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Emissionen in Wiesbaden : Keine Lehre aus dem Klimanotstand

Reihenweise: Der reiche Altbaubestand in Wiesbaden ist mit Blick auf den Klimaschutz eine starke Belastung. Bild: Axel Häsler

Die hessische Landeshauptstadt verfehlt ihre Klimaschutzziele klar. In der Wiesbadener Politik herrscht Ratlosigkeit über den richtigen Weg. Schulen und Bäder sind die größten Energieverbraucher.

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          Der Ehrgeiz ist groß, aber nicht minder groß ist die Enttäuschung. Wiesbaden ist vom Erreichen der selbst gesteckten Klimaschutzziele weit entfernt, und es ist nicht absehbar, wie sich das Blatt kurz- bis mittelfristig noch zum Guten wenden soll. Bei der Vorstellung der Energie- und Treibhausbilanz für die Landeshauptstadt gab Umweltdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) seine Ernüchterung unumwunden zu.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Seit 1990 ist der Ausstoß von Kohlendioxid in Wiesbaden von 13 Tonnen je Einwohner auf knapp zehn Tonnen je Einwohner und Jahr gesunken. Werden die 15.000 Soldaten und ihre Angehörigen hinzugerechnet, sind es sogar nur neun Tonnen. Doch das ist immer noch viel zu viel.

          Dabei hatte Wiesbaden 2019 den Klimanotstand ausgerufen, nachdem schon die bisherigen Anstrengungen kaum gegriffen hatten. Im Jahr 2007 hatte die Stadt ihre Klimaziele auf die griffige Formel „Drei Mal 20“ verdichtet. Bis 2020 sollte der Gesamtenergieverbrauch auf Basis des Jahres 1990 um 20 Prozent verringert und der Anteil der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent erhöht werden. Der Energieverbrauch stieg jedoch um sieben Prozent, und der Anteil der erneuerbaren Energien erreichte bescheidene sieben Prozent. Das liegt auch an den mangelnden Steuermöglichkeiten der Politik.

          Aufklärung, Beratung, Kampagnen

          Der Stadtkonzern selbst ist nur für zwei Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Alle andere Emittenten, also Bürger, Unternehmen und Industrie, kann die Stadt nur über Aufklärung, Beratung, Kampagnen und Förderprogramme erreichen. Deren Erfolg ist dürftig, wie das Beispiel des 2018 aufgelegten Solarförderprogramms zeigt. Seit 2018 gab es 580 Anträge. Ausgezahlt wurden 300.000 Euro, installiert wurde eine Leistung, die gerade einmal ausreicht, den Strombedarf von 1400 Haushalten zu decken. Das ist wenig angesichts von 35.000 Häusern, die in Wiesbaden als „solarfähig“ gelten.

          Die zwischenzeitlich analog zum Pariser Abkommen novellierten Klimaschutzziele sehen vor, bis 2030 den CO2-Ausstoß um 55 Prozent zu senken und bis 2045 klimaneutral zu werden. Doch wenn sich die bisherige Entwicklung in Wiesbaden linear fortsetzt, können diese Ziele nicht erreicht werden. Das ist auch die Einschätzung von Umweltamtsleiter Klaus Friedrich: „Es tut sich was, aber nicht im notwendigen Umfang.“

          Bei den Treibhausgasen sei eigentlich eine jährliche Einsparquote von fünf Prozent möglich, doch werde nur ein Prozent erreicht. Es gebe zu viele Hindernisse für größere Fortschritte: Bei der Nutzung der Windenergie und der Geothermie sowie der Sanierung von Altbauten gebe es viele Widerstände. Und es fehle an klaren Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten in Wiesbaden. Friedrich hofft, dass auf der Basis der Energie- und Treibhausgasbilanz sowie eines Wärmeplans künftig konkrete Fortschritte möglich sind. „Die Zeit läuft uns davon“, fürchtet jedoch Martin Lommel vom 2018 gegründeten Wiesbadener Klimaschutzbeirat.

          Nach den Daten der Treibhausgasbilanz sind Wirtschaft und Industrie in Wiesbaden mit einem Anteil von 53 Prozent die größten Verursacher beim Ausstoß von Kohlendioxid. Auf den Plätzen danach folgen der Verkehrssektor mit 24 Prozent und die privaten Haushalte mit 21 Prozent. Erdgas ist in Wiesbaden mit einem Anteil von rund einem Drittel am Verbrauch der wichtigste Energieträger.

          Schulen und Bäder sind die größten Energieverbraucher

          Erstmals liegt den Kommunalpolitikern auch eine detaillierte Betrachtung für den Stadtkonzern Wiesbaden vor. Demnach stieg der Energieverbrauch von 2018 auf 2019 noch von 132.000 auf 137.000 Megawattstunden, um im ersten Pandemiejahr 2020 auf 124 700 Megawattstunden zu sinken. Der Kohlendioxidausstoß sank von 2018 auf 2020 um 8000 Tonnen auf 41.000 Tonnen. Erwartungsgemäß sind die größten Energieverbraucher Schulen und Bäder. Der Klimawandel ist aus der Sicht des Energieexperten Hans Jürgen Gräf, der die Bilanz erarbeitet hat, vor allem eine „Wärmewende“. Zwar sei der Stadtkonzern nur für zwei Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Er habe aber eine Vorbildfunktion für Unternehmen und Bürger, und nur auf diesem Feld habe die Politik direkten Zugriff.

          Bei den Kommunalpolitikern kam die Bilanz anlässlich der Präsentation im Umweltausschuss nicht gut an. Martin Kraft (Die Grünen) sprach von „verheerenden“ Zahlen, und seine Parteifreundin Konny Küpper warf den Verantwortlichen seit den Beschlüssen von 2019 schwere Versäumnisse vor. Damals sei „alles dargelegt worden, was zu tun ist“. Doch die Beschlüsse hätten nicht in Verwaltungshandeln gemündet. Die Bedeutung des Klimaschutzes sei in Wiesbaden noch nicht angekommen“, sagte die sichtlich enttäuschte Stadtverordnete.

          Abkehr von Gas langfristig

          Umweltamtsleiter Friedrich gab zu bedenken, dass Wiesbaden über einen besonders großen und teils denkmalgeschützten Altbaubestand verfüge. Genau für diese Wiesbaden-typischen Altbauten mit zehn Wohnparteien wünscht sich der Stadtverordnete Kraft eine Lösung.

          Deutlich wurde im Ausschuss auch, dass eine Abkehr von fossilen Brennstoffen wie dem stark verbreiteten Erdgas auf breiter Front allenfalls mittel- bis langfristig möglich ist. Der Ausbau der Fernwärme sei eine längerfristige Perspektive, sagte Kowol. Doch die Erweiterung des Leitungsnetzes geht nicht von heute auf morgen. Kowol gab zudem zu bedenken, dass das im Bau befindliche Müllheizkraftwerk in dieser Hinsicht keinen Befreiungsschlag bringe: Aus dem Kraftwerk seien nur rund sechs Prozent des Wärmebedarfs von 2250 Gigawattstunden zu erwarten. Dennoch mache Fernwärme bei Altbauten „absolut Sinn“, während laut Energieexpertin und Wärmekataster-Autorin Kerstin Bohn dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen bei Altbauten eine Sanierung und Wärmedämmung voraussetzten. Bei der Fernwärme, die keineswegs nur eine Übergangstechnologie sei, komme es darauf an, wie diese Wärme zentral erzeugt werde. Schnellere Fortschritt beim Klimaschutz wären auf dem Verkehrssektor möglich: Doch da, so ein realistischer Umweltdezernent Kowol, „ist der Widerstand ebenfalls groß“.

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