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Deep Purple in Frankfurt : Wie eine Lawine brechen sie über die Hörer herein

  • -Aktualisiert am

Kracher: Deep Purple in der Frankfurter Festhalle Bild: Esra Klein

Die alten Herren von Deep Purple verstehen es immer noch, auf der Bühne Donner zu entfachen. In der Frankfurter Festhalle haben sie viele Klassiker im Programm.

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          Ein geschickter Spielzug: sich mit den Rival Sons eine der herausragenden Blues-/Hard-Rock-Bands dieser Tage ins Vorprogramm einladen, diese sich redlich in der gutbesuchten, aber längst nicht ausverkauften Festhalle mühen lassen, dann selbst auf die Bühne marschieren und mit einem Klassiker-Grand mit vieren gleichsam die rhetorische Frage in den Saal zu werfen: „Alles sehr beachtlich, aber wer hat’s erfunden?“ Bei den Trümpfen „Highway star“, „Bloodsucker“, „Hard lovin’ man“ und „Strange kind of woman“ scheidet „Die Schweizer“ als Antwort natürlich von vornherein aus und das Rampenlicht gehört Deep Purple.

          In diesem Rampenlicht mag das legendäre Quintett dem Alter seiner Mitglieder gemäß zwar etwas betagt wirken, doch schon vom ersten Ton an ist deutlich, dass hier keine Rentnerband zum Tanztee angetreten ist. Zum Donner, den Ian Paice am Schlagzeug, Roger Glover am Bass, Steve Morse an der Gitarre und Don Airey an der Orgel entfachen, kreischt und quiekt Ian Gillan, als hätten mittlerweile fast 50 Jahre Rockstar-Dasein seinen Stimmbändern nichts anhaben können.

          Urgestein I: Roger Glover bedient wie eh und je den Bass

          Gut, die unvergleichliche Schrei-Orgie „Child in time“ spart sich der nun Siebzigjährige mittlerweile, doch ansonsten klingt der offenbar von einem wehen Fuß geplagte Gillan wie einst im Mai, nur etwas geerdeter vielleicht. Abgehoben bleiben dagegen seine schrulligen Ansagen, mit denen er etwa den noch relativ jungen Song „Vincent Price“ (vom letzten Studioalbum „Now what?!“) ankündigt oder Steve Morses Soloexkursion „The Aviator“ einleitet.

          Der blonde Meistergitarrist ist ja auch nach fast zwei Jahrzehnten Bandzugehörigkeit noch immer ein kleines Kuriosum bei Deep Purple. Virtuos wie nur wenige andere Rockgitarristen, ist er in seinem Bandjob doch auf Improvisationsideen seines Vorgängers verpflichtet. Obwohl Morse einen anderen Sound hat und insgesamt reduzierter oder schlanker spielt, ist bei all den Deep-Purple-Klassikern im gut zweistündigen Programm doch immer der Schatten von Ritchie Blackmore nicht fern, dessen Riffs nun mal tongewordene Ikonen der Rockgeschichte sind, nicht nur bei der gerade einmal drei Akkorde benötigenden Luftgitarristen-Vereinigungshymne „Smoke on the water“.

          Ähnlich wie Morse darf sich bei Deep Purple der Organist Don Airey fühlen, der mit dem mittlerweile verstorbenen Jon Lord den zweiten prägenden Instrumentalisten der Band zu ersetzen hat. Airey ist ein Ass an der Hammond-Orgel und in vielen bekannten Bands wie Rainbow oder Black Sabbath schon zum Einsatz gekommen, doch Lords klassischen Ambitionen erweist auch er Reverenz, wenn er in seinem Solopart Beethovens „Ode an die Freude“ oder für zwei, drei Takte ein Haydn-Motiv anstimmt.

          Urgstein II: Ian Paice hat weiter Spaß dabei, Felle und Becken zu bearbeiten

          Derlei Ambitionen der Band nehmen sich in der Rückschau gerade dann als Prätention aus, wenn plötzlich wie nun im Konzert ein einfacher Boogie wie „Lazy“ erklingt. Der zeigt die wahre Stärke der Band, bei Bedarf eben ohne Gegniedel und Gefiedel, aber trotzdem wie eine Lawine über den Hörer hereinbrechen zu können. Solche Qualitäten haben neue Stücke wie das eher dürre „Hell to pay“, aber auch das gelungene „Uncommon man“ nicht.

          Sie sind Auffrischungen im Klassiker-Katalog, der sich sonst bis zu den formidablen Zugaben „Hush“ und „Black night“ an die Rituale hält, jedem Musiker, also auch Paice und Glover, langen solistischen Auslauf zu gewähren und den Hardcore-Fans eine im Laufe der Jahre eher selten gespielte Perle (diesmal „Demon’s eye“ vom Album „Fireball“) zu präsentieren. Geschickte Spielzüge eben, die den alten Herren einmal mehr zum Sieg reichen.

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