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Preisgekrönter Kindergarten : Rap für Schulkinder, Sprachkurs für die Mütter

Vielfarbig: der Deutsche Kita-Preis, mit dem das Bischofsheimer Familienzentrum ausgezeichnet worden ist Bild: Rainer Wohlfahrt

Im Kindergarten in Maintal-Bischofsheim stehen die Fragen der Kinder im Mittelpunkt. Dafür haben die Erzieherinnen einen Preis bekommen. Und nicht nur dafür.

          Ela rapt. „Und meine Maus heißt Klaus. Sie isst ’nen leckeren Schmaus. Sie geht nicht gerne raus.“ Für ihren Sprechgesang ist die Siebenjährige ausgerüstet wie ein Popstar im Studio: Aus dem Kopfhörer auf ihren Ohren hört sie den Rhythmus für das Lied, ihre Reime singt sie konzentriert in das Mikrofon vor ihrem Gesicht. Dabei ist das Mädchen von ihren Schulfreunden umgeben, die wie sie in der Kindertagesstätte des Familienzentrums an der Ludwig-Uhland-Straße in Maintal betreut werden. Das Lied über die Maus haben die Kinder gemeinsam gedichtet. Der Erzieher Michael Bergmann hilft ihnen bei der Aufnahme. Später wird er Gesang und Rhythmus zusammenmischen, damit die Grundschüler hinterher „auf ihre eigene Wortschöpfung tanzen können“, wie der junge Mann sagt.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Gesang und die Aufnahme sind für die Kinder ein Spaß, aber mehr als nur Zeitvertreib nach dem Unterricht. Denn hinter dem Spiel mit den Reimen steckt eine pädagogische Absicht. Fast alle Mädchen und Jungen in der Tagesstätte im Stadtteil Bischofsheim wachsen zweisprachig auf, neun von zehn kommen aus Familien von Einwanderern. Das Spiel mit Wörtern soll ihnen helfen, in der deutschen Sprache sicherer zu werden. Und der Erzieher freut sich besonders, wenn zum Beispiel ein türkisches Mädchen ein so selten gehörtes Wort wie „Schmaus“ als Reim auf Maus vorschlägt.

          Thema „Veränderungen“

          Die Tagesstätte, die Kindergartenkinder und Grundschüler betreut, stellt auch sonst jene Themen in den Mittelpunkt, für die sich die Kinder interessieren, wie die Leiterin Gabriele Steltner-Merz sagt. Einen festen Wochenplan gibt es nicht. Stattdessen beschäftigen sich die Kinder mit „Projekten“, die von ihren eigenen Fragen angestoßen werden. So sahen die Jungen und Mädchen zu, wie der Garten umgestaltet wurde, und kamen auf das Thema „Veränderungen“. Sie durften den Bauarbeitern Fragen stellen und sprachen dann auch über andere Veränderungen: Wie verändert sich eine Freundschaft mit der Zeit? Und warum verändert sich der Körper im Alter, warum werden alte Menschen krumm? Die Antworten erhielten die Mädchen und Jungen nicht einfach von den Erziehern, sondern sie mussten sich einen Gesprächspartner für eine Erklärung suchen. So unternahmen sie einen Ausflug zu einem Arzt, der am Modell einer Wirbelsäule zeigte, warum alte Menschen krumm werden.

          Viel Grün: das Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße

          Diese Methode, die pädagogische Arbeit ganz an den Themen der Kinder auszurichten, haben sich die Betreuer bei einer Dienstreise nach Italien abgeschaut, wie Steltner-Merz berichtet. Auch sonst holt man sich nach ihren Worten Anregungen in anderen Ländern, so hat man in Finnland gesehen, wie nützlich eine Psychologin im Kindergarten sein kann, die die Kinder im Alltag beobachtet.

          Für diesen Ansatz ist die Maintaler Tagesstätte mit 140 Kindern als beste in Deutschland ausgezeichnet worden. Prämiert wurde das Familienzentrum in Bischofsheim auch deshalb, weil es sich nicht nur um Kinder, sondern auch um die Eltern kümmert. Die Tagesstätte liegt in einem Viertel mit vielen Einwanderern, dieser Teil Bischofsheims wird im Ort nur „rechts vom Kreuzstein“ genannt. Denn die Zufahrt in den Stadtteil, die Straße Am Kreuzstein, teilt ihn in zwei Hemisphären. Links befindet sich der Ortskern, dort wohnen Alteingesessene und Wohlhabende.

          Ein Zentrum fehlt

          Rechts vom Kreuzsteins liegen Hochhäuser und Sozialwohnungen, dazwischen auch ein paar Reihenhäuser und kleine Mehrfamilienbauten. Dieses Viertel hat keine Mitte, ihm fehlt ein Zentrum mit Treffpunkten. Viele Familien, besonders in den Hochhäusern, wohnen beengt, so dass nicht jedes Schulkind zu Hause enen Schreibtisch hat, wie Steltner-Merz weiß. Manche Mütter und Väter können kein Deutsch oder sind Analphabeten. Und manche dieser Familien unternehmen kaum etwas mit ihrem Nachwuchs, machen keine Ausflüge.

          Schon vor 20 Jahren fragten die Eltern in der Kita um Rat und brachten Formulare von Behörden mit, mit denen sie nicht zurechtkamen, wie die Leiterin erzählt. So baute man nach und nach eine Beratung für die Eltern auf, die vor allem von den Müttern wahrgenommen wird, zum Beispiel beim Frühstückstreff „Drop in“ einmal in der Woche. Gerade Menschen, die in der Sprache der Sozialarbeiter „bildungsfern“ heißen, sind auf diesem Weg, in der Kita ihrer Kinder, noch am ehesten zu erreichen, weil sie nicht in andere Beratungsstellen gehen, etwa wegen der Sprachbarriere, so die Erfahrung von Steltner-Merz.

          Für sie bietet das Familienzentrum Sprachkurse an, in denen das Deutsche anhand des Alltags gelehrt wird. So wünschten sich einige der Mütter, schwimmen zu lernen. So wurden Listen zusammengestellt mit Vokabeln wie Schwimmhalle, Badesachen, Baderegeln. Die Sprachlehrerinnen des Familienzentrums gingen mit den Teilnehmerinnen ins Schwimmbad, zeigten ihnen dabei auch, wie man einen Busfahrplan liest.

          So kommt das Angebot für die Erwachsenen auch den Kindern zugute. Denn einige der Mütter fingen daraufhin an, mit ihrem Nachwuchs ins Schwimmbad zu gehen.

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