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Wiesbaden : Ein Platz für Sternenkinder

Grab eines Sternenkindes: Seit 2001 können totgeborene Babys mit weniger als 500 Gramm Gewicht auch beerdigt werden. Bild: dpa

In Wiesbaden gehen Ärzte, Seelsorger und Politiker seit gut einem Jahrzehnt sehr sensibel mit Totgeborenen um. Das lange Warten auf eine Sammelbestattung belastet jedoch die Eltern.

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          Manche Frauenärzte machen es sich leicht. „Gehen Sie mal in die Klinik“, empfehlen sie ihren Patientinnen. Die Mediziner in den Krankenhäusern müssen ihnen dann eröffnen, dass ihr Kind nicht leben wird. Auf der Geburtsstation der Horst-Schmidt-Kliniken fällt diese Aufgabe immer wieder Karin Weßler zu.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Manche Eltern reagierten sehr rational, sagt die Ärztin. Mit ihnen könne man sogar relativ bald organisatorische Fragen klären. Andere seien fassungslos und benötigten Hilfe. Die einen wollten unbedingt eine natürliche Geburt, weil sie das Schicksal auf diese Weise am besten bewältigen könnten. Andere entschieden sich dagegen, das Kind auszutragen.

          Sternenkinder-Paragraph erlaubt Anmeldung

          Der Umgang mit totgeborenen Kindern beschäftigt seit einiger Zeit nicht nur Eltern, Ärzte und Seelsorger, sondern auch Juristen und Politiker. Die Wiesbadener Bundestagsabgeordnete Kristina Schröder (CDU) traf sich am Freitag mit Vertretern des gemeinnützigen Vereins Sternengarten und Kommunalpolitikern, um sich über die Auswirkungen der jüngeren Gesetzgebung ins Bild setzen zu lassen. Deren Ausgangspunkt war das doppelte Leid der Eltern vieler totgeborener Säuglinge.

          Sternenkinder, die weniger als 500 Gramm wiegen, gelten in der ganzen westlichen Welt als Fehlgeburten ohne jede rechtliche Anerkennung. Als ein Ehepaar aus dem Landkreis Limburg sich dagegen wehrte, setzte Schröder als Bundesfamilienministerin den „Sternenkinder-Paragraphen“ durch. Mit einer Änderung des deutschen Personenstandrechts wurde im Sommer des vergangenen Jahres die Möglichkeit geschaffen, auch Kinder, die weniger als 500 Gramm gewogen haben, beim Standesamt zu melden und ihnen einen Namen zu geben. Dieses Recht gilt rückwirkend auch für Todesfälle, die bis zu zehn Jahre zurückliegen können. In Wiesbaden seien in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres 26 Anmeldungen entgegengenommen worden, konstatierte der zuständige Dezernent Oliver Franz (CDU) gestern.

          Beisetzung seit 2001 möglich

          Die Seelsorger der christlichen und muslimischen Religionen lobten diese Praxis. Auf diese Weise machten die Eltern deutlich, dass sie Vater und Mutter geworden seien, auch wenn ihre Kinder nicht mehr lebten. Damit werde ein würdiger Abschied möglich. Ein Verein hat sich die Aufgabe gestellt, Kleider für die Sternenkinder zu stricken.

          Zum würdigen Abschied zählt auch die Beerdigung. Dafür galt in der Vergangenheit ebenso die Grenze von 500 Gramm. Säuglinge, die weniger wogen, wurden grundsätzlich im Klinikmüll entsorgt - nicht jedoch in Wiesbaden. Seit 2001 werden in der Stadt Sternenkinder auf dem Südfriedhof beigesetzt. Dabei blieb es, als der hessische Gesetzgeber das Friedhofs- und Bestattungsgesetz sieben Jahre später anpasste.

          Sammelbestattungen sollen häufiger stattfinden

          In Wiesbaden änderte sich die Praxis, als auch die muslimischen Gemeinden ihr Interesse an der Beisetzung von Sternenkindern bekundeten. Ursprünglich war ein bestimmter, nicht besonders gekennzeichneter Abschnitt für Urnen reserviert. Im Jahr 2012 wurde das Areal als „Sternengarten“ neu gestaltet. Mit Rücksicht auf die Muslime gibt es dort auch Erdgrabstätten.

          Die Seelsorger der unterschiedlichen Konfessionen segnen die Toten und begleiten die Trauernden. Man kann sein Kind individuell beerdigen lassen. Alle Wiesbadener Krankenhäuser sind außerdem an Sammelbestattungen beteiligt. Sie sind auch für die Opfer von Abtreibungen gedacht. Weil die Sammelbestattungen bislang nur zwei Mal im Jahr stattfinden, müssen die kleinen Körper im äußersten Fall sechs Monate lang in der Pathologie aufbewahrt werden.

          Für die trauernden Eltern stellt dieser lange Zeitraum eine zusätzliche Belastung dar. Gunther Weiß, den kommissarischen Geschäftsführer der Horst-Schmidt-Kliniken, beeindruckte dieser Umstand so, dass er am Freitag spontan Abhilfe versprach. Er will dafür sorgen, dass die Bestattungen jedenfalls in diesem und im nächsten Jahr vier Mal stattfinden können.

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