https://www.faz.net/-gzg-8e0zc

Frankfurter Altstadt : Abraham und Anna sind zurück

  • -Aktualisiert am

Spuren der Vergangenheit: Architekt Jochem Jourdan zeigt die Porträtsteine der Goldenen Waage. Bild: Helmut Fricke

Der Wiederaufbau der Altstadt zwischen Dom und Römer nimmt immer mehr Gestalt an. Architekt Jochem Jourdan zeigt die wunderbar detaillierte Rekonstruktion des vergessenen Frankfurts.

          4 Min.

          Auf dem Hühnermarkt kreischt eine Kreissäge. Der Architekt Jochem Jourdan - dünn gerahmte Brille, silberner Schutzhelm, halblange Haare in ähnlicher Farbe - steht auf dem zentralen Platz in der Altstadt und lässt den Blick über die Baustelle schweifen. Wand an Wand entstehen hinter den Gerüsten die Häuser der Altstadt. Es ist früh am Nachmittag, die Bauarbeiter kommen gerade aus der Mittagspause. Wenn einer von ihnen um die Ecke biegt und sich auf den verwinkelten Gassen zwischen den eingerüsteten Rohbauten nähert, lässt sich schon erahnen, wie die neue Altstadt einmal wirken wird, wenn sie fertig und voller Leben ist. Ein dichtes Gefüge von Gebäuden und Freiräumen. „Wir führen den Nachweis, dass eine so dichte Bebauung auch im 21. Jahrhundert möglich ist“, sagt Jourdan und eilt voran.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Architekturbüro Jourdan & Müller ist an vier Bauvorhaben in der Altstadt beteiligt: Für zwei Rekonstruktionen mit Fachwerkfassaden, den Rebstock-Hof und das benachbarte Gebäude an der Braubachstraße, ist Jourdans Sohn Felix zuständig. Außerdem plant das Büro den Bau einer Pergola zu Beginn des Krönungswegs, der zwischen Dom und Römer auf sein altes Niveau abgesenkt wurde. Das aufwendigste Projekt aber ist die Goldene Waage. Das prächtigste Fachwerkhaus der Altstadt wird mit Jochem Jourdans Hilfe gegenüber dem Kaiserdom wieder aufgebaut - getreu seinem ursprünglichen Zustand.

          Monatelange Arbeit hat sich gelohnt

          Mehr als ein Dutzend Spolien, also Originalteile aus dem mittelalterlichen Vorgängerbau der Goldenen Waage, werden bei der Rekonstruktion wieder verwendet. Sie wurden nach der Zerstörung der Altstadt im Bombenhagel aus dem Schutt geborgen und haben an der Fassade eines Gartenhauses in Dreieich südlich von Frankfurt bis heute überdauert. Steinmetzen haben sie dort ausgebaut. Jourdan spricht vom „Archiv der Steine“. Diese Reste sind fast 400 Jahre alt und werden in der neuen Goldenen Waage wieder eingesetzt, die somit in Teilen auch wieder die alte ist.

          Über Monate hinweg haben sich Jourdan und sein Team tief in die Geschichte des Hauses eingearbeitet. Sie haben im Stadtarchiv, im Historischen Museum und im Marburger Literaturarchiv die Quellen, Skizzen, Fotos und Pläne zusammengetragen. Und mehr als das: Sie haben sich in die Handwerkskunst, die Ikonographie und die Bauweise jener Zeit eingelesen und die Architektur anderer Altstädte studiert. Wer die Baustelle der Goldenen Waage besucht, der sieht schon jetzt: Es hat sich gelohnt.

          Jourdan sind seine 78 Jahre nicht anzumerken. Er klettert wie ein Zwanzigjähriger über die Gerüste, zieht den Kopf ein und macht sich die schwarzen Straßenschuhe in den letzten Regenpfützen nass. Der Architekt sprüht vor Begeisterung. „Das ist das Allertollste“, sagt er und deutet bewegt auf die beiden Porträtsteine aus rotem Mainsandstein hoch über der Eingangstür. Sie zeigen Abraham van Hamel und seine Ehefrau Anna van Litt, die die Goldene Waage 1619 erbaut haben. Auch diese beiden Steine sind Originale: Van Hamel trägt einen französischen Schnurrbart, seine Frau hat eine hübsche Lockenfrisur, wie sie in der Renaissance modern gewesen sein mag. Nur die abgeschlagene Nase des Bauherrn wurde von den Steinmetzen ergänzt, in einer Art später Schönheitsoperation. „Mit diesen beiden Figuren hat das Haus seine Seele zurückerhalten“, sagt Jourdan. „Abraham und Anna sind in ihr Haus zurückgekehrt.“

          Anfang 2018 soll der Innenausbau der Goldenen Waage fertig sein

          Von Hamel war ein reformierter Gewürzhändler und hatte als Glaubensflüchtling aus den katholischen Niederlanden in der toleranten Messestadt Frankfurt Schutz gefunden. In der Goldenen Waage bot er Gewürze, Farben und Süßigkeiten an, in einer offenen Kaufhalle im Erdgeschoss unter einer gut fünf Meter hohen Decke. Statt Fenster hatte sie Klappläden aus Holz. Wenn die Rekonstruktion fertig ist, sollen dort ein Café und eine kleine Konditorei einziehen. Die Goldene Waage besteht eigentlich aus drei Gebäuden: dem Vorderhaus mit der Schmalseite am Krönungsweg und der breiten Front zum kleinen Platz vor dem Dom, einem Treppenturm und einem Hinterhaus. Das Erdgeschoss war einst aus Sandstein gemauert. Die tragenden Wände entstehen nun aus Beton und werden mit alten und neuen Stein-Elementen verkleidet, getreu dem alten Bild. Beton und Mauerwerk sind zu 90 Prozent vollendet. Darüber werden die oberen Geschosse aus Fachwerk gezimmert. Die Eichenholzbalken aus einem alten Gebäude lagern in Lemgo und werden demnächst nach Frankfurt gebracht und aufgeschlagen.

          Jourdan ist eine Art wandelndes Lexikon der Baugeschichte. Wer mit ihm über die Baustelle geht, lernt allerhand über Ornamentik. Das Allianzwappen der Familie Abraham van Hamel prangt mittig über dem Türstoß der Eingangpforte, es wird geschmückt von einem Hammelkopf und wurde von den Steinmetzen in Bamberg neu gefertigt. Die Bögen über Tür und Fenster sind reich verziert. Jourdan führt ein in die Fachsprache der Zierformen und referiert über Astragal, Zahnleiste und Eierstab. Auch einige Löwenköpfe über den Fensterbögen haben 400 Jahre überstanden. Sie wurden einst zur Abschreckung böser Geister verwendet und werden auch künftig wieder in der Goldenen Waage ihre Pflicht tun.

          „Die Menschen werden erstaunt sein, welche Qualität das alte Frankfurt hatte“

          Auch im Inneren des Hauses, dessen Bau der Dom-Römer GmbH zufolge fünf bis sieben Millionen Euro kosten soll, wird nicht an der falschen Stelle gespart. Im Treppenturm führen 70 Sandsteinstufen in die oberen Etagen. Auch er ist mit vielen Voluten verziert, die 24. Stufe schmückt eine Eidechse. Einige Teile sind im Original erhalten und wurden schon eingebaut. „Es ist ein wahres Kunstwerk, wie diese Spindel nach oben läuft“, sagt Jourdan und steigt behende nach oben. Die Stuckdecke des großen Saals im ersten Obergeschoss muss sich der Betrachter noch dazudenken. Erst Anfang 2018 soll der Innenausbau der Goldenen Waage fertig sein. Auch alte Delfter Fliesen werden in den Räumen wiederverwendet. Vier Original-Gitter aus dem Depot des Historischen Museums werden ebenfalls wieder in der Fassade eingebaut. Wenn die Goldene Waage fertig ist, wird sie ein begehbares Museum sein. Auch ein Musikzimmer und ein Schreibzimmer werden eingerichtet. Auf dem Dach des Hinterhauses wird auch der historische Dachgarten, das „Belvederchen“, wieder hergerichtet.

          „Das wird ein Aha-Erlebnis.“

          Von dort fällt der Blick auf die Giebellandschaft der Altstadt. Aus dem Erdgeschoss des Hinterhauses ist der Archäologische Garten zu sehen, der unter dem schwebenden Saal des benachbarten Stadthauses wie ein Freilichtmuseum liegt. Denkmalschützer der Stadt sind dort mit den letzten Untersuchungen beschäftigt. Für den Planungsdezernenten Olaf Cunitz (Die Grünen), der gestern die Altstadtbaustelle besucht hat, leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur. „Architektur ist ein Medium, um Erinnerung zu bewahren und Geschichte erfahrbar zu machen“, sagt er.

          Die Goldene Waage ist dafür das beste Beispiel. Jourdan, der in seinem langen Berufsleben schon viele Baudenkmale restauriert hat, kann auf 50 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Aber die Goldene Waage ist für ihn eines der faszinierendsten Projekte, die man bearbeiten könne. Der Eröffnung der Altstadt 2018 blickt der Architekt gespannt entgegen. „Die Menschen werden erstaunt sein, welche Qualität das alte Frankfurt hatte“, sagt er. „Das wird ein Aha-Erlebnis.“

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Angela Merkel auf ihrem wohl letzten EU-Gipfel

          EU-Streit mit Polen : Keine Lösung, aber auch kein Eklat

          Angela Merkel hat in ihren 16 Jahren als Kanzlerin etliche Konflikte auf EU-Gipfeln erlebt. Bei ihrem wohl letzten Auftritt auf europäischem Parkett bringen ihre Vermittlungsversuche im Konflikt mit Polen keine konkreten Fortschritte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.