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Metropolregion Frankfurt : Auch die ländlichen Gebiete profitieren

„Schwarmstadt“: Frankfurt ist attraktiv - und nun wird auch das Umland bis hin zum Vogelbergkreis zum Nutznießer des anhaltenden Zuzugs. Bild: Helmut Fricke

Die Metropolregion Frankfurt prosperiert. Das Erstaunliche daran ist, nicht nur die Städte in der Region wachsen. Doch entwickeln sich Bevölkerung und Beschäftigung je nach Kreis sehr unterschiedlich.

          Hessens Extreme liegen nur 70 Kilometer auseinander: Keine andere Stadt des Bundeslandes hat 2014 ein so starkes Bevölkerungswachstum verzeichnet wie Frankfurt, laut Statistischem Landesamt sind mehr als 16 000 Einwohner dazugekommen. Dagegen verbuchte kein anderer Kreis - nicht einmal in Nordhessen - einen so großen Verlust wie der Vogelsbergkreis, dessen Bevölkerung um 620 Personen schrumpfte.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Zahlen scheinen ein bekanntes Muster zu bestätigen. Doch die Statistik, die auch der Regionalverband für die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main auswertet, zeigt auch zwei neue Trends: Von der starken Zuwanderung in die Ballungsräume profitieren mittlerweile auch Gebiete wie der Vogelsberg. Dort wanderten 2014 erstmals wieder mehr Menschen zu als wegzogen. Dass dennoch die Gesamtbilanz negativ ausfällt, hängt mit dem Wegzug der vergangenen Jahre zusammen: Die Bevölkerung ist überaltert, es werden zu wenige Kinder geboren.

          Viele arbeiteten in Frankfurt, lebten aber außerhalb

          Dennoch ist der Vogelsbergkreis nicht länger mehr nur ein Verlierer. Denn er profitiert von der wachsenden Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten in der Region. Prozentual weist er sogar die größten Steigerungsraten im hessischen Teil der Metropolregion auf. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl der Arbeitnehmer im Kreis um knapp 14 Prozent, allein von 2013 auf 2014 um 6,9 Prozent.

          „Das ist eine neue Entwicklung“, sagt Matthias Böss, der beim Regionalverband die Daten der Region zusammenträgt und analysiert. Erstmals werde deutlich, dass nicht nur die städtischen Zentren und das unmittelbare Umland zu den Gewinnern der enormen Beschäftigungsdynamik der Region gehörten. Vielmehr bekämen auch die weiter entfernt liegenden Kreise die Entwicklung zu spüren. Dazu zählen laut Böss nicht nur der Vogelsbergkreis, sondern auch die Kreise Odenwald, Miltenberg und Fulda sowie Mainz-Bingen, wo die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren zum Beispiel um 16 Prozent stieg. Für Böss passt zu dieser Entwicklung auch die Tatsache, dass es immer mehr Frankfurter gibt, die in der Stadt leben, aber außerhalb arbeiten. Ihre Zahl liegt mittlerweile bei mehr als 77.000 Personen.

          Doch natürlich sind die Gewinner, die von der steigenden Zahl der Arbeitsplätze in der Region profitieren, die kreisfreien Städte, die Böss als „Beschäftigungshochburgen“ bezeichnet: Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz und Aschaffenburg. Dort kommen auf 1000 Einwohner jeweils mehr als 650 Erwerbstätige. Insgesamt ist in der Metropolregion die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten in den fünf Jahren zwischen 2009 und 2014 um mehr als 170 000 auf 2,2 Millionen gestiegen.

          Kaufkraft liegt deutlich über Bundesdurchschnitt

          Die Prosperität des Ballungsraums zeigt sich auch an der Kaufkraft und dem Bruttoinlandsprodukt je Einwohner. In Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt sowie im Main-Taunus-Kreis und in Teilen des Hochtaunuskreises wird ein Bruttoinlandsprodukt von mehr als 80.000 Euro je Einwohner erwirtschaftet. Das Team vom Regionalverband kann deutlich einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts infolge der Finanzkrise 2008 erkennen. Der sei mittlerweile aber überwunden, sagt Böss. Schon im Jahr 2012 sei in der Metropolregion wieder ein Bruttoinlandsprodukt von 216,5 Milliarden Euro erwirtschaftet worden, das entspreche mehr als 39.000 Euro je Einwohner. „Das sind mehr als acht Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands.“

          Dass die Region eine florierende Wirtschaft hat, darauf weist auch die hohe Kaufkraft hin, die bei knapp 24.000 Euro je Einwohner und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 21.600 Euro liegt. Besonders hoch ist sie im Main-Taunus- und im Hochtaunuskreis. Die beiden Kreise konkurrieren alljährlich mit dem Raum München um die ersten Plätze im bundesweiten Ranking. Ganz anders sieht es an den Rändern der Region aus: In den Kreisen Limburg-Weilburg, Gießen, Fulda, Vogelsberg und Odenwald liegt die Kaufkraft zum Teil unter dem Bundesdurchschnitt, was im Übrigen ebenso für die Stadt Offenbach gilt.

          Ein Appell an die Bürgermeister im Umland

          So positiv die Wirtschaftsdaten der Metropolregion sind, so sehr sorgt sich der Regionalverband dennoch in Sachen Bevölkerungswachstum und bei der Frage, wo die große Zahl der Zuziehenden wohnen soll. Denn auch wenn in den Großstädten derzeit mehr Kinder geboren werden als Alte sterben, verdankt die Region ihr Wachstum eindeutig jenen Menschen, die neu hinzuziehen. Die Zeitschrift „Focus“ hat Frankfurt und Darmstadt jüngst sogar als „Schwarmstädte“ klassifiziert, weil sie bei jungen Leuten zu den beliebtesten in Deutschland gehören. Doch in beiden Städten fehlt es nicht nur an bezahlbaren Wohnungen, sondern auch an Flächen für den Bau neuer Quartiere.

          „Frankfurt wird das Bevölkerungswachstum der Region nicht allein lösen können“, sagt deshalb der Frankfurter Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) und appelliert an die Bürgermeister im Umland, „sich zu bewegen“, sprich: ebenfalls Baugebiete auszuweisen. Dabei will Cunitz gar nicht dazu zurück, dass wie seit den siebziger Jahren das Hauptwachstum der Region im Umland stattfindet, doch allein kann Frankfurt den Ansturm der Menschen einfach nicht bewältigen.

          Immerhin sind im Jahr 2014 im Gebiet des Regionalverbands knapp 9000 neue Wohnungen gebaut worden, 4400 davon in Frankfurt, im Gebiet der Metropolregion waren es sogar rund 18 000. Doch wie der Direktor des Verbands, Ludger Stüve (SPD), mitteilt, werden damit noch lange nicht die Zahlen vom Anfang der neunziger Jahre erreicht, als infolge der deutschen Einheit in der Region jährlich mehr als 40 000 Wohnungen entstanden. Auch Stüve hofft, dass die Kommunen in den Kreisen im neuen Jahr wieder aktiver werden. „Jetzt ist das Umland gefragt“, sagt er und weist darauf hin, dass auch viele Flüchtlinge bald Wohnungen bräuchten.

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