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Wiedereintritt in die Kirche : Rückkehr ohne Schwellenangst

Der Evangelische Regionalverband Frankfurt hilft beim Wiedereintritt in die Kirche Bild: Franziska Gilli

Viele Katholiken und Protestanten treten aus ihrer Kirche aus. Einige wollen aber wieder zurück. In Frankfurt signalisieren die Kirchen mit zwei Anlaufstellen eine besondere Offenheit. Das zahlt sich aus.

          Den beiden großen Kirchen kehren viele Menschen den Rücken, auch in Frankfurt. Im vergangenen Jahr haben in der Stadt 2116Katholiken und 1935Protestanten ihre Kirche verlassen. Das waren 611 beziehungsweise 412 mehr als 2012. Einen Versuch, bisherige Mitglieder zurückzuholen, machen die Kirchen, indem sie Eintrittsstellen unterhalten: die evangelische Kirche in ihrer Zentrale im Dominikanerkloster, die katholische in der Informationsstelle „punctum“ an der Liebfrauenkirche. So heißt der frühere Kirchenladen seit einigen Wochen. In beiden Stellen sollen Eintrittswillige „niedrigschwellig“ Kontakt zur Kirche bekommen – ohne die Hürde, die man für einen Besuch in einem Gemeindebüro überwinden muss.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ralf Bräuer ist evangelischer Pfarrer und für die Eintrittsstelle seiner Kirche zuständig – im Nebenamt, denn vor allem leitet er die Öffentlichkeitsarbeit im Dominikanerkloster, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbands. Wie er sagt, finden jedes Jahr durchschnittlich 170Menschen über diese Stelle den Weg in die evangelische Kirche. Das waren im vergangenen Jahr fast zwei Drittel aller Rückkehrer, deren Zahl bei 279 lag.

          Wollen „wieder dazugehören“

          Zumeist waren diejenigen, die sich an Bräuer wenden, schon evangelisch und wollen zurück in ihre Kirche – durchschnittlich 78Prozent aller Besucher. 22Prozent konvertieren jährlich aus der katholischen Kirche. Die größten Gruppen bilden die bis Fünfunddreißigjährigen, die 45Prozent aller Eintrittswilligen ausmachen. 40Prozent sind zwischen 36 und 50Jahre alt. Frauen wählen diesen Weg eher als Männer, das Verhältnis liegt bei 60 zu 40Prozent.

          Seit 2003 gibt es die evangelische Wiedereintrittsstelle. Die Motive für den Weg in die Kirche sind unterschiedlich, wie Bräuer weiß. Ist es bei den Jüngeren die Phase der Familiengründung und der Wunsch, die Kinder taufen zu lassen, so haben die Älteren eher das Bedürfnis, „etwas in Ordnung zu bringen und wieder dazuzugehören“. Viele wollen aber auch ihren finanziellen Beitrag zur Arbeit der Kirche leisten, ohne sie persönlich in Anspruch zu nehmen, wie der Pfarrer schildert. Diese Gruppe hat vor allem das diakonische Engagement der Kirche im Blick.

          Bibel bei Wiedereintritt geschenkt

          Der Eintritt geht relativ leicht vonstatten: Man muss den Personalausweis, die Taufurkunde und die Kirchenaustritts-Bescheinigung mitbringen, ein Gespräch mit Bräuer führen und das Eintrittsformular ausfüllen. Bräuer nimmt sich dafür die nötige Zeit, zumal wenn sein seelsorgerlicher Rat gefragt ist, etwa in schwierigen Lebenssituationen. Am Ende begrüßt er das neue Mitglied und schenkt ihm eine Bibel. „Denn die gehört in jeden evangelischen Haushalt.“

          Freundlicher Empfang: Wer wieder Kirchenmitglied werden will, kann sich an den Evangelischen Regionalverband an der Kurt-Schumacher-Straße wenden.

          Zu den Wiedereintritten kommen noch die Erwachsenentaufen, für die Bräuer aber nicht zuständig ist. Menschen, die Christen werden wollen, verweist er an die für sie zuständigen Pfarrer. In diesem Jahr liegt die Zahl der Eintritte bisher bei 124, die der Erwachsenentaufen bei 60. Die Zahl der Eintritte ist seit 2011 relativ stabil, vorher lag sie höher. Im Jahr 2008 zum Beispiel fanden 337 Christen den Weg in die evangelische Kirche. Die Zahl der Erwachsenentaufen liegt hingegen einigermaßen konstant bei rund 107 im Jahr.

          Katholische Infostelle umgebaut

          Auch die katholische Informationsstelle „punctum“ ist offenbar wichtig für Menschen, die sich der Kirche zuwenden wollen. Nach Angaben der Stadtkirche gab es im vergangenen Jahr in der Großpfarrei Dom 16 Wiederaufnahmen und 13 Konversionen, von denen etwa drei Viertel den Erstkontakt über jene Einrichtung gesucht haben. Die Großpfarrei deckt die gesamte Innenstadt ab.

          Freundlicher Empfang II: Oder man geht zur katholischen Informationsstelle „punctum“ an der Liebfrauenkirche.

          Insgesamt gab es in der katholischen Kirche im vergangenen Jahr 94 Wiederaufnahmen und 44 Übertritte. Einen Höhepunkt verzeichnete die Kirche im Jahr 2005, als es 48 Übertritte und 132 Wiederaufnahmen gab. Für dieses Jahr gibt es noch keine Zahlen, denn die Informationsstelle war wegen Umbaus bis Pfingsten geschlossen.

          Merkliche Rechtsfolgen

          Anders als im Dominikanerkloster kann man im „punctum“ nicht direkt in die Kirche eintreten, weswegen das katholische Büro offiziell als „Vermittlungsstelle zum Wiedereintritt“ fungiert – und das seit neun Jahren. Für den Wiedereintritt ist ein Gespräch mit einem Priester nötig, denn ein Austritt aus der katholischen Kirche gilt als gravierende Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft, die quasi geheilt werden muss. Zwar ist seit einem Dekret der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2012 mit dem Austritt nicht mehr automatisch die Strafe der Exkommunikation verbunden, von der beim Wiedereintritt befreit werden musste. Die Rechtsfolgen eines Austritts bleiben aber ähnlich schwer. Zum Beispiel darf der Ausgetretene keine Sakramente empfangen, nicht Taufpate sein und keine kirchlichen Ämter innehaben. Ein kirchliches Begräbnis kann verweigert werden, „falls die aus der Kirche ausgetretene Person nicht vor dem Tod irgendein Zeichen der Reue gezeigt hat“.

          Nach wie vor ist mit der Wiederaufnahme in die katholische Kirche die Beichte verbunden, wie Stadtdekan Johannes zu Eltz erläutert. Die Aufnahme selbst geschieht in einem Gottesdienst, in dem der Aufgenommene das Glaubensbekenntnis spricht und wieder zur Kommunion zugelassen ist. Eltz ist diese spirituelle Dimension der Wiederaufnahme wichtig – so wie das „punctum“ als Vermittlungsstelle. „Der Ort ist unbedingt nötig“, sagt Eltz, wobei man nicht auf absolute Zahlen starren dürfe. Auch wenn sich in den Pfarreien mittlerweile vieles geändert habe, begegne jene Stelle Eintrittswilligen mit einer besonderen Aufgeschlossenheit. „Und das merken die Leute.“

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