https://www.faz.net/-gzg-8bknf

Alltag eines Privatdetektivs : Als Dachdecker getarnt

  • -Aktualisiert am

Alles sehen, ohne selbst gesehen zu werden: Ein Privatdetektiv verbringt viel Zeit im Auto. Bild: Marcus Kaufhold

Rasante Verfolgungsjagden, geheime Treffen? Wie sieht er aus, der Alltag eines Privatdetektivs? Einer, der seit 20 Jahren diesen geheimnisumwitterten Beruf ausübt, erzählt.

          Die Türen des roten Kleinwagens öffnen sich. Ein Mann und eine Frau steigen aus, beide Mitte 20. Zügig gehen sie auf das Mehrfamilienhaus zu, blicken weder nach hinten noch zur Seite. Bemerken nicht, dass jeder ihrer Schritte beobachtet wird. Nur zehn Meter entfernt drückt Martin Schauf auf den Auslöser seiner Kamera. Das junge Pärchen wird vermutlich nie etwas von ihm erfahren, das Foto hingegen wird ihm noch Ärger bereiten.

          Ein ständiger Kampf gegen Müdigkeit und Frustration

          Seit fast 20 Jahren arbeitet Schauf, der aus beruflichen Gründen seinen richtigen Namen nicht in Internet und Zeitung stehen haben will, nun als Privatdetektiv. Observiert Menschen, schleust sich in Firmen ein, deckt Betrug auf. Oft bekommt er Aufträge von Unternehmern, die vermuten, dass ein Angestellter „krank macht“. Oder jemand wendet sich an ihn, weil er glaubt, sein Partner gehe fremd. Oft erhält der Detektiv nicht mehr als den Namen, die Adresse und ein Foto der „Zielperson“. Mit diesen Informationen muss er versuchen, sie zu finden und ihre Verfehlung aufzudecken. Manchmal den ganzen Tag wartet Schauf in seinem Auto - oft ohne Ergebnis. Geduld und Durchhaltevermögen, das sei in seinem Beruf unverzichtbar, sagt er. Ein ständiger Kampf gegen Müdigkeit und Frustration. Taucht der Gesuchte jedoch endlich auf, muss Schauf schnell sein. Mehr als einige Sekunden bleiben meist nicht, um ein Foto zu machen oder unauffällig die Verfolgung aufzunehmen.

          Vor einiger Zeit rief während einer Observation eine junge Frau an. Sie erzählte ihm aufregt, sie sei überzeugt, dass ihr Freund sich mit seiner früheren Freundin vergnüge. Bekannte hätten beobachtet, wie er die ehemalige Partnerin mit zu sich nach Hause nehme, wenn sie, die Anruferin, zu ihren Eltern fahre. Ihr Freund streite das ab. Der Detektiv solle nun ein Beweisfoto machen, mit dem sie ihn konfrontieren könne. Schauf ließ sich Name, Adresse und Passbild ihres Freundes geben und das Fahrzeug beschreiben, mit dem er die Exfreundin angeblich abhole. Bei Aufträgen von Unternehmen muss der Detektiv solche Informationen häufig jedoch selbst herausfinden. In Zusammenarbeit mit dem Team der Detektei recherchiert er dann, welche Autos auf eine Person zugelassen sind und wo diese wohnt.

          Schlimm ist das ständige Sitzen im Auto

          Diese Daten bestimmen in der Regel nicht nur, an welchem Ort eine Observation beginnt, sondern auch, mit welchem Fahrzeug sie durchgeführt wird. Denn um nicht aufzufallen, verwendet der Detektiv meist ein Auto, dessen Kennzeichen mit dem Einsatzort übereinstimmt. Schauf ist eher zufällig in die Branche geraten. Lange arbeitete der inzwischen Vierzigjährige als Ausbilder bei der Polizei in Wiesbaden. Irgendwann sei ein befreundeter Detektiv auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er bei einer Observation aushelfen könne, erzählt er. Der Auftrag klang einfach: Das Auto eines Unternehmers werde jede Nacht von jemandem zerkratzt. Er sollte lediglich herausfinden, wer dafür verantwortlich sei. Zwei Nächte lang beobachtete Schauf den Wagen - jedoch ohne die gesuchte Person zu entdecken. „Das war ein schrecklicher Einstand, ich wäre fast eingeschlafen“, erzählt er. Dennoch packte ihn der Beruf. Ständig unterwegs zu sein, seine Ermittlungen selbst planen zu können und sogar im Ausland eingesetzt zu werden, das reizte Schauf.

          Gegen die Langeweile kämpft er aber auch 20 Jahre später noch an. Mit der Zeit habe er dagegen Strategien entwickelt, sagt er. Nicht auf die Uhr zu schauen, Musik zu hören oder, falls eine Observation zu zweit durchgeführt wird, sich mit dem Kollegen zu unterhalten - dadurch gehe die Zeit schneller rum. Viel schlimmer finde er das ständige Sitzen im Auto. Das gehe zu Lasten von Rücken und Knochen. „Ist wirklich ein harter Job - auch wenn man das vielleicht nicht denkt“, sagt er.

          Seit mehr als einer Stunde wartet Schauf nun in seinem grauen BMW vor dem Mehrfamilienhaus, in dem der Freund der jungen Frau wohnen soll. Inmitten einer kleinen Siedlung steht das Gebäude, an der Kurve einer engen und dicht befahrenen Straße, der Hauseingang ist von Bäumen verdeckt. Eigentlich sollte der Mann schon vor mehr als einer halben Stunde Feierabend haben. Bislang ist er aber nicht aufgetaucht.

          „Die Menschen sind einfach zu naiv“

          Immer wieder fahren Menschen in Autos vorbei, steigen aus und gehen die Straße entlang. Keinem fällt auf, dass Schauf sie beobachtet. Und niemand bemerkt, dass er den Wagen seit einer Stunde nicht verlassen hat. „Die Menschen sind einfach zu naiv“, sagt Schauf. Als Privatdetektiv habe er das schon in verschiedenen Situationen erlebt. Manchmal sei es zum Beispiel nötig, in Wohnungen zu gelangen, um zu schauen, wer dort wohne.

          In solchen Situationen denke er sich häufig eine Geschichte aus und verkleide sich, zum Beispiel als Dachdecker. Aufgeflogen sei das noch nie. Oder er verwickele Kollegen und Nachbarn in Gespräche, um vertrauliche Informationen über eine Person zu erfahren. Solange man ihnen keine Zeit zum Luftholen gebe, fingen sie an zu erzählen, sagt Schauf. Oder er befragt Postboten: „Postboten wissen alles, was in ihrem Gebiet vor sich geht, und sagen auch fast alles.“ Man müsse lediglich wissen, wie man mit ihnen rede. Er selbst, sagt Schauf, vertraue niemandem mehr.

          Nach zwei Stunden fährt endlich das rote Auto vor, das die junge Frau dem Detektiv beschrieben hatte. Schaufs Puls steigt. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Der Detektiv hebt die Kamera vor sein Gesicht und verfolgt im Sucher, wie neben dem Freund der jungen Frau ein Mädchen mit langen blonden Haaren aussteigt. Sie passt genau auf die Beschreibung der Exfreundin. Schauf drückt ab. „Das sind die beiden“, sagt er. Das Pärchen verschwindet Hände haltend in der Wohnung.

          Die junge Frau hatte recht - jetzt hat sie den schmerzlichen Beweis. Der wird sie fast 800 Euro kosten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.