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Wiesbaden : Letzter Appell für das „Victory Corps“

Abschied aus Wiesbaden:Das V. Korps der Army wird außer Dienst gestellt, die etwa 750 Soldaten werden zu anderen Einheiten abkommandiert. Bild: Röth, Frank

Das V. Korps der amerikanischen Armee wird nach der Rückkehr aus einem einjährigen Afghanistan-Einsatz außer Dienst gestellt. Damit geht auch ein Stück Nachkriegsgeschichte zu Ende.

          3 Min.

          Der Kommandeur kam mit der letzten Maschine. Zusammen mit seinem persönlichen Stab ist Generalleutnant JamesTerry Anfang Mai aus Kabul nach Wiesbaden zurückgekehrt. Zwölf Monate lang hat der drahtige Drei-Sterne-Mann das Hauptquartier der internationalen Isaf-Schutztruppe in Afghanistan geführt, mehr als 100.000 Soldaten aus 49Nationen standen unter seinem Befehl. Mit den gut 600 Soldaten seines eigentlich in Wiesbaden stationierten V.Korps war er für die Koordination sämtlicher Operationen und Einsätze der Alliierten zuständig. Die meisten seiner Männer sind schon vor Terry Ende April zu ihren Familien in die hessische Landeshauptstadt zurückgeflogen. Aber wie ein Kapitän auf seinem Schiff, so ist auch ein Army-Kommandeur im Einsatz stets der Letzte, der geht - im Gepäck die Fahne seiner Einheit.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die wird Generalleutnant Terry heute vor dem Biebricher Schloss in Wiesbaden zum letzten Mal einrollen. Denn das V.Korps der Army wird dort nach fast hundert Jahren Existenz feierlich außer Dienst gestellt. Die rund 750 Mitglieder der Einheit werden an andere Standorte versetzt; gut ein Drittel bleibt in Deutschland, die meisten ziehen ebenso wie die etwa 1200 Familienangehörigen in andere Teile der Welt, an denen amerikanische Truppen stationiert sind. Die Fahne dagegen wandert ins Museum.

          Ein mobiler Planungs- und Führungsstab

          Zunächst bekommt das traditionsreiche Stück allerdings heute noch einen weiteren „Streamer“ verpasst. Ein schmales, buntes Stoffband, auf dem der Ort und das Jahr des letzten Einsatzes vermerkt werden: Afghanistan 2012-2013. Für General Terry war das ein gutes Jahr. Keiner seiner Wiesbadener Soldaten, die vornehmlich im Hauptquartier in Kabul eingesetzt waren, ist gefallen. Allerdings habe es in den Reihen der anderen, Terry unterstellten Truppenteile Verluste gegeben, sagt sein Sprecher, Oberstleutnant Richard Spiegel. Aber die Mission sei insgesamt „on track“. Soll heißen: Die Vorbereitungen zum Abzug der alliierten Truppen vom nächsten Jahr an laufen.

          Für den Einsatz in Afghanistan war das V.Korps wie geschaffen. Vor vier Jahren schon einmal als Auslaufmodell für die Auflösung vorgesehen, ist die Einheit nämlich erst im Sommer 2011 zu dem gemacht worden, was sie zuletzt war: ein mobiler Planungs- und Führungsstab, der im Bedarfsfall mehrere Divisionen befehligen und Einheiten verschiedener Nato-Armeen führen kann. In das neue Konzept der Army als modular aufgebauter Interventionsarmee passte das „Victory Corps“, das diesen Spitznamen wegen seiner Erfolge im Ersten Weltkrieg bekam, perfekt - doch die amerikanische Regierung muss sparen. Auch in Europa.

          Sparbemühungen der amerikanischen Regierung

          Und so musste der Oberkommandierende der amerikanischen Army in Europa, Mark Hertling, vor gut anderthalb Jahren eine schwere Wahl treffen. Nachdem das Pentagon sich entschieden hatte, zwei der noch in Europa verbliebenen vier Kampfbrigaden abzuziehen, fürchtete der Drei-Sterne-General, der inzwischen von Generalleutnant Donald Campbell abgelöst worden ist, womöglich noch einen Kampfverband und damit eines der zentralen Argumente für die Präsenz in Deutschland zu verlieren: die Möglichkeit des Trainings mit den Truppen anderer Nato-Partner auf dem Truppenübungsplatz rund um das oberpfälzische Grafenwöhr - wo sich übrigens auch das V.Korps auf seinen Afghanistan-Einsatz vorbereitet hat. Am Ende fiel die Entscheidung für die Kampfbrigaden und gegen das „Victory Corps“.


          Dessen Abwicklung ist also direkte Folge der Sparbemühung der amerikanischen Regierung, sie ist aber auch ein Symbol für die vollkommen veränderte amerikanische Militärpräsenz in Deutschland. Mit dem V.Korps verschwindet im Grunde das letzte Relikt des Kalten Krieges. In dem hat die Einheit nämlich eine zentrale Rolle gespielt, und ihre Kommandeure rühmen sich noch heute, dass sie diesen Krieg ohne Gefecht am Ende auch gewonnen haben. Mehr als 40Jahre lang - von 1951 bis 1994 - war die Einheit im AbramsBuilding, dem einstigen IG-Farben-Haus in Frankfurt stationiert. Von dort aus kommandierten die Befehlshaber, zu denen auch der spätere amerikanische Außenminister Colin Powell gehörte, in den sechziger bis achtziger Jahren zeitweise Hunderttausende GIs. Und selbst nach dem Ende des Kalten Krieges, bei seinem Umzug nach Heidelberg 1994, unterstanden der Korps-Führung noch gut 61.000 Soldaten. Seit 2011 bestand das Korps dagegen nur noch aus seinem 750 Mann starken Hauptquartier - und in Deutschland sind insgesamt nur noch knapp 30.000 amerikanische Soldaten stationiert, deren Präsenz sich auf drei Hauptstandorte konzentriert: Kaiserslautern samt Ramstein als Logistik-Drehscheibe, Grafenwöhr als Trainingszentrum und Wiesbaden mit dem Hauptquartier.

          90 Prozent haben schon für die Zukunft geplant

          Dort wird die Abwicklung des V.Korps im Übrigen keine größeren Spuren hinterlassen. Die Militärgemeinde der Landeshauptstadt wächst in den nächsten Jahren auch ohne Soldaten und Familienangehörigen des „Victory Corps“ auf knapp 20.000. Das gigantische Bau- und Renovierungsprogramm, in das das Pentagon mehr als eine halbe Milliarde Dollar investiert, ist langfristig angelegt und bleibt von solchen Schwankungen in der Truppenstärke unberührt.

          Die Korps-Soldaten und ihre Familien bereiten sich derweil auf ihre neuen Aufgaben vor. 90 Prozent von ihnen wüssten inzwischen, wo und wie sie in Zukunft eingesetzt werden, sagt Lieutenant Colonel Spiegel, der Sprecher von Kommandeur Terry. Sie hätten jetzt Zeit, sich vom Afghanistan-Einsatz zu erholen und ihre Umzüge zu organisieren. „Bis September sind alle weg“, sagt Spiegel. Er selbst geht ins Pentagon nach Washington. Und wird wohl zum Oberst befördert.

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