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Frankfurt-Marathon : Zweifel, Schweiß und Pellkartoffeln

Große Ungewissheit: Die F.A.Z.-Redakteurin zweifelt auch kurz zuvor an ihrer Marathon-Tauglichkeit. Bild: Francois Klein

Beim Marathontraining ist der Weg nicht das Ziel, berichtet die Rhein-Main-Redakteurin Marie Lisa Kehler. Ob sich die monatelange Vorbereitung auszahlt, zeigt sich am großen Tag. Hat sie sich dafür ein besonderes Ziel gesetzt?

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          „Na, wie schnell willst du laufen?“ Diese Frage haben mir in den vergangenen Tagen viele gestellt. Meist waren es Männer. Frauen fragen anders. „Wieso um alles in der Welt machst du das?“ zum Beispiel. Auf beide Fragen antworte ich stets mit einem Schulterzucken. Ich werde am Sonntag beim Frankfurt Marathon an den Start gehen. Nach sechs Monaten Training. Noch nie bin ich weiter als 32 Kilometer am Stück gelaufen, und schon das fiel mir ziemlich schwer. 42 Kilometer – das ist purer Wahnsinn.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Nun, da der Marathon direkt bevorsteht, hoffe ich darauf, dass mich bald so etwas wie Vorfreude packt. Oder zumindest Zuversicht. Aber noch ist da nichts in der Art. Das rechte Knie zwickt, die Muskeln sind verspannt, das letzte Training habe ich abgebrochen. Es lief nicht so richtig. Ich bin frustriert. Und zwar, weil ich, egal wie gut ich auch vorbereitet bin, nicht wirklich weiß, was da morgen auf mich zukommt. Und weil ich zwar mit Tausenden anderen starte, am Ende aber doch alleine auf der Strecke sein werde. Ja, und weil ich Angst davor habe, dass es irgendwann weh tun wird. Mehr, als ich auszuhalten bereit bin.

          Zweifel je nach Blickwinkel

          Ich bin eine Meisterin im Zweifeln. Und am allermeisten zweifele ich an meinem Verstand. Wieso habe ich mich eigentlich für diesen Marathon angemeldet? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Wirklich keinen. Oder eben 42. Je nach Blickwinkel. Irgendwie schien es mir im Frühjahr eine schöne Vorstellung, später behaupten zu können, schon einmal die Strapazen eines Marathons auf mich genommen zu haben. Wie naiv ich doch war. Denn irgendwie hatte ich ausgeblendet, dass auch das Training dazugehört. In meiner Vorstellung sah ich mich ausschließlich am Wettkampftag lächelnd durch Frankfurt traben. Samba-Gruppen am Straßenrand, ich mittendrin, dynamisch, euphorisch und ohne eine Schweißperle im Gesicht. Die Realität hat mich schnell eingeholt. Marathontraining tut weh. Irgendetwas zwickt immer. Außerdem bin ich alles andere als dynamisch und eher der Typ „Langstrecken-Schnecke“. Geschwitzt habe ich trotzdem. Und zwar sehr viel.

          „Aber du musst doch wissen, wie schnell du laufen willst“, haken die besonders interessierten Gesprächspartner nach. Um eines klarzustellen: Ich muss gar nichts. Nur laufen. Und zwar 42 Kilometer. Das entspricht in etwa der Strecke zwischen Frankfurt und Mainz. Und noch ein bisschen mehr. Wenn ich mich wirklich sehr beeilen würde, wenn nichts weh tun und es so etwas wie Müdigkeit in meinen Beinen nicht geben würde, dann wäre ich vier Stunden unterwegs. Mindestens. Eher länger. Viel länger. Würde ich die magische Vier-Stunden-Grenze reißen wollen, dürfte ich nicht stehen bleiben, wenn Mutti am Straßenrand winkt. Hetzen statt herzen. Ich dürfte nicht mit den Läufern links und rechts von mir reden. Ich müsste meine Zwischenzeiten kontrollieren und dürfte an den Verpflegungsstellen auch kein Päuschen machen, um halbwegs zivilisiert aus einem Pappbecher zu trinken. Ich müsste rennen, rennen, rennen.

          Sechs Monate Vorbereitung

          Wenn ich es mir recht überlege, habe ich mir sehr wohl eine Zielzeit vorgenommen. Zumindest indirekt. Ich möchte nicht schnell ankommen. Stattdessen nehme ich mir vor, den Lauf zu genießen. Je länger ich dafür Zeit habe, desto besser. Schließlich habe ich sechs Monate auf diesen Tag hingearbeitet. Ich habe mehrfach alte Freunde versetzt, weil ich trainieren musste. Und ich habe neue Freunde gefunden, mit denen ich trainieren durfte. Denn für die Vorbereitung habe ich mich dem Marathon-Projekt Frankfurt angeschlossen. Mit Hilfe eines Trainingsplans, regelmäßigen Leistungsanalysen, Kraftübungen und ganz viel Gruppendynamik wurden dabei Marathon-Neulinge wie ich auf die lange Strecke vorbereitet.

          Während der zu absolvierenden Trainingskilometer – es waren übrigens Hunderte – habe ich in den vergangenen sechs Monaten einiges gelernt. Mit mir allein zu sein beispielsweise – und es zu genießen. Ich habe gelernt, dass auf ein Tief meist ein Hoch folgt, dass Pferdesalbe fast alle Wehwehchen verschwinden lässt, dass Pellkartoffeln besser schmecken als jedes Sport-Gel und dass beim Abenteuer Marathon der Weg das Ziel ist. Wobei das natürlich gelogen ist. Denn das Ziel ist und bleibt das Ziel.

          Seit ein paar Stunden glaube ich nun übrigens, dass ich dieses wirklich erreichen kann. Nicht weil ich plötzlich auf meinen Trainingsstand vertraue, sondern weil ich beim Fototermin für diese Seite mit meinen Laufschuhen in einen dicken Hundehaufen getreten bin. Das bringt Glück – habe ich mir sagen lassen.

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