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Gegen lange Wartezeiten : Fünf Orthopäden in drei Monaten

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Facharzt gesucht: Was tun, wenn man auf den nächsten Termin mehrere Monate warten muss? (Symbolbild) Bild: dpa

„Wir hätten einen Termin in einem halben Jahr“ oder „Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf“ – viele Kassenversicherte kennen solche Antworten, wenn sie einen Facharzt suchen. Sind Mehrfachbesuche ein Teil des Problems?

          Wenn die Frankfurter Allgemeinärztin Kerstin Ehrlich Patienten zu einem Facharzt überweisen will, macht sie oft die Erfahrung: „Die Wartezeiten bei Fachärzten sind in der Regel drei bis vier Monate“, sagt die Ärztin. „Am schwierigsten ist es bei Psychiatern und Rheumatologen, dort bekommen die Patienten häufig gar keinen Termin oder nur mit sehr langer Wartezeit: bis zu sechs Monaten!“

          Wenn es dringend ist, vereinbart Kerstin Ehrlich selbst einen Termin bei einem Kollegen, den sie persönlich kennt. „Dann klappt es meistens innerhalb weniger Tage.“ Die Zwänge ihrer Facharztkollgen versteht sie durchaus: „Für viele Praxen lohnt es sich einfach nicht, noch mehr Patienten zu versorgen, weil ab einer gewissen Quote an gesetzlich Versicherten die Leistung nicht mehr bezahlt wird.“

          Aber auch die Patienten trügen eine Mitverantwortung: „Das Problem ist die allgemeine Verunsicherung durch die Medien“, glaubt sie. Dadurch entstehe ein „Abklärungswahn“: „Jeder meint, er muss zum Spezialisten und traut seinem Hausarzt nicht zu, die Diagnose beziehungsweise Therapie richtig durchzuführen. Dadurch sind viele Facharzttermine blockiert und für diejenigen, die sie wirklich brauchen, nicht verfügbar.“

          Selben Beschwerden, unterschiedliche Ärzte

          Eine Testzählung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen belegt, dass nicht wenige Patienten innerhalb weniger Monate mit denselben Beschwerden zu verschiedenen Fachärzten gehen. Rund 15.000 Patienten waren zum Beispiel im ersten Quartal 2015 bei zwei verschiedenen Orthopäden, 555 bei drei, 29 bei vier, 5 bei fünf oder noch mehr. Überweisungen, Notfallbehandlungen, Urlaubsvertretungen oder Gemeinschaftspraxen hat die KV dabei herausgerechnet. Bei Augen-, Frauen-, HNO- und Hautärzten gab es ähnliche Ergebnisse.

          Medizin sei doch kein Lieferdienst wie ein Pizzaservice, schimpft Frank Dastych, der nie um markige Worte verlegene Chef der KV Hessen. Die Politik traue sich nicht, „eine Mitverantwortung des Patienten einzufordern“, sagt Dastych, im Gegenteil: Durch die Terminservicestellen - die jedem Kassenpatienten mit dringlicher Überweisung binnen vier Wochen einen Termin beim Facharzt besorgen müssen - sei Medizin endgültig zum „Selbstbedienungsladen“ geworden. Aber: „Wer zum dritten oder vierten Facharzt läuft, hat drei oder vier anderen den Termin weggenommen.“

          „Es geht um ihre Gesundheit“

          Eine Position, die Widerspruch geradezu provoziert. „Es ist zu leicht, den Schwarzen Peter für die Wartezeiten den Patienten in die Schuhe zu schieben“, kontert Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. „Für Patienten gibt es ganz unterschiedliche Motive, mehrere niedergelassene Mediziner aufzusuchen. Denn es geht um ihre Gesundheit. Sie sind unsicher, wünschen eine zweite Meinung oder suchen einen Arzt, dem sie Vertrauen schenken.“

          Auch die Krankenkassen ermuntern Patienten zu Mehrfachbesuchen, wenn sie „medizinisch sinnvoll und begründet“ sind, wie es bei der Techniker Krankenkasse (TK) Hessen heißt. Stichwort „mündige Patienten“: „Deshalb unterstützen und begrüßen wir es sehr, wenn sich Versicherte bei ernsthaften Erkrankungen eine ärztliche Zweitmeinung einholen“, sagt Sprecherin Julia Abb.

          Eine Testzählung für die Deutsche Presse-Agentur ergab, dass im gesamten Jahr 2018 bundesweit rund 840.000 TK-Versicherte zwei Fachärzte der gleichen Facharzt-Gruppe aufgesucht haben, in 146.000 Fällen waren es drei und bei 8600 Patienten vier Fachärzte. Bei jährlich über 85 Millionen Behandlungsfällen seien die Zahlen „vergleichsweise gering“, findet die Krankenkasse.

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