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Wie sich Kinos behaupten : Weißwein und neue Sessel gegen die Konkurrenz

Spürt einen „rauheren Wind“ und startet ein Crowdfunding für neue Sessel: Antje Witte, Orfeos Erben Bild: Francois Klein

Matineen, Originalfassungen und Quiche Lorraine: Wie sich Kinos in einem Markt behaupten, der sich nicht nur wegen Netflix verändert. Erfolg hat, wer dem Publikum ein Erlebnis schaffen kann.

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          Dass ein Zuschauer, der ins Kino geht, sich vor Filmbeginn erst einmal die Etiketten von Weißweinflaschen zeigen lässt, ist eher ungewöhnlich. Im Kino Cinema am Frankfurter Rossmarkt kommt das mittlerweile öfter vor. Es hat sich herumgesprochen, dass dort nach einem Umbau auf engstem Raum im Foyer eine Art Miniatur-Café mit Bar entstanden ist. Und auch, dass es statt irgendeines Hausweins im Schraubverschlussfläschchen offen ausgeschenkte Weine aus der Region gibt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein paar hundert Meter entfernt, im Einkaufszentrum My Zeil, ist Ende Oktober mit der Astor Filmlounge ein Premiumkino eröffnet worden mit Kuschelsesseln und Champagner und Antipasti, die man sich an den Platz bestellen kann. Betreiber ist Hans-Joachim Flebbe, der in Frankfurt schon einmal ein Lichtspielhaus hatte, in der Zeilgalerie, die 2016 abgerissen wurde.

          Kino als Erlebnis vermarkten

          Jetzt ist der Hamburger Unternehmer wieder in der Stadt am Main präsent. Unterdessen haben andere Frankfurter Kinobetreiber an eigenen Profilen gebaut, die in Zeiten sinkender Zuschauerzahlen und härterer Bandagen im Verleih- und Auswertungsgeschäft funktionieren. Denn dass die Generation Netflix dem Kino abhanden gekommen ist, wie Astor-Betreiber Hans-Joachim Flebbe sagt, teilen so rundheraus nicht alle Kinoinhaber. Doch auch sie merken, dass internetaffine Seriengucker nicht selbstverständlich den Weg vor die Leinwand finden, dass Kino als Erlebnis anders vermarktet werden muss.

          Der Trend geht hin zu mehr Genuss über den Filmgenuss hinaus, länger schon. Selbst im Kino des Deutschen Filmmuseums, also einem Hort der Filmkultur, darf man seit der Wiedereröffnung des renovierten Hauses 2011 Getränke von der Bar im Filmcafé mit in den Saal nehmen. Das vereinsgetragene Programmkino „Mal seh’n“ an der Frankfurter Adlerflychtstraße, ein Flaggschiff der Filmkunst, ist seit Jahrzehnten gleichzeitig eine beliebte Kneipe mit Schmalzbrot, Würstchen und Cafébetrieb.

          Mit einem regelrechten Restaurant verbunden ist das Frankfurter Kino Orfeos Erben, das seit 20 Jahren damit wirbt, kulinarische und Kino-Genüsse zu verbinden. Antje Witte, seit 35 Jahren im Kinogeschäft und seit der Gründung Leiterin des Orfeos Erben, spürt einen rauheren Wind, auch ein bekanntes Haus wie ihres wird nicht mehr automatisch voll. Liegt es an den Filmen? An den Streamingdiensten? An zu vielen Kinosälen in Frankfurt? Schwer zu sagen, vermutlich sei es eine Mischung, so Witte.

          Rückläufige Besucherzahlen

          Generell sind die Besucherzahlen in den Kinos rückläufig. Insgesamt gingen laut Filmförderungsanstalt 2018 bundesweit rund 105,4 Millionen Besucher in die Kinos, 2013 waren es noch 129,7 Millionen. Der Umsatz sank von einer Milliarde Euro auf 899 Millionen im selben Zeitraum. Immerhin, im Vergleich der ersten Halbjahre 2018/19 sind die Besuche in Hessen sogar um etwa fünf Prozent gestiegen. Doch auch wenn die sogenannten Arthouse- oder Programmkinos sich bislang besser schlagen als die großen Multiplexe, müssen neue Konzepte entwickelt werden.

          Dazu gehört auch das Investieren in mehr Komfort. Antje Witte hat deshalb für ihr Kino eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um neue Sessel zu kaufen und den historischen Lufthansa-First-Class-Sitzen in ihrem Saal eine Aufpolsterung zu verpassen. „Sehenswerte Filme brauchen sitzenswerte Polster“, sagt Witte – und weil auch andere Renovierungen anstehen, ist die Möblierung ein Anliegen, das ins Publikum getragen wird.

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