, in dessen Verlauf auch der Sporttest ausprobiert werden konnte. Zudem ist die komplette Einstellungsprozedur auf der Homepage der Feuerwehr einzusehen. Wie wichtig eine solche Vorbereitung ist, belegen die Zahlen. Laut Erbacher schaffen von 300 Anwärtern im Durchschnitt nur 30 den Einstellungstest. Die Prüfung leichter zu machen sei keine Lösung, also müssten mehr Bewerber her. Ob bei den Jugendfeuerwehren der 20 freiwilligen Feuerwehren in Wiesbaden, über Social Media oder am Tag der offenen Tür: Je mehr junge Menschen für den Job des Feuerwehrmanns begeistert werden können und sich dann bewerben, desto mehr schaffen den Test.

          „Wir merken auch den Klimawandel“

          Veränderte Arbeitsgewohnheiten sind ein weiteres Hemmnis, denn immer mehr Retter wechseln laut Erbacher die Wehr im Verlauf ihres Berufslebens; der Konkurrenzkampf ist in vollem Gange. „Wir legen großen Wert auf regionale Bewerber, und das ist gerade im Rhein-Main-Gebiet ein harter Kampf.“ Als Glück bezeichnet Erbacher daher die „starken Jugendfeuerwehren“ in Wiesbaden, die den Nachwuchs für die freiwilligen Feuerwehren ausbilden.

          Die Feuerwehren stehen indes nicht nur beim Nachwuchs vor großen Herausforderungen. Mehr Verkehr und damit mehr schwere Unfälle auf den Autobahnen, technische Neuerungen und auch Fahrzeuge mit alternativen Antrieben seien Gründe dafür, dass die Wehr ihre Mitarbeiter ständig weiterbilden muss. Es sei einfach nicht mehr möglich, dass jeder der 317 hauptamtlichen Wiesbadener Feuerwehrleute alles wisse und könne, erläutert Erbacher.

          „Wir merken auch den Klimawandel“, ergänzt er und nennt die Überschwemmungen im Jahr 2014 und die Hitzewellen der beiden vergangenen Sommer als Beispiele. All dies könne die Berufsfeuerwehr nicht mehr alleine abarbeiten, sie brauche Hilfe der freiwilligen Feuerwehren, die 620 aktive Mitglieder in ihren Einsatzabteilungen zählten.

          Für die Feuerwehrleute selbst in Wiesbaden kommen noch die hohen Mieten hinzu. Sie machen den Beamten im mittleren Dienst zu schaffen. 2700 Euro brutto plus Zulagen verdient ein normaler unverheirateter Feuerwehrmann. „Es war richtig, die Residenzpflicht abzuschaffen. Etwa 70 Prozent unserer Feuerwehrleute wohnen heute nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land und teilweise auch auf der anderen Rheinseite. Im Schichtdienst geht das“, meint Erbacher angesichts der Mieten. Als positiv bezeichnet er, dass die Stadt auf den Wohnungsmangel reagiert habe. Sie informiere die städtischen Mitarbeiter zuerst über eigene freie Wohnungen und gewähre ihnen ein Vorzugsrecht.

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