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Die „rote Heidi“ : Die Farbe der Erinnerung

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Sie hat viele Mächtige der Welt getroffen. Zu Fidel Castro habe sie gesagt: „Kein Land darf seinen Menschen das Leben nehmen.“ Bild: Kaufhold, Marcus

Heidemarie Wieczorek-Zeul, die „rote Heidi“, über ihre vermeintlich klassenkämpferische Haarfarbe und „das große Glück“, elf Jahre Ministerin für Entwicklungshilfe gewesen zu sein.

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          Nichts gegen Heinz Riesenhuber, den Alterspräsidenten des Bundestages. Aber einmal als ältestes Mitglied im Parlament enden? Auf einer der hinteren Bänke sitzen nach so vielen Ministerjahren? Nicht mit ihr. Heidemarie Wieczorek-Zeul hat sich zwei Jahre lang gedanklich auf ihren Abschied aus dem Bundestag vorbereitet. Das Sagen im Kabinett hatten da ohnehin schon andere. Jetzt ist ihr politisches Gremium der SPD-Ortsverein Wiesbaden-Nord. Sie geht zu seinen Sitzungen, sagt: „Ich bin anhänglich“, seit knapp fünfzig Jahren ist sie in der SPD. Vermisst sie nicht die große Politik? „Ich war vorher schon ein politischer Mensch“, sagt sie. Will heißen, nachher bin ich es auch. Also nein.

          Unverändert rot leuchtet das Haar, gut der Schnitt. Ihre Haare saßen schon immer. Früher, als Wieczorek-Zeul noch Entwicklungsministerin war, erledigte sie manches Telefonat vom Friseur aus. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Heute muss sie das nicht mehr, auf ihr Äußeres verwendet sie jedoch weiter Sorgfalt. Wieczorek-Zeul ist von Natur aus schwarzhaarig. Ihre Mutter hatte rote Haare. Eine schöne Frau muss sie gewesen sein. Sie starb früh, 1962, ein Jahr nach dem Vater. Die Tochter war zwanzig und färbte aus Zuneigung zu ihrer Mutter die Haare rot. Das war ihre Art der Trauerarbeit.

          Sie reizte viele bis aufs Blut

          Die „rote Heidi“ - ihr Spitzname hat wohl weniger mit der Haarfarbe als mit ihren linken Positionen zu tun. Er klebt an ihr wie eine Klette, seit sie ihn sich als Juso-Vorsitzende eingefangen hat, das war sie erst für den SPD-Bezirk Südhessen und von 1974 bis 1977 bundesweit. Geht ihr dieses „rote Heidi“ nicht allmählich auf die Nerven? Sie lächelt milde, weil sie ja doch nichts daran ändern kann, und sagt: „Lieber rot als blass.“ Blass? Das war sie nun wirklich nicht, schon gar nicht harmoniesüchtig. Heidemarie Wieczorek-Zeul reizte viele bis aufs Blut, die CDU, CSU und FDP sowieso und Teile ihrer Partei auch.

          Aber sie würde alles noch einmal so machen. Beispielsweise die Mitgliederbefragung. Wir schreiben das Jahr 1993. Björn Engholm war SPD-Chef und Kanzlerkandidat, stolperte über seine Lüge in der Schubladen-Affäre, einem Zweig der Barschel-Affäre, und trat von allen Ämtern zurück. Seine hessische Parteigenossin wird darüber keine Träne vergossen haben, denn Engholms Politik war ihr ohnehin suspekt, etwa seine aus ihrer Sicht total restriktive Asylpolitik. Die Parteilinke, Mitglied des Parteivorstandes und Landesvorsitzende von Hessen-Süd, warf ihren Hut in den Ring, wollte auch die Partei führen. Es war die erste Mitgliederbefragung der SPD.

          Machte sich für Zusammenarbeit mit Kuba stark

          Die Entscheidung fiel auf den 13. Juni, den „Tag der Ortsvereine“. Wie dem von Wiesbaden-Nord. Sieger: Rudolf Scharping, Zweiter: Gerhard Schröder, Dritte: ziemlich abgeschlagen Heidemarie Wieczorek-Zeul. Konsens ist, ohne sie hätte Schröder gewonnen. Aber den wollten die Parteigranden zu dem Zeitpunkt ohnehin verhindern. „Nein“, sagt sie, „das war schon gut, dass da eine Frau kandidiert hat.“ Schon damals wurde über die Frauenquote diskutiert. Zudem habe sie viel gelernt. Fünf Jahre später wurde Wieczorek-Zeul im rot-grünen Kabinett unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie blieb es elf Jahre lang.

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