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Herrenlose Fahrräder : Vergessen und verrostet

  • -Aktualisiert am

Zwischenstopp: Auf die Räder im Hof des Amtes für Straßenbau wartet die Schrottpresse. Bild: Esra Klein

Die Stadt lässt jährlich Hunderte herrenlose Räder von Frankfurts Straßen entfernen - darunter aber auch manchen gepflegten Drahtesel.

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          Gelbe Funken sprühen. Manuel Blaschke braucht nur wenige Sekunden, um das dünne Fahrradschloss mit einem Trennschleifer durchzuschneiden. Dann ist der alte Drahtesel frei und tritt seine letzte Reise an. Schwungvoll hebt Blaschke das schwarze Damenrad auf die Ladefläche des orangefarbenen Transporters. Die Reifen sind platt, der Lenker ist von Rost zerfressen. „Wir hatten noch nie Probleme, ein Schloss zu durchtrennen“, sagt der 32 Jahre alte Monteur. Seit neun Jahren sammelt er im Auftrag des Amtes für Straßenbau und Erschließung (ASE) herrenlose Fahrräder von Frankfurts Straßen. Pro Woche sind das etwa 20 Stück. Nicht immer kann er ungestört seiner Arbeit nachgehen: „Einmal kam die Polizei mit Blaulicht und stellte sich vor uns quer. Vermutlich hatte uns ein Passant gesehen und für Diebe gehalten“, erinnert er sich und lacht.

          Fahrräder dürfen von der Stadt beseitigt werden, wenn sie nicht mehr fahrtüchtig sind. Sie gelten als Müll, wenn wesentliche Teile fehlen oder sie nur noch mit viel Aufwand repariert werden können, und dürfen nicht mehr im öffentlichen Verkehrsraum abgestellt werden, erklärt Uwe Schrank vom Frankfurter Ordnungsamt.

          Ein Routinier bei der Suche nach Schrotträdern

          Er steht vor einem dunkelgrauen Herrenrad und entscheidet über dessen Zukunft: Müll oder nicht? Die Reifen ohne Luft, der Gepäckträger wackelig - es besteht die Prüfung nicht. Schrank holt einen gelben Zettel aus der Tasche und klebt ihn auf den Rahmen. Der Besitzer hat nun sieben Tage Zeit, um sein Rad zu entfernen oder zu reparieren, sonst landet es auf dem orangefarbenen Transporter von Monteur Blaschke. Das nächste Exemplar darf stehen bleiben. Reste eines gelben Zettels kleben auf dem roten Rahmen - Schrank ist schon hier gewesen. Der Besitzer hat auf die Aufforderung reagiert und das Rad repariert.

          Die Suche nach Schrotträdern ist für den 55 Jahre alten Dienstgruppenleiter Umwelt der Stadtpolizei Routine. Seit sieben Jahren macht er das schon. Alle vier bis sechs Wochen begibt er sich mit seinen Kollegen auf die Suche nach vergessenen Zweirädern. Vor allem am Bahnhof, im Nordend und in der Innenstadt werden sie oft fündig. Die Beseitigung der alten Räder ist für Schrank eine ernste Sache. Sie stellten eine Verletzungsgefahr für Passanten dar und nähmen funktionierenden Rädern die Stellplätze weg, sagt er.

          Außerdem werde mit der Entsorgung kriminellem Handeln vorgebeugt: „Wenn erst mal angefangen wird, ein Fahrrad zu zerpflücken, finden sich immer andere, die auch noch Teile davon gebrauchen können“, sagt Schrank. Am Anfang fehle nur der Lenker, am Ende bleibe meistens der Rahmen übrig.

          Reparierte Räder für Flüchtlinge

          Die von der Straße geholten Drahtesel stapeln sich in einem großen Container auf dem Hof von Rüdiger Auth. 530 Fahrräder seien bis Mitte November bei ihm angekommen, sagt der Abteilungsleiter des Amts für Straßenbau und Erschließung, Baubezirk Nord/Ost. Das seien einige mehr als im vergangenen Jahr.

          Weniger beschädigte Modelle stelle er zur Seite und bewahre sie drei bis vier Monate auf. Nur sehr selten riefen jedoch Besitzer an und forderten ihren fahrbaren Untersatz zurück, sagt Auth. Seine Erklärung für das geringe Interesse: „Das, was hereingeholt wird, ist überwiegend wirklich Schrott.“

          Doch der Amtsleiter versucht auch den Schrott wiederzuverwerten. Bisher jedoch ohne Erfolg: Die evangelische Kirche habe die alten Räder an Obdachlose weitergeben wollen, ein Verein war bereit, sie gemeinsam mit auffällig gewordenen Jugendlichen zu reparieren. Am Ende aber hätten alle abgesagt, der Aufwand sei zu hoch gewesen. Nun hat Auth einen neuen Anlauf genommen, die alten Räder vor der Schrottpresse zu bewahren. Mit der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) sei eine Zusammenarbeit grundsätzlich vereinbart worden, sagt er. Die FES plane, die Räder zu reparieren und an Flüchtlinge weiterzugeben. Die Details der Zusammenarbeit seien aber noch nicht geklärt.

          Manch wütender Anruf

          Auf dem Hof des Straßenbauamts landen allerdings nicht nur Schrotträder. Auch gut gepflegte Drahtesel können dort einen unfreiwilligen Zwischenstopp einlegen. Bei Großveranstaltungen wie dem Weihnachtsmarkt müssten häufig aus Platzgründen Fahrradständer abgebaut werden, erklärt Auth. Daran angeschlossene Räder würden dann ebenfalls bei ihm verwahrt.

          In solchen Fällen erreichten sein Amt häufig wütende Anrufe der Eigentümer. Dabei sei ein Besitzer verpflichtet, regelmäßig nach seinem Fahrrad zu schauen, sagt Amtsleiter Auth. Anders als die Schrottfahrräder würden diese Fahrräder nach der Veranstaltung aber zurück auf die Straße gebracht. Die Fahrt auf den Hof ist zumindest für sie nicht die letzte Reise.

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