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Arbeitslosigkeit : Pragmatismus statt Schockstarre

  • -Aktualisiert am

Kraftprobe: Manchem, der schon zig Bewerbungen ohne Erfolg geschrieben hat, wird jede weitere zur Qual. Bild: Picture-Alliance

Arbeitslosigkeit ist für Männer wie für Frauen eine große Belastung. Offenbar gehen die Geschlechter aber unterschiedlich damit um. Das wirkt sich auch auf den Gesundheitszustand aus.

          Tim Vogt hat keine Freunde mehr, wie er sagt. Vor fünf Jahren hat er seine Arbeit verloren; im Verlauf der Jahre hat er sich immer mehr von seinem Umfeld distanziert. „Wenn man in ein Loch fällt, wird man nicht aufgefangen“, sagt der 36 Jahre alte Maschinenbauingenieur heute, der eigentlich anders heißt. Nichts tun, warten und schlafen, das sei sein Leben gewesen, bis zum vergangenen Sommer. Seither entwickele er wieder Eigeninitiative.

          Der Grund: Seit März nimmt er in Frankfurt am Patenmodell teil, einem Coaching-Programm, das unabhängig vom Jobcenter organisiert wird. Sein Coach, eine Projektmanagerin, unterstützt ihn ehrenamtlich. Sie bespricht mit ihm seine Bewerbungen und macht ihm Mut, wenn er wieder einmal nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Die Treffen alle zwei bis drei Wochen hätten ihm sehr geholfen, wieder selbst mehr Engagement zu entwickeln, sagt Vogt.

          Männer sind Eigenbrötler

          Den Schritt raus aus Isolation und Einsamkeit in eine Gruppe scheinen aber nicht viele Männer zu wagen. 22 Jobsuchende machen beim Patenmodell mit, 18 davon sind Frauen. Noch eindeutiger ist das Geschlechterverhältnis beim Projekt Neustarter. Das ist ein Lauftreff für Langzeitarbeitslose in Frankfurt, den der frühere Banker Thorsten Jodaitis in seiner Freizeit betreut. Sieben Frauen laufen mit, kein Mann. Auch unter denen, die sich seit Projektstart per Mail oder Telefon bei ihm gemeldet hätten, sei kein einziger Mann gewesen. „Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Er frage sich, weshalb sich nur Frauen für seine Initiative interessieren. Frauen seien bereit, auch mit Fremden über ihre Arbeitslosigkeit zu sprechen, vermutet Vogt, der seit 2010 keine Job mehr hat. „Männer sind eigenbrötlerischer.“

          Die Stichprobe aus den zwei Frankfurter Projekten sei sehr klein, wendet Gert Beelmann ein. Der Psychologe hat sich viele Jahre wissenschaftlich mit dem Thema Arbeitslosigkeit befasst. Zudem betreut er das Archiv für internationale Arbeitslosenforschung. Größere Studien, welche belegen könnten, dass sich arbeitslose Frauen häufiger Unterstützung holten, existierten bisher nicht.

          Auswirkungen auf den Gesundheitszustand

          Es gebe aber Metaanalysen, die verschiedene Studien im Hinblick auf die Gesundheit von Arbeitslosen ausgewertet hätten. Hier habe sich gezeigt, dass sich Männer, die lange Zeit keinen Job finden, in einem schlechteren Gesundheitszustand befänden. Körper und Psyche litten bei ihnen stärker als bei Frauen: Männer seien häufiger depressiv und stürben früher. Über die Gründe hierfür ließen sich jedoch keine pauschalen Aussagen machen, betont Beelmann. Das Problem bestehe darin, dass in den einzelnen Studien zum Teil ungleiche Männer- und Frauengruppen gegenübergestellt worden seien. Zum Beispiel mache es einen großen Unterschied, ob ein Mann 30 Jahre lang allein die Familie ernährt habe und dann seinen Job verliere oder ob einer verheirateten Frau nach der Elternzeit der Wiedereinstieg in den Beruf nicht gelinge. Eine weibliche Topverdienerin treffe Arbeitslosigkeit wahrscheinlich genauso hart wie einen männlichen Manager.

          Beelmann findet es dennoch zulässig, die Frage zu stellen, ob arbeitslose Frauen konstruktiver mit ihrer Situation umgehen. Auch er hat Beobachtungen gemacht, die in diese Richtung deuten. Er ist seit zehn Jahren Geschäftsführer von Quotac, einer Transfergesellschaft. In dieser Funktion bemüht er sich regelmäßig, Menschen vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren, wenn ein Unternehmen Personal entlässt. Frauen seien offener, wenn sie nach einer Lösung für ihre Situation suchten.

          Wichtig ist ein soziales Netz

          Diese Erfahrung teilen Mitarbeiter vom Jobcenter in Offenbach. Zunächst seien Frauen aber im Nachteil, weil ihnen weniger Stellenangebote zur Verfügung stünden, sagt Arbeitsvermittlerin Carolin Schuster. Männer hätten besonders bei Jobs im Helferbereich mehr Auswahl, weil sie körperlich belastbarer seien. Auch zeitlich seien sie meist flexibler, denn Kinderbetreuung sei bei Paaren oft Aufgabe der Frau, bei alleinerziehenden Müttern gelte dies ohnehin. Zudem komme Nachtarbeit für Männer häufiger in Frage. Frauen seien zögerlicher, da manche Angst hätten, nachts mit Bus oder S-Bahn zu fahren.

          Tendenziell benötigten Frauen etwas länger, um sich auf einen beruflichen Weg festzulegen, sagt Régine Bozon. Sie ist Teamleiterin beim Jobcenter in Offenbach. Eines ihrer Teams kümmert sich speziell um alleinerziehende Mütter. Wenn Frauen aber erst einmal eine Richtung eingeschlagen hätten, verlaufe die Beratung bei ihnen einfacher. Vor allem seien sie kompromissbereiter, was Gehalt und Status angehe. Viele Männer seien zum Beispiel nicht bereit, für Leiharbeitsfirmen tätig zu werden. „Frauen sehen den ersten Job als Sprungbrett“, bestätigt Arbeitsvermittlerin Schuster.

          Frauen seien zudem viel besser darin, sich ein Netz aufzubauen, beobachtet Bozon. Sie nutzten öfter Angebote in den Stadtteilen, etwa gemeinsames Kochen und Sprachkurse. In der Gruppe, die das Jobcenter für alleinerziehende Mütter anbiete, organisierten sich die Frauen binnen weniger Tage so gut als Gruppe, dass sie sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung unterstützten.

          Am deutlichsten zeige sich der Unterschied, wenn Gruppen des Jobcenters nur aus arbeitslosen Männern bestünden, sagt Bozon. „Jeder bleibt dann in seiner Ecke.“ Sobald nur ein paar Frauen dabei seien, entwickle sich dagegen eine unterstützende Stimmung.

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