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Fahrradfreunde machen mobil : Das Auto, der blecherne Feind

Gefährliche Ignoranz: Zugeparkter Radweg auf der Wiesbadener Taunusstraße Bild: Cornelia Sick

Beim Radverkehrsforum in Wiesbaden machen Velofreunde ihrem Unmut Luft. Denn 180 Radunfälle im Jahr sind zu viel. Ein Umdenken muss her.

          Auf den Straßen der Landeshauptstadt wird täglich um das eigene Fortkommen und das Überleben im Großstadtdschungel gekämpft. Das zumindest ist der Eindruck, den Besucher des ersten öffentlichen Radverkehrsforums im Wiesbadener Rathaus mit nach Hause nahmen. „Lebensgefährlich“, dieses Wort fiel mehrfach in der Aussprache über die Verkehrssituation aus Sicht der Zweiradfahrer. Eine „friedliche Koexistenz“ – ein Wort aus dem Kalten Krieg – zwischen Omnibussen und Radlern auf der Busspur sei nicht mehr möglich.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dass Wiesbaden zu den am wenigsten fahrradfreundlichen Großstädten der Republik gehört, wurde ihr schon mehrfach bescheinigt. Das zu ändern ist die Mission von Verkehrs- und Umweltdezernent Andreas Kowol (Die Grünen). Er hat das große Glück, dass ein drohendes DieselFahrverbot all seinen Initiativen politischen Rückenwind gibt. Obendrein schwimmt die Stadt derart im Geld, dass sie nicht nur Personal für ein Radbüro einstellen kann, sondern auch noch drei Millionen pro Jahr für Projekte, die Radfahrern den Weg ebnen sollen, auszugeben bereit ist.

          Immer mehr Fahrradfreunde

          Noch haben die Velofreunde nur einen Anteil von höchstens sechs Prozent am gesamtstädtischen Verkehr, doch Kowol zeigt sich zuversichtlich, dass sich der schnell verdoppeln lässt. Sein Dezernat ist dabei, die Infrastruktur zügig zu verbessern. An rund 1000 Standorten wurden mehr als 2000 Wegweiser für Radler aufgestellt, dazu 500 Stellplätze im Stadtgebiet geschaffen. Neue Markierungen für Radschutzstreifen wurden auf viele Straßen gepinselt. An Friedrich-Ebert-Allee, Äppelallee und Kasteler Straße werden derzeit neue Radfahrstreifen markiert. Die Saarstraße folgt im nächsten Jahr, um bis 2020 ein „Grundnetz“ für die Radler zu knüpfen. Dazu soll auch die Kaiserbrücke als Verbindung zwischen Mainz und Wiesbaden gehören. Und mit 7500 Kunden und 28.500 Fahrten hatte das neue Mietfahrradsystem der Eswe einen guten Start. Elektroräder sollen möglichst bald das Programm erweitern.

          Zufrieden sind die Radler aber nicht, wie die Diskussion auf dem Forum zeigte. Dass Busse und Radler sich eine Spur teilen, scheint nicht nur ihnen unzeitgemäß. Die Busfahrer müssten dringend geschult werden, mehr Rücksicht auf Radler zu nehmen, hieß es unter Beifall im gut gefüllten Sitzungssaal. Der wahre Feind sei aber das Auto. Dessen Fahrer sollten nach dem Wunsch einiger Radler schon am Ortseingang klar darauf hingewiesen werden, dass sie einen Abstand von mindestens 1,50 Meter einzuhalten hätten. Nach den Beobachtungen des leidenschaftlichen Radfahrers Kowol sind es derzeit nur „null bis 50 Zentimeter“.

          „Verheerende Ergebnisse“

          Von einem Forschungsprojekt, das die Hochschule Rhein-Main zu den Überholabständen im Straßenverkehr ankündigte, erwartet der Verkehrsdezernent daher „verheerende Ergebnisse“. Mit dem zügigen Personalaufbau bei der Verkehrsüberwachung erwartet Kowol aber immerhin, dass sich die beklagenswerte Verkehrsmoral in der Landeshauptstadt binnen ein bis zwei Jahren wieder auf ein akzeptables Niveau heben lasse.

          Derzeit, so wurde Kowol aus dem Publikum vermittelt, fühlen sich Radler jedenfalls von den Autofahrern im besten Fall missachtet, im ungünstigsten Fall stark gefährdet. An der Gefühlslage änderte auch die Nachricht nichts, dass die Zahl der Unfälle mit Zweiradfahrern seit vielen Jahren bei rund 180 im Jahr liegt und stabil ist.

          Immerhin kündigte Kowol an, dass im Zuge der Citybahn-Planung auch neue Radverkehrsverbindungen „mitgedacht“ würden und es sogar Gedankenspiele für einen Schnellradweg nach Frankfurt und über den Taunuskamm gebe. Dass Wiesbaden es sich zum Ziel setzen sollte, binnen zwei Jahren zur fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands zu werden, diese Vision eines Bürgers ging dem Realpolitiker Kowol aber zu weit: „Bitte haben Sie Geduld.“

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