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Wieczorek-Zeul scheidet aus dem Bundestag : Einmal dachte sie sogar ans Aufhören

Rückblick auf eine viertel Jahrhundert: Heidemarie Wieczorek-Zeul kandidiert nicht mehr für den Bundestag. Bild: Röth, Frank

Rund 48 Jahre nach ihrem Eintritt in die SPD scheidet Heidemarie Wieczorek-Zeul in diesem Herbst aus dem Bundestag aus.

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          Der Tisch auf der Terrasse des Wiesbadener Hotels Oranien steht zwar unter einem großen Sonnenschirm. Aber Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) hätte doch gern, dass er um einen Meter verrückt wird. Denn sie möchte auf jeden Fall vollständig im Schatten sitzen. Mit 70 Jahren kann man sich das erlauben.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Das werden sich auch die Wiesbadener Genossen gesagt haben, als sie ihren Kandidaten für die Bundestagswahl nominierten. Wieczorek-Zeul stellte zunächst einmal einen Antrag, der die Rüstungsexportpolitik der Bundesregierung kritisierte. Bevor sie ihn ausführlich begründete, mokierte sie sich lächelnd über das grüne Mikrofon auf dem Rednerpult. Mit ihrem Vortrag wartete sie, bis eines in Rot gebracht wurde. Das ist ihr Markenzeichen. Es entspricht ihrer Haarfarbe und ihren Überzeugungen.

          Kein allzu tiefer Einschnitt

          Seit ihrem Eintritt in die SPD vor 48 Jahren gehört Wieczorek-Zeul zum linken Flügel der Partei. Die Tochter eines Lebensmittelhändlers aus dem Frankfurter Stadtteil Seckbach war Gesamtschullehrerin in Rüsselsheim, als sie mit Hilfe ihrer südhessischen Hausmacht zur Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten gewählt wurde. 1979 zog sie in das Europaparlament ein, 1987 kam sie über die hessische Landesliste zum ersten Mal in den Bundestag. Ein Jahr später wurde sie an die Spitze der südhessischen SPD gewählt.

          Dass sie in diesem Herbst nach einem Vierteljahrhundert im Bundestag aus der Politik ausscheidet, betrachtet sie, jedenfalls bis jetzt, nicht als allzu tiefen Einschnitt. „Ich bleibe ja ein politischer Mensch“, sagt sie und verweist auf Arbeitskreise der Partei, denen sie weiterhin angehören werde.

          Etat stieg unter ihrer Führung an

          Tatsächlich scheint ihr der Abschied aus dem Amt der Entwicklungshilfeministerin vor vier Jahren mehr ausgemacht zu haben als der Schritt, den sie jetzt aus freien Stücken tut. Die Friedenspolitik sei ihr „Lebensthema“, sagt sie. In der Bundesregierung hatte sie von 1998 bis 2009 die Chance, in diesem Sinne etwas zu bewegen.

          Sowohl unter Gerhard Schröder (SPD) als auch unter Angela Merkel (CDU) stieg der Etat des Ressorts fast in jedem Jahr an. Insgesamt erhöhte sich das Budget im Laufe ihrer Amtszeit um 1,5 Milliarden Euro. Die Entschuldung der afrikanischen Entwicklungsländer zählt die Sozialdemokratin denn auch zu den größten Erfolgen ihrer Laufbahn.

          SPD war zu ihrer Anfangszeit viel stärker

          Als herbe Niederlage empfand sie es, dass sich ausgerechnet der frühere sozialdemokratische Finanzminister Hans Eichel zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1999 mit dem Ziel durchsetzen konnte, den Etat aller Ressorts zu kürzen. Als er für die Entwicklungshilfe entgegen der Koalitionsvereinbarung keine Ausnahme machen musste, dachte die Sozialdemokratin an Rücktritt. Weil es nicht soweit kam, konnte sie im Laufe ihre Amtszeit acht Mal Nelson Mandela treffen. Den südafrikanischen Träger des Friedensnobelpreises betrachtet Wieczorek-Zeul als die bedeutendste politische Persönlichkeit, der sie jemals begegnet sei - „natürlich neben Willy Brandt“, wie sie ausdrücklich hinzufügt.

          Als sie der SPD 1965 beitrat, war die Partei viel stärker als heute. Bei der Bundestagswahl erzielten die Sozialdemokraten 39,3 Prozent. Im Jahr 2009 lag der Zweitstimmenanteil bei 23 Prozent. Die Verluste hätten mit den Grünen und den Linken, aber auch mit der Politik der SPD zu tun, erklärt sich das Wieczorek-Zeul. „Wir haben uns von dem marktradikalen Zeitgeist beeinflussen lassen“, konstatiert sie mit Blick auf Teile der Agenda 2010. Für die Entstehung der Grünen macht sie die Haltung ihrer Partei in den siebziger Jahren verantwortlich. Als Bundesvorsitzende der Jungsozialisten habe sie vergeblich vor der Atomenergie gewarnt, erinnert sich die Sozialdemokratin. Allerdings hat ihr die Geschichte keineswegs immer recht gegeben. Der Wiedervereinigung stand Wieczorek-Zeul zu Anfang überaus skeptisch gegenüber. Andrea Ypsilantis gescheiterten Versuch, Hessen mit der Hilfe der Linkspartei zu regieren, hatte sie mit Entschiedenheit befürwortet.

          Drei Mal den Wahlkreis direkt gewonnen

          Sie galt immer als strenge Chefin, beschreibt ihren Führungsstil selbst aber als „leistungsorientiert“. Der Personalrat ihres Ministeriums hat sich gelegentlich über ihren Tonfall im Umgang mit Beamten und die Bevorzugung von Parteifreunden beklagt. „Die sehnen sich inzwischen nach den alten Zeiten zurück“, glaubt Wieczorek-Zeul und erinnert an die heftige Kritik, der ihr Nachfolger Dirk Niebel (FDP) sich auch innerhalb seines Hauses ausgesetzt sehe.

          Die zahlreichen Auslandsreisen, die ihr Ministeramt mit sich brachte, hielten sie nie davon ab, ihren Wiesbadener Bundestagswahlkreis fleißig zu beackern. Drei Mal hintereinander gewann sie ihn direkt. Auch wenn sie sich in dieser Woche auf dem Wiesbadener Weinfest sehen lässt, ist dies der Ausdruck ihres Pflichtbewusstseins. Wieczorek-Zeul trinkt normalerweise keinen Alkohol. Allerdings schließt sei nicht aus, dass sie sich in den nächsten Tagen zu einem kleinen Gläschen hinreißen lasse. „Aber das wäre dann ein Exzess.“

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