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Flüchtling wohnt in einer WG : So etwas wie eine neue Heimat

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Spielend aufgenommen: Flüchtling Salah (links) und Mitbewohner in einer WG in Darmstadt Bild: dpa

Salah flüchtete vor dem Krieg in Syrien. Inzwischen wohnt er in einer WG in Darmstadt, eine Hilfsorganisation hat dabei geholfen. Salah will in Deutschland Medizin studieren. Ein Besuch.

          Es geht locker zu. Die jungen Leute sitzen in der Küche der Sechser-Wohngemeinschaft, der abendliche Treffpunkt. Lukas hat sich gerade was zu essen gekocht. Sie erzählen, wie Salah bei ihnen in Darmstadt ein Zimmer bekommen hat. Der Syrer floh mit 19 Jahren wegen des Krieges aus seiner Heimat. Lukas wurde durch die Hilfsorganisation „Flüchtlinge willkommen“ in Berlin bei Facebook auf dessen Schicksal aufmerksam.

          Zuerst sitzt Salah nur dabei. Dann sagt er zwar seinen richtigen Namen, will ihn aber nicht lesen, auch nicht erzählen, auf welchem Weg er genau nach Deutschland gekommen ist. Er will seine Familie zu Hause in Syrien schützen. Seine Mitbewohner wollen es lieber bei ihren Vornamen belassen.

          Mit Eltern und Geschwistern hat er noch Kontakt, ein- bis zweimal die Woche. „Ich vermisse sie schon“, erzählt der heute 22 Jahre alte Mann. „Aber wann ich sie mal wieder sehen kann, weiß ich nicht.“ Pläne in Deutschland hat er schon. „Ich will Medizin studieren.“

          Ein Späßchen gegen die Traurigkeit

          Dass er sich in der Wohngemeinschaft unter den 22 bis 31 Jahre jungen Menschen wohlfühlt, ist Salah anzumerken. Wenn ein Späßchen gemacht wird, lacht er auch. Dann verfliegt für kurze Zeit seine Traurigkeit, die aufkommt, wenn er von seiner Heimat spricht. Dafür reicht sein Deutsch. Richtig lernen will er es noch.

          Salah zog im März ein, kurz nachdem sein Vorgänger ausgezogen war. Da er anerkannter Flüchtling ist, bekommt er Hartz IV, die Wohnung wird ihm bezahlt. Dass alles klappte, ging ganz schnell. „Spätestens als wir ihn kennengelernt haben, wussten wir, dass wir uns mit ihm wohlfühlen würden“, erzählt Lukas. Eva ergänzt: „Es dauerte dann nur noch eine Woche, dann zog er hier bei uns ein. Wir hatten uns hier in der Küche anderthalb Stunden mit ihm unterhalten, dann war das klar.„Flüchtlinge willkommen“ hat superschnell reagiert.“

          Die Initiative ist über das Interesse an ihrer Arbeit überrascht. „Das ist total schnell groß geworden“, sagt Mitarbeiterin Mareike Geiling. Genaue Zahlen gebe es aber nicht.

          Für die WG wurde eine Kontaktperson in Darmstadt „schnell vermittelt“, wie Eva erzählt. Geholfen hat der Sozialkritische Arbeitskreis. „Dass Flüchtlinge so aufgenommen werden wie Salah, kommt nicht so oft vor“, sagt dessen Mitarbeiterin Marina Rotärmel. „Es gibt aber auch einzelne Familien, die sich auf diese Art engagieren.“

          Im Landkreis Darmstadt-Dieburg ist eine solche Aufnahme eines Flüchtlings nicht bekannt. Auch der Landkreis Kassel schätzt die Bereitschaft der Wohngemeinschaft als etwas Ungewöhnliches ein. „Das ist schon eine Ausnahme“, meint Sprecher Harald Kühlborn.

          Nach Hessen sind in den vergangenen Jahren immer mehr Flüchtlinge gekommen, um einen Erstantrag auf Asyl zu stellen. 2010 waren es laut Sozialministerium fast 3000, 2012 dann rund 5000, 2014 fast 17 500. In den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen 7450 Menschen.

          Seit Salah in der Wohngemeinschaft lebt, geht es schon ein bisschen anders zu. „Er kocht sehr gut“, sagt Eva. „Immer wenn er kocht, sind wir auch eingeladen.“ Arabisches Essen ist also in, beliebt ist ein Reisgericht mit Hühnchen und Karotten. „Mir hat Salah arabischen Tanz gezeigt“, sagt Megi. Mit ihr sei er auch losgezogen, Schuhe kaufen.

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