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Banken im digitalen Zeitalter : Treu zur Filiale und zum Tagesgeld

Will auf der Höhe der Zeit bleiben: Wiesbadener Volksbank Bild: Frank Röth

Geld abheben mit dem Smartphone? Anlageberatung online? Die Wiesbadener Volksbank setzt auf Digitalisierung und plant eine eigene Zukunftswerkstatt. Doch nicht alle Kunden wollen Veränderung.

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          Den Bankdirektor plagten Geldprobleme. Er hatte sein Portemonnaie vergessen, als er mit seiner Frau auf dem Weg zum Wiesbadener Weihnachtsmarkt war, erzählte Matthias Hildner. „Aber mein Handy hatte ich ja dabei.“ Damit marschierte er zum Geldautomaten, startete die App seiner Wiesbadener Volksbank und scannte den auf dem Bildschirm angezeigten QR-Code ein. „Prompt kam das Geld raus.“

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit dem Beispiel will Hildner, seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Wiesbadener Volksbank, offenbar zeigen, dass auch seine vergleichsweise kleine Bank auf der Höhe der Zeit ist. Man zähle ja zu den zwölf größten Volksbanken in Deutschland, die Bilanzsumme betrage immerhin fünf Milliarden Euro, rechnet er vor. Aber allein die Frankfurter Volksbank kommt auf zwölf Milliarden. Und selbst diese große Genossenschaftsbank sieht sich inzwischen derart in Nöten, dass sie seit kurzem sogar bereit ist, mit einer Sparkasse Filialen zu teilen.

          Die Banken stehen unter Druck

          Die Banken stehen unter Druck. „Ein nach wie vor herausforderndes Marktumfeld“, nennt Hildner die Lage nüchtern, als er die Jahresbilanz präsentiert. An den Geschäftszahlen 2019 ist dies zunächst kaum zu erkennen: Der Jahresüberschuss ist konstant, der Provisionsüberschuss ist gestiegen, die Anteilseigner dürfen abermals mit einer Dividende von sechs Prozent rechnen. Und auch der Zinsüberschuss ist vergleichsweise stabil, trotz der von Bankern gern beklagten Negativzinsen der Notenbank.

          Doch die Branche steckt mehrfach im Umbruch. Da ist zum einen die Digitalisierung: Immer mehr Menschen erledigen ihre Bankgeschäfte auch über das Internet. Bei der Wiesbadener Volksbank sind es 70 Prozent der rund 120.000 Kunden, jeder zehnte nutzt nach Angaben von Hildner überhaupt keine Filialen mehr. Seit kurzem könne man etwa Überweisungsdaten direkt mit dem Handy einscannen oder sich am Rechner bei Anlageinvestments beraten lassen. Zugleich gebe es 30 Prozent Kunden, die nur an die Bankschalter kämen und weder Smartphone noch Rechner nutzten. Deshalb sei nicht geplant, die seit 2017 stabile Zahl von 23 Filialen und zehn Servicecentern, in denen nur Automaten stehen, zu verringern.

          Hohe Anfrage nach Häuserkrediten

          Zum anderen verschiebt sich das Geschäft. Die Volksbank profitiert derzeit noch von der anhaltenden Nachfrage nach Häuserkrediten. „Wir haben eine extreme Immobilienkonjunktur“, sagt Hildner, der dennoch keine Blasengefahr sieht. Ewig anhalten kann dieser Boom kaum: Inzwischen seien für den Kauf eines Mehrfamilienhauses in Wiesbaden 28 Jahresmieten nötig, um den Kaufpreis zu erwirtschaften – vor zehn Jahren seien es nur 14 gewesen. Festverzinsliche Anlagen wiederum werfen mittlerweile nichts mehr ab. Seit Jahren versucht daher auch die Volksbank, ihre Kunden davon zu überzeugen, in Wertpapiere zu investieren, etwa in Fonds, bei denen das Risiko gestreut ist. Der deutsche Aktienindex Dax etwa hat im vergangenen Jahr um ein Viertel zugelegt. Doch die Kunden bleiben börsenskeptisch. Nur zehn Prozent hätten Wertpapierdepots, berichtet Hildner. Stattdessen sind die Kundeneinlagen (auf Tagesgeld gibt es bei der Volksbank 0,00 Prozent Zinsen) weiter gestiegen, um fünf Prozent auf 3,7 Milliarden Euro.

          Wiesbadener Volksbänker: Vorstände Jürgen Schäfer (links), Matthias Hildner (Mitte) und Jochen Kerschbaumer

          So aber wird Geldverdienen für die Bank immer schwieriger, zumal die Kosten durch Tarifsteigerungen und Investitionen steigen. Ideen für neue Geschäftsmodelle und Einnahmen sollen darum nun von einem neuen Team für Digitalisierung und Innovation entwickelt werden. Zudem plant die Volksbank eine „Zukunftswerkstatt“, in der Mitarbeiter neue Arbeitsweisen ausprobieren sollen – und zwar unabhängig von bestehenden Hierarchien. Die Bauarbeiten dafür beginnen am Donnerstag, die Eröffnung ist für Ostern geplant. Ein Ziel sei natürlich mehr Effizienz, sagt Hildner. „Es geht aber auch darum, die Mitarbeiter auf anstehende Veränderungen vorzubereiten und sie dabei mitzunehmen.“

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