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Wiesbadens E-Busse : „Stunde null für den emissionsfreien Nahverkehr“

Schauobjekt Eswe Verkehr und Mercedes-Benz präsentieren den Wiesbadener E-Bus. Bild: Marcus Kaufhold

Wiesbaden macht mit der Bestellung von 56 Elektrobussen den ersten großen Schritt zum emissionsfreien Nahverkehr. Die hessische Landeshauptstadt bestreitet damit einen kostspieligen und zukunftsweisenden Weg.

          Großer Bahnhof für den ersten Batteriebus: Eswe Verkehr in Wiesbaden hatte gestern nicht nur die Medienvertreter in eine Fahrzeughalle des Betriebshofs eingeladen, um vom Ergebnis der europaweiten Ausschreibung zu berichten, sondern auch diejenigen Mitarbeiter des kommunalen Verkehrsunternehmens, die das Fahrzeug später fahren, pflegen und warten sollen. Entsprechend pompös fiel die Inszenierung der Vorfahrt eines weißen Vorführbusses aus, der die Anfahrt nach Wiesbaden allerdings dank eines dieselgetriebenen Tiefladers bewältigt hatte.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Zu den ersten Passagieren gehörten Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) und Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen). Sie verkündeten, was allgemein erwartet worden war: Die Bussparte von Mercedes-Benz, die ein langjähriger Partner von Eswe ist und die allermeisten der 272 Busse im heutigen Fuhrpark stellt, hat den Zuschlag erhalten. Der Auftrag im Volumen von 51 Millionen Euro sieht die Lieferung einer ersten Tranche von 56 Batteriebussen, den Umbau des Eswe-Betriebshofs, die Errichtung der Batterielade-Infrastruktur und das ausgeklügelte Lade-Management vor.

          Allerdings werden 2019 erst zehn emissionsfreie Busse durch die Stadt rollen. Laut Lieferplan erhält Eswe im Oktober und im November jeweils fünf Busse des Modells „eCitaro“, die mit Lithium-Ionen-Batterien bestückt sind. 2020 stellt Mercedes dann auf Feststoffbatterien um. Die Batterie-Leistung steigt damit von 292 auf 441 Kilowattstunden. Ein konventioneller Dieselbus hat eine rechnerische Leistung von 2100 Kilowattstunden.

          570.000 Euro pro Bus

          Zu den Kosten der auf maximal 78 Passagiere ausgelegten Batteriebusse schweigen sich Eswe und Mercedes aus. Weil der Bund allerdings mit einer Fördersumme von 14,5 Millionen Euro 80 Prozent der Mehrkosten beim Kauf eines Batteriebusses übernimmt, ergeben sich Fahrzeugkosten von etwa 570.000 Euro gegenüber rund 240.000 Euro für ein herkömmliches Diesel-Modell. Ein Mercedes-Sprecher bestätigte auf Nachfrage, dass ein E-Bus noch immer zwei bis zweieinhalb Mal teurer kommt.

          Mit den zehn Bussen, die noch 2018 geliefert werden, will Eswe Erfahrungen mit dem Betrieb sammeln, denn die Batterien brauchen eine Zwischenladung, um dem Fahrzeug ausreichend Schub für einen ganzen Arbeitstag zu geben. Elektrisch angetriebene Gelenkbusse mit ihrer höheren Passagierkapazität kann Mercedes-Benz nicht vor 2021 liefern. Wiesbaden hat derzeit 125 Gelenkbusse im Einsatz.

          Mercedes-Benz liefert nicht nur ein „Gesamtsystem“, sondern schult auch das Werkstattpersonal von Eswe. Oberbürgermeister Gerich sprach von einem „Aufbruch in eine neue Zeit und einem Leuchtturmprojekt für Wiesbaden“. Gerich kündigte zudem den Bau eines neuen Umspannwerks für die Ladung der Busse an, das zudem die Energieversorgung der Landeshauptstadt auf sichere Beine stellen werde.

          Anspruchsvolles Projekt für Mercedes

          Dezernent Kowol sprach von einer „Stunde null für den emissionsfreien Nahverkehr“. Wiesbaden sei mit dieser Strategie bundesweit Vorreiter, weil es nicht einzelne Busse teste, sondern einen Systemwechsel vollziehe. Wie berichtet will Wiesbaden bis 2023 die vorhandenen 272 Diesel- gegen 221 Batteriebusse sowie einige Wasserstoffbusse tauschen. Die verbleibende Mobilitätsnachfrage könnte die Straßenbahn aufnehmen, sofern sie gebaut wird. Das finanzielle Gesamtvolumen des Batteriebus-Projekts liegt brutto bei rund 200 Millionen Euro.

          Dass Mercedes wohl auch die weiteren Tranchen liefern wird, gilt nach dem Startvorteil mit dem Bau der Ladestruktur und der Einführung des Lade-Managements als wahrscheinlich. Für Mercedes ist es der bislang größte Einzelauftrag. Das Gesamtprojekt in Wiesbaden sei zugleich so anspruchsvoll, dass es vorerst das einzige dieser Art in Europa bleiben werde.

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