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Wie sich Kinos behaupten : Weißwein und neue Sessel gegen die Konkurrenz

Originalversionen mit Untertiteln

Bausch hat mit dem Casino in Aschaffenbur als blutjunger Mann angefangen: Aus einem verfallenen Kinosaal wurde binnen kurzer Zeit ein angesagtes Kino, das spezielle Angebote, für Senioren, Kinder, junge Eltern, von Anfang an auch mit gastronomischen Besonderheiten verband. Mit herkömmlichem Popcornkino haben auch die Quiches und Kuchen, die französischen Süßigkeiten und die selbstgemixten Longdrinks nichts mehr zu tun, die es in den Kinos gibt, die unter „Arthouse-Kinos Frankfurt“ firmieren. Teuer ist das Angebot aber bewusst nicht. Und viele Kinogäste kommen seit der Renovierung der Kinos bewusst etwas früher, um vor dem Film noch im Café zu sitzen.

Bausch zeigt zwar Originalversionen, aber mit Untertiteln. Die Vorstellungen am Sonntag und Montag sind für viele zum Ritual geworden, „wir haben ein wachsendes Publikum“, so Bausch. Dann sind auch die Vertreter der jeweiligen Sprachgemeinschaften im Kino zahlreich anwesend, es wird französisch, englisch, italienisch gesprochen. Live-Konzerte und andere Ereignisse finden im Kino ebenso eine wachsene Besucherzahl wie die Sonderveranstaltungen, die Bausch und seine Kinoleiter gemeinsam besprechen und initiieren. Dazu gehören Vorpremieren in Anwesenheit von Regisseuren oder Darstellern, Filmgespräche und die Reihe „Disharmonie“ für die abseitigen Filme in der Harmonie, das tendenziell ein jüngeres Publikum anzieht.

Netflix drängt in den Kinomarkt

Dass Events im Kino gut ankommen, sehen auch die anderen Betreiber – wiewohl der Aufwand bisweilen enorm ist. Zu den Sneak Previews etwa, sagt Gabriele Jaeger, komme eine eingeschworene Gemeinschaft von etwa 300 Zuschauern, auch das Betriebsjubiläum, das mit einer Wunschfilm-Reihe begangen wurde, sei prima gelaufen. Events wie „I can see music“, das Filmfestival „Indian Vibes“ oder Kurzfilme in Verbindung mit Speisen sind auch im Orfeos Erben Publikumsmagneten. Allerdings stellt Antje Witte auch fest, dass es einen immer größeren Anteil von Leuten gebe, die erklärten, nie ins Kino zu gehen. Und alle, die sich an das Streamen von Serien gewöhnt hätten, fehlten dem Kino.

Dass nun auch die großen Anbieter wie Netflix, Amazon, Disney in den Kinomarkt drängen, ist hochumstritten. Gabriele Jaeger, die mit ihren E-Kinos und dem ebenfalls zum Familienbetrieb gehörenden Cineplex Neckarsulm zum großen Verbund der Cineplex-Kinos gehört, die funktionieren wie eine Art Einkaufsgemeinschaft mittelständischer, familienbetriebener Kinos, hofft, die Verbandsarbeit könne eine Verkürzung der sogenannten Auswertungsfenster verhindern. Denn derzeit gilt noch eine gestaffelte Mindestsperrfrist für Kinofilme, die bei sechs Monaten liegt, aber auf Antrag verkürzt werden kann. Gerade die neuen Großproduzenten wollen diese Auswertungsfenster verkleinern oder ganz anders nutzen.

„Das wird die große Herausforderung der nächsten Jahre“, sagt Gabriele Jaeger, schon mit Blick auf die ersten von Internetgiganten produzierten Filme, die in den Kinomarkt streben, wie Martin Scorseses „The Irishman“, der nur punktuell in ausgewählten Kinos läuft, bevor er auf Netflix vermarktet wird.

„Das Kino wird sein Publikum behalten“, glaubt Jaeger, „aber es wird sich anders sortieren.“ Und vielleicht merkten viele nach ein paar Jahren eben doch, dass zu Hause zu sitzen doof ist – im Vergleich zum gemeinschaftlichen Erlebnis Kino.

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