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Luxuswaren aus Hanau : Handschmeichler für 18.000 Euro

Kleinod: In der Louis-XVI-Goldemailtabatière aus Hanauer Fertigung wurde einst Schnupftabak aufbewahrt. Bild: Cornelia Sick

Hanau war ein Zentrum der Produktion von Luxuswaren aus edlen Metallen und bemaltem Email. Weltweit zeigen Museen solche Stücke, nur in Hanau gab es bisher kein Exemplar.

          3 Min.

          „Das wird teuer!“ Dieser Gedanke schoss Margret Dausien durch den Kopf, als sie erfuhr, dass das, was sie unbedingt haben wollte, auch noch einige andere Leute brennend interessierte. Am Ende war sie erfolgreich, doch nicht für sich persönlich, sondern für Hanau und sein historisches Museum. Es hieß Nerven bewahren, als die Vorsitzende des „Vereins Freunde und Förderer Historisches Museum Hanau Schloss Philippsruhe“ sich anschickte, eine wertvolle Golddose, die im achtzehnten Jahrhundert in Hanau gefertigt wurde, in die Stadt zurückzuholen.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Erst am Vorabend hatte Dausien von Michael Sprenger, dem Vorsitzenden des Hanauer Geschichtsvereins, erfahren, dass die Louis-XVI-Goldemailtabatière beim renommierten Auktionshaus Lempertz zur Versteigerung stehen würde. „Ich war sofort elektrisiert“, erinnert sich die ältere Dame. Zwar hatte sie das Objekt mit eigenen Augen nicht gesehen, doch sie verließ sich auf das Urteilsvermögen des Geschichtsvereinsvorsitzenden und beteiligte sich kurzentschlossen für den Verein an der Versteigerung. Doch das Gleiche hatten sechs weitere Bieter vor. Das musste den Preis erhöhen, dachte Dausien, es zeige aber zugleich das große Interesse des Kunstmarkts an einem solchen Objekt.

          Eine Sensation für Hanau

          In vielen bedeutenden Museen und Sammlungen der Welt gebe es diese Kleinodien, nur nicht in Hanau, wo sie einst in großer Zahl und in hoher Qualität hergestellt worden seien, sagt die Vorsitzende des noch jungen Fördervereins. Das wollte sie unbedingt ändern. Auf 3000 Euro lautete die Mindestforderung des Auktionshauses. Am Ende erhielt Margret Dausien den Zuschlag für 18 000 Euro, dazu kamen die üblichen Gebühren. An den Kosten beteiligen sich die Stadt Hanau und die Stiftung der Sparkasse. Den Rest trägt der Förderverein, der noch auf weitere Spender hofft.

          Als „eine Sensation für Hanau“ wertet die Stadt den Coup des Fördervereins – obwohl die Dose nicht groß ist. Sie passt gut in eine Hand, in der diese Art von Behältnissen von ihren Besitzern gerne gehalten wurde, als eine Art Handschmeichler, wie Lorenz Seelig, Experte für Golddosen und ehemaliger stellvertretender Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, bei der Präsentation des Schmuckstücks im Schloss Philippsruhe meinte. So diente sie ihrem Besitzer nicht nur als Alltagsgefäß, sondern vielmehr als schmuckes Statusobjekt.

          Könnte die Dose reden, hätte sie einiges zu erzählen von einer Zeit, in der Hanau internationales Zentrum der Produktion von Luxuswaren aus edlen Metallen und kunstvoll bemaltem Email war. Dazu zählten laut Seelig neben den Schnupftabakdosen unter anderem Bonbonnieren, Gürtelschnallen und andere Aufbewahrungsbehälter sowie Schmuck, hergestellt von namhaften Bijoutiers und Emailmalern. Diese Künstler wurzelten meist in der Tradition der niederländischen und wallonischen Glaubensflüchtlinge, die Begründer der Hanauer Neustadt und Träger des Gold- und Silberschmiedehandwerks in der Stadt waren. 1764 gründete sich in Hanau die Gesellschaft der Neustädter Bijoutiers, die weitere Meister des Handwerks nach Hanau zog, beispielsweise aus Berlin.

          Museen auf der ganzen Welt

          Wie schon die französischen Bezeichnungen zeigen, war Paris im achtzehnten Jahrhundert Seeliger zufolge das europäische Zentrum der Produktion wertvoller Golddosen. Doch Hanau konnte mit Qualität und Design mithalten. Gerade Tabatièren fertigte man hier in großem Ausmaß im französischen Stil und vertrieb sie über die nahe gelegene Messestadt Frankfurt in alle Welt. Zu finden sind sie heute unter anderem in Museen in Dresden, New York, London und Paris. Auch in der Fürstlichen Schatzkammer Thurn und Taxis in Regensburg, wo kunstvoll geschmückte Dosen zu den wertvollsten Stücken zählen, gibt es zahlreiche Tabatièren aus Hanauer Produktion.

          Erstmals darf nun auch in Hanau eine bewundert werden. Der Förderverein stellt dem Historischen Museum das Objekt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Es stammt aus der Werkstatt von Esaias Fernau und wurde 1769 im Stil des frühen Klassizismus gefertigt. Soweit bekannt, wurde Fernau um das Jahr 1734 geboren und lebte bis zum Jahr 1795. Er gilt als einer der führenden Juweliere Hanaus, der mit verschiedenen Goldschmieden und Emailleuren zusammenarbeitete.

          Die Hanauer Dose ist laut Seelig ein kleines Kunstwerk, gefertigt aus Gold in zwei Tönen sowie aus unterschiedlich schimmerndem, bernsteinfarbenem Email. Kunstvoll gefertigte Goldbordüren und Ornamente schmücken sie. Den Hauptblickfang aber bildet das auf Email gemalte Medaillon auf dem Deckel mit einem mythologischen Motiv, wie es seinerzeit in Mode war. Es zeigt in hellen Farbtönen, darunter Rosa und Gelb, eine verspielte Venus mit ihrem kleinen Sohn Amor. Welcher Maler dieses zarte Miniaturgemälde schuf, ist nicht bekannt. In Hanau gab es seinerzeit viele Künstler, die das in dieser Qualität hätten bewältigen können.

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