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Flucht nach dem 2. Weltkrieg : Wegen des Kinos nach Heusenstamm

Heimatvertriebene: dicht gedrängt in Gemeinschaftsräumen (Symbolbild) Bild: dpa

Ein neues Buch schildert Flucht, Vertreibung und Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ankunft vor allem von Sudetendeutschen bedeutete für die kleine Gemeinde Heusenstamm eine Herausforderung.

          „Hiermit zur Kenntnis, dass die Gemeinde Heusenstamm augenblicklich nicht in der Lage ist, Flüchtlinge aufzunehmen, da im Augenblick noch 21 geschlossene Familien bestehend aus 4, 5 und 7 Personen bereits 6 Wochen in der Schule liegen“, hielten der Heusenstammer Bürgermeister und der Flüchtlingskommissar am 6. Dezember 1946 in einem Schreiben an den Kreis Offenbach fest. Damals waren die ersten Flüchtlinge und Vertriebenen vor allem aus dem Sudetenland, die ihre Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten, schon in dem Ort angekommen.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          „Es wäre unverantwortlich, wenn man uns in dieser schwierigen Situation noch einen Transport zuweisen würde“, ist in dem Brief zu lesen. Bisher habe man 830 Flüchtlinge und 206 Evakuierte aufgenommen: „Wir stehen auf dem Standpunkt, wenn ein Sack voll ist, muss er einmal abgebunden werden, und was nicht geht, das geht einfach nicht mehr.“

          Gespräche mit zahlreichen Zeitzeugen

          „Neue Heimat Heusenstamm – Flucht, Vertreibung, Neubeginn am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der frühen Nachkriegszeit“ lautet der Titel des jüngsten Buches, das der Heimat- und Geschichtsverein Heusenstamm herausgegeben hat. Der Autor, Michael Kern, unterrichtete viele Jahre am Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm und ist seit 2017 als Studiendirektor am Lessing-Gymnasium in Frankfurt tätig. Ein Projekt mit Schülern des Adolf-Reichwein-Gymnasiums vor drei Jahren stand am Anfang. Die von den Schülern aufgezeichneten Gespräche mit zahlreichen Zeitzeugen bildeten das Rohmaterial für die Dokumentation, die den Zeitraum von 1945 bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

          Die Erinnerung an die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten drohe langsam zu verblassen, schreibt der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Roland Krebs, im Geleitwort. Dies lege aber den Nährboden „für neue (Un-)Heilslehren“. Kern weist im Vorwort auf die „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015 hin. Das Flüchtlingsthema sei damit in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung gerückt. Das Buch möge dazu anregen, „die gegenwärtigen Ereignisse auch vor dem Hintergrund der eigenen deutschen Vertreibungsgeschichte zu sehen, auch wenn die Unterschiede sicherlich beträchtlich sind“. 2015 veröffentlichte der Verein schon die von Kern verfasste Dokumentation „Heusenstamm 1945 – Kriegsende und frühe Nachkriegszeit“.

          Drei Einzelschicksale

          Die Gemeinde Heusenstamm hatte bei Kriegsende etwa 3400 Einwohner. Die Ankunft der Flüchtlinge bedeutete eine Herausforderung: Bis Ende 1947 waren rund 800 Flüchtlinge, vor allem Sudetendeutsche, unterzubringen und mit Lebensmitteln zu versorgen. Bis Ende der fünfziger Jahre wuchs die Zahl einschließlich der Flüchtlinge aus der DDR auf 1750 an. 1961 hatte Heusenstamm gerade etwa 6500 Einwohner. Kern zeichnet drei Einzelschicksale nach, die für viele stehen, und beschreibt die unmenschlichen Umstände der Vertreibung.

          Werner Zafita und seine Familie mussten ihren Heimatort Paradies in der Mark Brandenburg verlassen und kamen im August 1945 in Heusenstamm an. Ilse Kölbl wurde 1946 mit ihrer Familie aus dem Dorf Krima bei Komotau im Sudetenland vertrieben. Im Lager Sandbach im Odenwald wurde sie gefragt, ob sie nach Heusenstamm oder nach Rembrücken, heute Stadtteil von Heusenstamm, wolle. Kölbl erkundigte sich, wo es ein Kino gebe. Die damals vorhandene Filmvorführstätte sprach für Heusenstamm. Karl Wächtler, der aus dem Dorf Dörnsdorf im Sudetenland stammt, gelangte im Oktober 1946 mit Großeltern, Eltern und Geschwistern dorthin.

          Spannungen zwischen Einheimischen und Einquartierten

          Zunächst wurden die Vertriebenen in der damaligen Volksschule untergebracht. Mehrere Wochen konnten vergehen, ehe sie in beschlagnahmte Wohnräume Heusenstammer Familien eingewiesen wurden. Spannungen zwischen Einheimischen und Einquartierten blieben nicht aus. Eine Resolution der 800 Flüchtlinge in Heusenstamm vom 29. September 1948 stellte fest, „daß bei dem überbelegten Wohnraum bei Flüchtlingen ein weiterer Winter ohne stärkste Gefährdung in gesundheitlicher und sittlicher Beziehung untragbar ist“. Nötig sei, den unhaltbaren Zustand zu beseitigen, „das (sic!) Flüchtlinge als Minderwertige neben gutwohnenden Einheimischen wohnungsmäßig nur vegetieren“.

          Kern skizziert den Beitrag des 1950 gegründeten Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten zur politischen Integration der Flüchtlinge. Bis 1966 gehörten Vertreter des Bunds dem Landtag, von 1956 bis 1972 auch der Heusenstammer Stadtverordnetenversammlung an. Die frühere Volksschule und heutige Grundschule trägt seit 1965 den Namen des böhmischen Dichters Adalbert Stifter, wozu es ohne die Ankunft vieler Sudetendeutscher wohl nicht gekommen wäre. Im Wohngebiet Schlesierweg, Ostpreußenstraße und Sudetenstraße entstanden in den fünfziger Jahren Eigenheime auf Grundstücken, die die Vertriebenen auch zum landwirtschaftlichen Nebenerwerb nutzen konnten. Die Einheimischen sprachen von der „Kopftuch-Siedlung“. Die Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt beschreibt Kern als Erfolgsgeschichte. Obwohl ihre Integration längst abgeschlossen sei, sitze der Schmerz über den Verlust der Heimat bei den Betroffenen aber noch sehr tief.

          Michael Kern: Neue Heimat Heusenstamm – Flucht, Vertreibung, Neubeginn am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der frühen Nachkriegszeit, herausgegeben vom Heimat- und Geschichtsverein Heusenstamm 2019. Das 129 Seiten umfassende Buch kostet zehn Euro und ist in Heusenstamm im Buchhandel erhältlich.

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