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Aufbruchstimmung in Wiesbaden : Karstadt-Mitarbeiter zählen auf die Schwedin

Sorgt für Aufbruchstimmung in Wiesbaden: Eva-Lotta Sjörstedt, neue Chefin von Karstadt Bild: Sebastiaan Westerweel

Die ehemalige Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt soll die schwer angeschlagene Warenhauskette retten. Im Wiesbadener Karstadt hat ihre Visite für regelrechte Aufbruchstimmung gesorgt. Die braucht es allerdings auch.

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          Eva-Lotta kommt an. In Wiesbaden ist das jedenfalls so gewesen. Die Karstadt-Dependance dort war eine von etlichen Stationen der Antrittstournee der neuen Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt, die aus Schweden stammt und lieber duzt. Die ehemalige Ikea-Managerin hat in Wiesbaden nicht nur durch ihre unprätentiöse Art überzeugt, wie Mitarbeiter berichten, sondern auch durch den Weg, mit dem sie die verbliebenen 83 Dependancen des traditionsreichen Unternehmens aus der Abwärtsspirale der vergangenen Jahre führen will.

          Jochen Remmert
          (jor.), Rhein-Main-Zeitung

          Auf Kunden und Mitarbeiter hören, die lähmende Hierarchie aufbrechen, keine Millionen mehr für teure Unternehmensberater, das komme an, heißt es in Wiesbaden. Tatsächlich ähneln zentrale Teile der Strategie der Schwedin dem, was man immer wieder in den vergangenen Jahren von Mitarbeitern zu hören bekam, wenn man sie danach fragte, was die Unternehmensleitung ihrer Ansicht nach tun müsste, um Karstadt zu retten.

          Besonders häufig bemängeln Karstadt-Mitarbeiter bis heute, dass sie überhaupt keinen Einfluss mehr darauf hätten, was eingekauft werde. Der zentrale Wareneinkauf habe dem jeweiligen Haus jede Möglichkeit genommen, auf den womöglich besonderen Geschmack der jeweiligen Kundschaft einzugehen. Sjöstedt will das wieder ändern.

          „In Not bringt Mittelweg den Tod“

          Auf Kunden wie Verkäufer hören und danach einkaufen, das könnte funktionieren. Denn zurzeit gibt es aus Kundensicht kaum mehr einen Grund, gerade bei Karstadt einzukaufen. Die exklusiven Parfümshops von Chanel und Co. darf man dabei nicht mitzählen, denn die gehören den Luxusmarken selbst, nicht Karstadt. Es bleibt vor allem die Kleidung, auf die das nun ersetzte Management so sehr setzte. Aber die besteht fast ausschließlich aus Massenware des mittleren Preissegments - Mittelmaß, das es überall gibt, könnte man auch sagen.

          „In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod“, zitiert Thomas Roeb, Handelsexperte und Wirtschaftsprofessor der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg seine Vorväter. Was nach rheinischem Frohsinn klingt, meint der Ökonom durchaus ernst. Nur mit Kleidung des mittleren Preissegments sieht er kaum eine Chance für Karstadt. Mehr Luxusmarken hält er aber auch nicht für den Weg aus der Krise. Beispielsweise in Frankfurt wollten die in die Goethestraße und Umgebung, aber bestimmt nicht in ein Kaufhaus, auch wenn es an der Zeil liege. Schon der umstrittene Thomas Middelhoff, der 2005 den Posten des Vorstandsvorsitzenden bei Karstadt-Quelle übernommen hatte, als das Haus schon in dramatische Schieflage geraten war, habe ohne Erfolg versucht, die Topmarken ins Haus zu locken. Das dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb der Plan aufgegeben wurde, den Frankfurter Karstadt mit solchen Luxusmarken in eine Art Klein-KaDeWe zu verwandeln.

          Bild: F.A.Z.

          Roeb kann sich vorstellen, dass ein Weg in Richtung Einkaufzentrum funktionieren könnte. Er befürchtet allerdings, dass Karstadt inzwischen in so arger Liquiditätsklemme ist, dass ein grundlegender Wandel womöglich gar nicht mehr zu finanzieren sei.

          Auch was die immer wieder genannten strategischen Investoren betrifft, mahnt Roeb zu Nüchternheit: Investoren, die mit viel Geld anrückten und teurer als nötig einkauften, gebe es nur im Wunschdenken des Managements eines angeschlagenen Unternehmens. Strategische Investoren wüssten in der Regel sehr genau, dass sie sich nur etwas gedulden müssten, um am Ende viel Geld zu sparen. Roeb vermutet, dass es Karstadt, jedenfalls in der bestehenden Form, auf Dauer nicht mehr geben wird. Das vermutet auch Roebs Kollege Jörg Funder. Der Professor für Handelsmanagement an der Fachhochschule Worms hält es für wahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit aus Karstadt und dem Konkurrenten Galeria Kaufhof ein großer Warenhausbetreiber wird - zusammengeführt durch einen Dritten. Dieser Investor müsse allerdings außer über viel Geld auch noch über große Handelserfahrung und ein erhebliches Restrukturierungswissen verfügen, sagt Funder.

          Umjubelter Schöngeist, planloser Finanzjongleur

          Dass aus Karstadt und Kaufhof dereinst ein Unternehmen werden könnte, hält auch mancher Karstadt-Beschäftigte für möglich. Erschrecken kann ein solcher Gedanke gerade die langjährigen Mitarbeiter nicht mehr. Dazu liegen zu viele schlechte Jahre zwischen heute und den vielen guten Jahren, die sie bei Karstadt auch erlebt haben. Zu viele Sanierungstarifverträge, die sie unterschrieben haben, um ihrem Arbeitgeber Personalkosten zu sparen und ihren Arbeitsplatz zu retten.

          Eva-Lotta war schon da: Karstadt-Filiale in Wiesbaden
          Eva-Lotta war schon da: Karstadt-Filiale in Wiesbaden : Bild: Sick, Cornelia

          Derweil hatte Middelhoff aus der Karstadt-Quelle AG die später in die Insolvenz gegangene Arcandor AG macht. Später war Nicolas Berggruen als „Weißer Ritter“ auf die Bühne getreten. Doch der zu Beginn umjubelte Schöngeist entpuppte sich als planloser Finanzjongleur. Neuerdings spielt der Immobilieninvestor René Benko mit, der die Luxus- und die Sport-Sparte von Karstadt übernommen hat. Von enormen Mieterhöhungen für die Häuser ist seither die Rede.

          Trotzdem herrscht im Moment bei Karstadt eher Aufbruchstimmung. Alle Hoffnung ruht auf Eva-Lotta Sjöstedt.

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