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Theater im Netz : In Gegenrichtung durch die Einbahnstraße

Internil im Exil: Arne Vogelgesang und Marina Miller Dessau leben in „Kontakt“ das Theater auf einer neuen Plattform - online. Bild: Internil

Die Corona-Pandemie zwingt Kunstschaffende zum Umdenken: Mit dem Projekt „Lockdown“ erkunden Arne Vogelgesang und Marina Miller Dessau, wie das Theater ins Netz kann.

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          Um 21 Uhr am Sonntag hätte „Kontakt“ online gehen sollen. Als erste Folge des digitalen Theaterprojekts „Lockdown“. Weil aber das Hochladen und Freigeben viel länger gedauert hat, ist die Premiere dann sehr, sehr spät gewesen. Man konnte unterdessen, ohne Ton, Marina Miller Dessau dabei zusehen, wie sie mit Papier und Stift Botschaften an die digitale Zuschauerschaft schickte, „Video 2: 36 min“ etwa.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Egal: „Kontakt“, einmal „Ihr Video“, einmal „Sein Video“, steht jetzt auf dem Youtube-Kanal des Staatstheaters Darmstadt und kann jederzeit nachgesehen werden. Etwas, das im echten Theater so nicht geht. Dort hätten Marina Miller Dessau und Arne Vogelgesang, zusammen das Künstlerkollektiv Internil, im Mai mit „Blackout“ Premiere gehabt. Stattdessen können sie, anders als viele Kollegen aus der freien Szene, jetzt weiterarbeiten, an einem Experiment. In einer Berliner Wohnung, das Arbeitszimmer beobachtet von einer Livecam, deren Bilder ununterbrochen auf die Website des Staatstheaters übertragen werden, verschanzen sich die beiden noch bis 31. Mai und denken neu über etwas nach, das sie seit geraumer Zeit beschäftigt: Theater und Digitalität.

          Seit 2005 arbeiten die Schauspielerin und der Regisseur als Internil zusammen, meist in größeren Gruppen. Mit „Gog/Magog“ oder „Glühende Landschaften“ zu politischen, vor allem radikalen Meinungen im Netz haben sie sich einen Namen erarbeitet: „Was wir in den letzten Jahren gemacht haben, war Material, Diskurse, Themen aus dem Netz, also aus dem digitalen Teil der Wirklichkeit, ins Theater zu bringen. Und jetzt sind wir in der Situation, das andersherum machen zu müssen. Das ist für uns ziemlich neu“, erläutert Vogelgesang: „Wir fahren in der Gegenrichtung einer Einbahnstraße und stellen fest: Es ist gar keine Einbahnstraße. Ende Mai sind wir vermutlich schlauer.“

          Ist das noch Theater?

          Wirkt das überhaupt wie Theater, was da gezeigt wird? In der Tat bekommt man als Zuschauer rasch den Eindruck, es mit einer Inszenierung mit Figuren, nicht ganz identisch mit den Performern, zu tun zu haben. Zum einen geht es um Fragen, die jeden umtreiben, der lange abgeschottet zu Hause ist. Von Bunkermentalität bis zum Bewusstsein, über viele wirkliche Probleme gar nicht zu reden. Aber es geht um mehr, die künstlerischen Fragen sind gewissermaßen eingebettet in die Gespräche und Interaktionen der beiden. Miller Dessau interessiert vor allem, was mit der Körperlichkeit des Theaters passiert, den Räumen, und ob es Möglichkeiten gibt, dies auch nur ansatzweise auf die Fläche des Bildschirms zu übertragen.

          Im Theater gibt es geteilten Raum, geteilte Zeit und Situationen, nun bleibe nur das Körperliche des Sehens und Tuns als Gemeinsamkeit. Daran wollen die beiden in der nächsten Zeit arbeiten. Auch daran, welche Techniken und Methoden sie dazu nutzen, was überhaupt technisch möglich ist mit ihrer Ausstattung. Bislang etwa böten die Youtube-Kanäle bei den meisten Theatern keine soziale Interaktion. Für eine Live-Performance aber sei das nötig, so Vogelgesang, der unter anderem an der Akademie für Theater und Digitalität am Theater Dortmund arbeitet. Einen Chat haben sie auf ihrer eigenen Seite provisorisch eingerichtet. Der Ton in „Lockout“ werde sich in jedem Fall verändern – seit „Kontakt“ aber kennt man die beiden nun.

          NÄCHSTE FOLGE

          NÄCHSTE FOLGE am 3. Mai um 21 Uhr auf dem Youtube-Kanal des Staatstheaters. Chat auf der Seite internil.net, Livecam auf staatstheater-darmstadt.de.

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