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Wiesbadens NS-Vergangenheit : Die Stadt, die Moral – und die Schuld

Teil der Erinnerungskultur: die Gedenkstätte Synagoge am Michelsberg in Wiesbaden Bild: Cornelia Sick

Der Historiker und Wiesbadener Lehrer Philipp Kratz hat die Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach Kriegsende erforscht. Über die Schuldfrage gibt es bis heute keinen Konsens.

          Immer dann, wenn es um die Schuldfrage ging, kam es zum Konflikt zwischen jenen, die vielfach Anhänger des Nationalsozialismus waren und einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollten, und denen, die Opfer waren und nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung strebten. So beschreibt der Historiker Philipp Kratz die Auseinandersetzungen in Wiesbaden nach dem Zweiten Weltkrieg. „Eine Stadt und die Schuld“ ist sein opulentes Werk überschrieben, das ein bedeutsames Kapitel der Stadtgeschichte unter ganz besonderen Vorzeichen untersucht: Wie gingen die Stadt und ihre Bürger nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Last der Vergangenheit um?

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der eingangs beschriebene Konflikt ist für Kratz eine Konstante der Wiesbadener Nachkriegsgeschichte. Noch vor fünf Jahren beherrschte sie die Schlagzeilen anlässlich des Streits um das Ehrengrab für den ehemaligen Oberbürgermeister Erich Mix. Als die Stadtverordneten beschlossen, dass die Stadt die Grabpflege nicht mehr übernimmt, standen sich die zwei bekannten Lager gegenüber: jene, die Mix zumindest eine moralische Schuld während seiner ersten Amtszeit in Wiesbaden zwischen 1937 und 1945 vorwarfen, und jene, die seine Verdienste für die Stadt nach 1945, in seiner zweiten Amtszeit – als FDP-Politiker – zwischen 1954 und 1960 würdigten und ihm die Verstrickung in das Nazi-Regime nicht mehr zum Vorwurf machten.

          Deportationen noch im Februar 1945

          Der promovierte Studienrat Kratz, Jahrgang 1979, hat während seiner Studien in der Generation der Nachkriegsgeborenen „zwei geschichtspolitische Lager“ identifiziert, zwischen denen nur dann ein Konsens möglich war, wenn die Schuldfrage ausgeklammert wurde. Für Kratz ist der Wandel der Einstellung zu einem Ehrengrab für Mix auch „Ausdruck eines gewandelten Umgangs mit der NS-Vergangenheit“. Heute heißt es in einer kommunalen Broschüre zu den 14 Oberbürgermeistern seit 1893, Mix habe „die Verfolgung und Ermordung der Wiesbadener Juden, die Drangsalierung von Zwangsarbeitern und Regimegegnern“ mit zu verantworten.

          Während des Zweiten Weltkriegs war Wiesbaden nicht nur Teil der Heimatfront und Sitz einiger Wehrmachtsstellen, sondern auch Tatort nationalsozialistischer Verbrechen. Noch im Februar 1945 deportierten Wiesbadener Behörden die zuvor verschonten jüdischen Ehepartner von „Ariern“ und deren halbjüdische Kinder in den Tod. Gleichzeitig bereiteten sich Partei, Verwaltung und Stadtkommandant auf die Einnahme durch die amerikanischen Streitkräfte vor. „Defätisten“ und „Wehrkraftzersetzer“ sollten nach den Recherchen von Kratz verhaftet werden, während die NSDAP-Kreisleiter ihre Flucht nach Mitteldeutschland organisierten.

          Lethargie, Missmut und Mutlosigkeit

          Als die amerikanischen Kampfverbände bei Oppenheim und St. Goarshausen über den Rhein setzten und Mainz schon eingenommen war, befahl der damalige Gauleiter Sprenger die Evakuierung Wiesbadens. Ein Befehl, den die Notverwaltung der Stadt kurz darauf widerrief und die Bürger zu Ruhe und Besonnenheit aufforderte. Kampflos nahmen die Amerikaner am 28. März 1945 die Stadt ein. Die Stimmungslage in Wiesbaden wurde laut Kratz von Zeitgenossen mit Lethargie, Missmut und Mutlosigkeit umrissen. Es überwog die Sorge, für die Verbrechen der Nationalsozialisten haften zu müssen. Die Schuld wurde allein beim „Führer“ abgeladen, eine „Kollektivschuld“ abgestritten. Zudem war Wiesbaden mit rund 1700 Bürgern, die infolge des Luftkriegs starben, vergleichsweise glimpflich durch den Krieg gekommen. Aber ein Fünftel der Wohnungen war zerstört worden, die meisten der privaten Wohngebäude waren beschädigt.

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