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„Loriots gesammelte Werke“ : Wiederbegegnung mit alten Bekannten

  • -Aktualisiert am

Knollennasen: Auch Gezeichnetes von Loriot lässt sich nachspielen Bild: Michael Hudler

Herr Hallmackenreuther, Familie Hoppenstedt und alle ihre Freunde: Das Staatstheater Darmstadt zeigt „Loriots gesammelte Werke“.

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          Das Wichtigste zuerst: Zwar muss man zwei kurzweilige Stunden darauf warten, doch dann darf zum Finale von „Loriots gesammelte Werke“ endlich das gediegene Wohnzimmer in seine Einzelteile zerlegt werden. Die minutiös choreographierte Zerstörungsorgie, die am Staatstheater Darmstadt leider ohne den „Bolero“-Soundtrack zu sehen ist, zählt nun einmal zu den Kronjuwelen des deutschen Humorschaffens; ein Loriot-Abend ohne gestammeltes „Das Bild hängt schief“ wäre wie ein Stones-Konzert ohne „Satisfaction“.

          Loriots „größte Hits“ könnte man dementsprechend den von Iris Stromberger inszenierten Abend auch überschreiben, denn natürlich kennen die meisten Zuschauer im ausverkauften Kleinen Haus die Sketche auf der Bühne bis in den Wortlaut hinein, kommt Gelächter schon auf, wenn Aart Veder als Loriot auf dem Sofa am Bühnenrand nur den Namen „Hoppenstedt“ erwähnt. Und so nehmen sie dann alle den bekannten Lauf, die Klassiker aus der goldenen Fernsehschaffensperiode Loriots in den verklärten siebziger Jahren: der Bettenkauf, das Jodeldiplom, der Kosakenzipfel, der Heiratsantrag mit Nudel und andere Lustbarkeiten mehr. Man freut sich über Wiederbegegnungen mit Herrn Hallmackenreuther, Herrn Blümel in der Benimmschule, über die Weine von Pahlgruber und Söhne und über Erwin Lotto- nein: Lindemann.

          Man kann, wenn man diesen Kosmos mit dem richtigen Gefühl für das Timing und vor allem die verräterische Sprache der Figuren inszeniert, wenig verkehrt machen. Und in der Tat bietet das Darmstädter Ensemble höchst sehenswerte Varianten der bekannten Charaktere. Margit Schulte-Tigges, Sigrid Schütrumpf und immer wieder Klaus Ziemann laufen zu großer Form auf, vor allem Hans Weicker hat einen großen Abend. Er spielt hinreißend vernuschelt mit einer hessischen Grundverdrossenheit, er ist mal Ekel, mal geschurigelter Pantoffelheld. Es ist eine große Lust, diesen Schauspielern zuschauen, und man spürt in jeder Minute das große Vergnügen, das diese Paraderollen ihnen bereiten.

          Und doch kann einem nicht ganz wohl bleiben bei all dem Spaß. Nicht zufällig spielen alle Szenen sehr dezidiert in einem Interieur, in dem Telefone grün sind, die Tapeten geblümt und Fernseher wie Betonklötze herumstehen (Bühne und Kostüme Corina Krisztian). Manches hat eben doch Edelrost angesetzt mit den Jahren, und da hilft es wenig, den Staub, der manche Szene durchweht, leicht augenzwinkernd mitzuinszenierten. Natürlich kann man über das „Hollaredudödeldu“ immer noch schmunzeln, aber der gesellschaftliche Hallraum, in dem das nutzlose Jodeldiplom für alternde Hausfrauen in den späten siebziger Jahren eine satirische Tiefenschicht ansprach, hat sich so grundlegend verändert, dass die Anspielungen des Sketchs Jüngeren kaum noch verständlich sein können.

          Dies gilt auch für die bürgerliche Etikette und für all die Peinlichkeitsgefühle, deren Verletzung einen Hauptspaß dieser Humorkunst ausmacht. Das kann man mittlerweile fast nur noch historisch sehen, und die Welt der Hoppenstedts und Müller-Lüdenscheids ist womöglich den „Buddenbrooks“ näher als uns. Und eine andere Frage schwebt als Dauereinwand ebenfalls über dem ganzen Abend: der Vergleich mit dem Original. Mögen die Schauspieler noch so animiert spielen, sie müssen gegen Vicco von Bülow, Evelyn Hamann und Heinz Meier fast naturgemäß unterliegen. Und wieso überhaupt etwas bis ins Kleinste werkgetreu abpinseln, wo doch jeder zu Hause auf DVD oder online Zugriff auf die wahren Meisterwerke hat?

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