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Frankfurter Altstadt : Abraham und Anna sind zurück

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Spuren der Vergangenheit: Architekt Jochem Jourdan zeigt die Porträtsteine der Goldenen Waage. Bild: Helmut Fricke

Der Wiederaufbau der Altstadt zwischen Dom und Römer nimmt immer mehr Gestalt an. Architekt Jochem Jourdan zeigt die wunderbar detaillierte Rekonstruktion des vergessenen Frankfurts.

          Auf dem Hühnermarkt kreischt eine Kreissäge. Der Architekt Jochem Jourdan - dünn gerahmte Brille, silberner Schutzhelm, halblange Haare in ähnlicher Farbe - steht auf dem zentralen Platz in der Altstadt und lässt den Blick über die Baustelle schweifen. Wand an Wand entstehen hinter den Gerüsten die Häuser der Altstadt. Es ist früh am Nachmittag, die Bauarbeiter kommen gerade aus der Mittagspause. Wenn einer von ihnen um die Ecke biegt und sich auf den verwinkelten Gassen zwischen den eingerüsteten Rohbauten nähert, lässt sich schon erahnen, wie die neue Altstadt einmal wirken wird, wenn sie fertig und voller Leben ist. Ein dichtes Gefüge von Gebäuden und Freiräumen. „Wir führen den Nachweis, dass eine so dichte Bebauung auch im 21. Jahrhundert möglich ist“, sagt Jourdan und eilt voran.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Architekturbüro Jourdan & Müller ist an vier Bauvorhaben in der Altstadt beteiligt: Für zwei Rekonstruktionen mit Fachwerkfassaden, den Rebstock-Hof und das benachbarte Gebäude an der Braubachstraße, ist Jourdans Sohn Felix zuständig. Außerdem plant das Büro den Bau einer Pergola zu Beginn des Krönungswegs, der zwischen Dom und Römer auf sein altes Niveau abgesenkt wurde. Das aufwendigste Projekt aber ist die Goldene Waage. Das prächtigste Fachwerkhaus der Altstadt wird mit Jochem Jourdans Hilfe gegenüber dem Kaiserdom wieder aufgebaut - getreu seinem ursprünglichen Zustand.

          Monatelange Arbeit hat sich gelohnt

          Mehr als ein Dutzend Spolien, also Originalteile aus dem mittelalterlichen Vorgängerbau der Goldenen Waage, werden bei der Rekonstruktion wieder verwendet. Sie wurden nach der Zerstörung der Altstadt im Bombenhagel aus dem Schutt geborgen und haben an der Fassade eines Gartenhauses in Dreieich südlich von Frankfurt bis heute überdauert. Steinmetzen haben sie dort ausgebaut. Jourdan spricht vom „Archiv der Steine“. Diese Reste sind fast 400 Jahre alt und werden in der neuen Goldenen Waage wieder eingesetzt, die somit in Teilen auch wieder die alte ist.

          Über Monate hinweg haben sich Jourdan und sein Team tief in die Geschichte des Hauses eingearbeitet. Sie haben im Stadtarchiv, im Historischen Museum und im Marburger Literaturarchiv die Quellen, Skizzen, Fotos und Pläne zusammengetragen. Und mehr als das: Sie haben sich in die Handwerkskunst, die Ikonographie und die Bauweise jener Zeit eingelesen und die Architektur anderer Altstädte studiert. Wer die Baustelle der Goldenen Waage besucht, der sieht schon jetzt: Es hat sich gelohnt.

          Jourdan sind seine 78 Jahre nicht anzumerken. Er klettert wie ein Zwanzigjähriger über die Gerüste, zieht den Kopf ein und macht sich die schwarzen Straßenschuhe in den letzten Regenpfützen nass. Der Architekt sprüht vor Begeisterung. „Das ist das Allertollste“, sagt er und deutet bewegt auf die beiden Porträtsteine aus rotem Mainsandstein hoch über der Eingangstür. Sie zeigen Abraham van Hamel und seine Ehefrau Anna van Litt, die die Goldene Waage 1619 erbaut haben. Auch diese beiden Steine sind Originale: Van Hamel trägt einen französischen Schnurrbart, seine Frau hat eine hübsche Lockenfrisur, wie sie in der Renaissance modern gewesen sein mag. Nur die abgeschlagene Nase des Bauherrn wurde von den Steinmetzen ergänzt, in einer Art später Schönheitsoperation. „Mit diesen beiden Figuren hat das Haus seine Seele zurückerhalten“, sagt Jourdan. „Abraham und Anna sind in ihr Haus zurückgekehrt.“

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