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Leihfahrräder in Mainz : Gelbe Karte fürs fremde Fahrrad

  • -Aktualisiert am

Damit Kunden immer Leihfahrräder vorfinden, verteilt die Mainzer Verkehrsgesellschaft sie nach den Stoßzeiten mit einem Transporter. Der Fahrer muss bis zu 140 Stück bei einer Tour heben.

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          Immer abends ist auf den Mainzer Straßen ein seltsames Gefährt unterwegs, das Ortsfremden Rätsel aufgeben mag: ein kleiner Transporter, der auf seiner Ladefläche und dem Anhänger gelbe Fahrräder durch die Gegend chauffiert. Die Chance ist nicht schlecht, dass Peter Herklotz hinter dem Steuer sitzt. Er ist sogenannter Verteilfahrer für „MVG mein Rad“ und hält zusammen mit seinen Kollegen das von der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) betriebene Fahrradverleihsystem am Laufen.

          Täglich nutzen viele Menschen in Mainz die 2012 eingeführten Mieträder, um von A nach B zu kommen; der Tagesrekord liegt bei 2665Fahrten. Der große Vorteil des Systems ist die Möglichkeit, ein entliehenes Rad an jeder beliebigen der 112Mietstationen zurückzugeben – mit der Folge, dass sich die knapp 900Räder ungleichmäßig verteilen. Während sich an einigen Stationen irgendwann gar kein Rad mehr findet, können andernorts keine Velos zurückgegeben werden, da alle Einschübe schon besetzt sind.

          Ziel ist die 50:50-Quote an den Stationen

          Hier kommen die Verteilfahrer ins Spiel: Jeden Abend ist einer von ihnen unterwegs, um unter den Stationen einen gewissen Ausgleich zu schaffen. Herklotz macht den Job auf 450-Euro-Basis seit drei Jahren; 40Stunden im Monat sei er im Einsatz, berichtet der Fünfundvierzigjährige. Auch die aktuelle Tour beginnt an der Fahrradwerkstatt der MVG. Noch sind die 23Haltevorrichtungen auf dem Transporter und dem Hänger leer.

          Denn Herklotz will zunächst Stationen mit Fahrradüberschuss aufsuchen und dann überzählige Velos von dort dahin bringen, wo Fahrradmangel herrscht. Ideal ist laut Herklotz eine 50:50-Quote von Rädern und freien „Docks“, den Einschüben für die Mieträder. Sie haben am Lenker einen Zapfen, der in einer Öffnung der Station einrastet; erst nach Anmeldung wird das Rad freigegeben. „Ich fahre die Stationen so an, dass die Wege möglichst kurz sind.“ Ziel sei es, Leerfahrten zu vermeiden. Herklotz’ wichtigstes Arbeitsmittel ist außer dem Auto und einem Paar Handschuhen zum Anheben der Fahrräder ein Tablet.

          Pro Tour 120 bis 140 Fahrräder mit je 23 Kilo gehoben

          Das System sagt ihm, wie viele Räder an eine bestimmte Station gebracht oder dort geholt werden sollen; dabei wird der Bedarf für die nächsten zwölf bis 24Stunden prognostiziert. Dafür wertet das System laut MVG anonyme Stationsdaten der vergangenen Jahre aus und verknüpft sie etwa mit aktuellen Wetterdaten. Bei der Verteilung darf Herklotz eine gewisse Flexibilität walten lassen. Denn auch Erfahrungswerte sind wichtig.

          Große Stationen fahre man täglich an, schwächer frequentierte nur einmal pro Woche. Es gibt einige Stationen, die laut Herklotz oft „volllaufen“. Eine von ihnen ist am Bahnhof Mombach, dem ersten Halt der Tour. Tatsächlich ist die Station gut gefüllt: 16 der 18 „Docks“ sind besetzt.

          Herklotz meldet sich am Bedienpult der Station an und entnimmt dann acht Fahrräder, die er nach und nach auf den Transporter wuchtet und dort per Bügel sichert. Im Schnitt hebt er pro Tour 120 bis 140 Fahrräder, die jeweils 23 Kilo wiegen. „Ins Fitnessstudio brauch ich nicht und bekomme noch Geld dafür.“

          Wenn Räder nicht da stehen, wo sie sollten

          Penibel kontrolliert Herklotz, ob Dreck in Körben und Koffern der Räder an der Mietstation liegen. Er wird fündig: Jemand hat alte Bratkartoffeln in einen Korb geworfen, die der Fahrer flugs entsorgt. Als nächste Station steuert er das Höfchen an, für das ihm das System ebenfalls Fahrradüberschuss meldet. Doch während der Fahrt erhält er von der MVG den Hinweis, dass an der Hochheimer Straße in Kostheim ein Mietrad ungesichert neben der vollen Station stehe. Das geht vor. „Da müssen wir hin, bevor das Rad Füße bekommt.“

          Auf der anderen Rheinseite in Kostheim angekommen, findet Herklotz tatsächlich besagtes Rad. Offenbar hat ein Kunde den Drahtesel hier abgestellt, statt einfach per App die nächste freie Station zu suchen. Was insofern verwunderlich ist, als das Rad weiter als ausgeliehen gilt und in dieser Zeit für den Nutzer Kosten anfallen. Herklotz macht Beweisfotos und beendet den Mietvorgang. Dann lädt er das Rad und noch zwei weitere Räder aus der Station auf den Transporter. Auch hat er ein Fremdrad erspäht, das jemand verbotenerweise an der MVG-Mietstation angeschlossen hat. Dafür kommt eine „Gelbe Karte“ an den Fahrradlenker.

          Zurück in Mainz, geht es zur Station am Höfchen. Sie ist gut gefüllt, weshalb Herklotz zwölf Räder einlädt. Da Transporter und Anhänger nun voll sind, fährt er zur Universität, denn von dort wird Fahrradmangel gemeldet. Tatsächlich steht an der Station am Wittichweg nur noch ein Rad – 17 Plätze sind frei. „An der Uni gibt es abends keine Räder“; die Stationen hier liefen fast immer leer.

          „Räder nicht ständig mit dem Auto umherfahren“

          „Die Leute fahren den Berg eben lieber runter als rauf“, sagt er mit Blick auf die Universität, die höher als die Innenstadt liegt. Für die Fahrt zur Uni würden andere Verkehrsmittel genutzt, vermutet er. Herklotz lädt etwa die Hälfte der Räder am Wittichweg ab, den Rest an der ebenfalls fast leeren Mensa-Station. Danach beginnt das Spiel von vorne; insgesamt sechs Stunden dauert die Tour im Schnitt. Herklotz, der auch privat die Leihräder nutzt, mag den Job.

          Jeden Abend gibt es nach dem Berufsverkehr eine Hauptverteilungstour, im Ausnahmefall zwei; hinzu kommen Sonderverteilfahrten am Tag. Man versuche, ein optimales Angebot von Rädern und Stellplätzen zu schaffen, sagt ein MVG-Sprecher. Man könne die Verfügbarkeit aber nicht zu 100 Prozent sicherstellen. Das wäre wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll. „Denn es ist nicht Ziel, die Räder ständig mit dem Auto durch die Gegend zu fahren.“

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