https://www.faz.net/-gzg-9rvka

Alter und Wetter : Wenn zum Laufen die Motivation fehlt

In jeder Wetterlage glücklich: Laufpartner „Muckel“ Bild: Alexander Davydov

Schlechtes Wetter und schmerzende Glieder: Es gibt Tage, da hat man einfach keine Lust nach draußen zu gehen. Die nötige Motivation kommt manchmal dann ganz unverhofft.

          2 Min.

          „Nein, heute bewege ich mich keinen Meter vor die Tür und nicht einmal aus dem Bett“, denke ich. Es ist Sonntagmorgen und der kühle Wind schlägt in einem rhythmischen Trommeln die Regentropfen gegen mein Schlafzimmerfenster. Die Definition eines mürrischen Tages, wenn ich je einen erlebt habe. In solchen Momenten kann nicht einmal das sonst malerische Rhein-Main-Gebiet etwas an meiner Motivation ändern.

          Alexander Davydov
          Sportredakteur.

          Raus muss ich aber doch, denn ich habe nun mal ein Ziel vor Augen. Mein Geburtstag ist in einigen Wochen und ich möchte mir etwas Besonderes gönnen: am Rhein entlang laufen, in Hessen beginnen und in Rheinland-Pfalz enden, zwei Kilometer für jeden meiner 31 Lebensjahre. Ich denke an die vielen Sehenswürdigkeiten, die ich passieren werde.

          Da gibt es die kurfürstliche Burg in Eltville, die an besseren Tagen im Rosengarten zum Verweilen einlädt. Zehn Kilometer weiter kommt das opulente Schloss Biebrich, eine ehemalige Residenz der Fürsten und späteren Herzöge von Nassau. Wenig später nähert man sich dem Landtag in Mainz, einem barocken Palais, für das Franz Ludwig von der Pfalz 1730 den Grundstein legte. Auf der anderen Rheinseite geht es dann weiter entlang einer malerischen Weinstraße, wo mich zum Ende hin mit einer Engstelle im Rhein, dem sogenannten Binger Loch, die Pforte zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal erwartet. Eine schöne Strecke ist es wahrlich.

          Fehlende Motivation

          Sogar meinen alten Kumpel „Muckel“ konnte ich als Trainingspartner überreden, der schon irgendwo auf mich ungeduldig wartet. Nun aber gewährt mir das elendige Wetter jede Entschuldigung, die heutige Laufeinheit von 25 Kilometern zu schwänzen. Ich wälze mich unschlüssig im Bett, zerrissen zwischen Schuldgefühlen, Selbstmitleid und dem fehlgeleiteten Glauben, was besonders Tolles zu leisten, um mich cool zu fühlen. Doch die Motivation ist nicht zu finden, dafür aber viele Ausflüchte. Die Arbeitswoche aber war so lang, die Achillessehne ist eigentlich auch nicht ganz  ausgeheilt und überhaupt würde ich mit dem Lauf das niederträchtige Gerücht einiger Bekannter befeuern, das alles sei der Vorbote einer beginnenden Midlife-Crisis. Mit 31? Jetzt schon? Unsinn!

          Mit dem Hund rennt man den Regenwolken einfach davon.
          Mit dem Hund rennt man den Regenwolken einfach davon. : Bild: Alexander Davydov

          Ich laufe seit fast 15 Jahren und das bei jedem Wetter. Auch fehlt es nicht an Erfahrung in Ultra-Distanzen. Was also fesselt mich in diesem Moment so ans Bett? Das Älterwerden? Die Frage nach dem Sinn des Laufens? Vielleicht einfach nur ein kleines Tief, kann ja jedem passieren. Das innere Genörgel wird aber abrupt unterbrochen: „Muckel“ meldet sich mit einem wütendem Bellen zu Wort, stößt mit den Vorderpfoten die Tür auf und stellt mich vor die Wahl: Jetzt sofort nach draußen oder eine Urinpfütze hier drinnen. Alle Zweifel wechseln zum Pragmatismus: Gemeinsam  rennen wir 25 Kilometer am Rhein entlang, über Pfützen, Stock und Stein, auf grünen Dämmen, vorbei an den Windböen und dann zurück in die Wohnung. Dort, wo „Muckel“ ein trockenes Handtuch und mich ein wohltuender heißer Kakao erwarten, komme ich zu dem Schluss: Laufen am Rhein ist schon ein besonderes Erlebnis – egal bei welchem Wetter. 

           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Karin Beck und Andrea Straub in ihrer Drogerie auf der Schwäbischen Alb

          Zehn Jahre nach der Insolvenz : Frauen ohne Schlecker

          Vor genau zehn Jahren ging die Drogeriemarktkette Schlecker unter. Andrea Straub und Karin Beck haben in einer Filiale auf der Schwäbischen Alb auf eigene Faust weitergemacht – und sind immer noch im Geschäft.
          Eröffnung der Ausstellung „Diversity United“ im Flughafen Tempelhof 2021 mit (von rechts nach links) Armin Laschet, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, Michael Müller, Walter Smerling und Hauptsponsor Lars Windhorst.

          Kunst und Macht : Das System Smerling

          Er macht aus dem Berliner Flughafen Tempelhof eine riesige Kunsthalle und leitet sie auch gleich. Alle Mächtigen lieben seine Ausstellungen: Wer ist eigentlich Walter Smerling?

          Marinechef entlassen : Wie ein festgefahrener Eisbrecher

          Der deutsche Marine-Inspekteur Kay-Achim Schönbach verrennt sich in Indien mit Äußerungen zum Ukraine-Konflikt und zu Putin. Dann räumt er seinen Posten. Er saß wohl einer folgenschweren Fehleinschätzung auf.
          Denkt womöglich sogar über ein Karriereende nach: Aaron Rodgers

          Umstrittener NFL-Quarterback : War es das für Aaron Rodgers?

          Die Green Bay Packers scheitern überraschend in den NFL-Play-offs. Quarterback Aaron Rodgers äußert sich anschließend fast schon verheißungsvoll zur eigenen Zukunft – nicht nur in Green Bay.