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Bahnlärm in Wiesbaden : „Leiser, aber nicht leise genug“

Wie ein Presslufthammer: Laute Güterzüge rauben Wiesbadenern den Schlaf. Bild: dpa

Die Anwohner der Bahn in Wiesbaden und im Rheingau können in absehbarer Zeit auf weniger Lärm hoffen. Doch das reicht ihnen nicht - sie wünschen sich eine völlig neue Strecke.

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          „Jetzt erleben wir mal, wie es auch sein kann.“ Der Einbruch des Eisenbahntunnels in Rastatt macht die Leidtragenden des Bahnlärms in Wiesbaden und im Rheingau glücklich – wenigstens für ein paar Wochen. Sie wohnen unmittelbar an der großen europäischen Trasse zwischen den Häfen Genua und Rotterdam. Die Handelsachse verbindet das Mittelmeer mit der Nordsee und ermöglicht den Bahnverkehr zwischen den Benelux-Staaten, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Nach der Havarie in Rastatt soll die gesperrte Strecke am 7. Oktober wieder freigegeben werden.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Dann werden auch die Nächte wieder laut. Jeder der 117 Güterzüge verursacht einen Krach, der mit dem eines Presslufthammers vergleichbar sein soll – so haben es jedenfalls die Anwohner im Rheingau gemessen. Ganz ähnlich stellt sich die Lage in den Wiesbadener Stadtteilen Amöneburg, Kostheim und Kastel dar.

          Die vom Eisenbahn-Bundesamt verbreiteten Zahlen träfen dort nicht zu, sagt Christian Rüßler, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Schutz vor Bahnlärm“. In jeder Nacht überschritten 39 Züge den kritischen Wert von 70 Dezibel. Ihm seien 60 Prozent der 29 000 Wiesbadener ausgesetzt, die in den drei rechtsrheinischen Vororten lebten.

          Forderung nach neuer Trasse

          Rüßler beklagt die aus seiner Sicht noch immer unzureichenden Lärmschutzwände, obwohl es immer lauter geworden sei. Eine Ursache dafür sei eine ursprüngliche „Nebenstrecke“, die inzwischen so stark wie eine Hauptstrecke befahren werde, erklärt der städtische Umwelt- und Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen). Darüber werde man mit der Bahn reden, kündigt er an.

          Die über Wiesbaden und den Rheingau hinausgehende Bürgerinitiative des Mittelrheintals vermeldet allerdings auch Erfolge. Beispielsweise verabschiedeten Bundestag und Bundesrat im Mai einstimmig das „Gesetz zum Verbot des Betriebs lauter Güterwagen“. Danach müssen bis zum Jahr 2020 alle Güterzüge in Deutschland auf „Flüsterbremsen“ umgerüstet werden. Damit werde es „leiser, aber nicht leise genug“, meint die Bürgerinitiative. Umso stärker fokussiert sie sich jetzt auf die Forderung nach einer ganz neuen, rechtsrheinischen Trasse.

          Finanzierung Sache des Bundes

          „Korridor Mittelrhein“ heißt das gemeinsame Projekt, das Vertreter der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und des Bundes ins Auge gefasst haben. Dahinter verbirgt sich eine Strecke zwischen Troisdorf bei Bonn und Mainz-Bischofsheim. Nach den Angaben des Rheingauer Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Willsch (CDU) ist die Trasse im „potentiellen Bedarf“ des Bundesverkehrswegeplans enthalten. In den „vordringlichen Bedarf“ rücke sie automatisch auf, wenn eine Reihe von Gutachten und eine Kosten-Nutzen-Analyse zu positiven Ergebnissen kämen, erklärt Willsch. Mit ersten Resultaten sei um die Jahreswende zu rechnen.

          Auf eine genaue Streckenführung habe man sich noch nicht festgelegt, berichtete der Abgeordnete. Sie könne aber jedenfalls teilweise in der Nähe der heutigen ICE-Strecke zwischen Frankfurt und Köln verlaufen. Allerdings gebe es dort Steigungen, die Güterzüge nicht bewältigen könnten. Darum müssten für einige Abschnitte der Strecke Tunnel gebaut werden.

          Sie sei 50 Kilometer kürzer als die heutige Trasse, und man könne auf ihr die doppelte Menge an Gütern transportieren, sagt Willi Pusch, der Vorsitzende der Bürgerinitiative im Mittelrheintal. Die Kosten schätzt er auf acht bis neun Milliarden Euro. Die Finanzierung wäre eine Sache des Bundes. Wenn die Dinge sich gut entwickelten, könne die Strecke in zehn bis 15 Jahren befahrbar sein, glaubt Pusch.

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