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Kabarett : Zum Lachen in den Keller

Hausherrin Effi B. Rolfs sitzt während der Corona-Zeit im leeren Kabarett-Keller der „Schmiere“. Bild: Frank Röth

„Einfach machen“ war die Devise von Rudolf Rolfs, als er „Die Schmiere“ eröffnete. Eine Herausforderung in Corona-Zeiten für seine Tochter Effi. Sie feiert mit ihrem Frankfurter Kabarett jetzt den 70.

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          „Suchen gut erhaltenes Publikum. Engstirnige Reaktionäre, unverbesserliche Militaristen, verkalkte Beamte erhalten zu niedrigstem Preis einen unangenehmen Abend.“ Kein Kabarett ohne die Hoffnung der Kabarettisten, auch mal jene direkt zu treffen, auf die man abzielt. Daran hat sich nichts geändert. Vor 70 Jahren hoffte der Schauspieler, Autor und Regisseur Rudolf Rolfs (1920–2004), mit seinem literarischen Kabarett den „Spießbürger“ zu treffen. Rolfs hat die Ausrufezeichen geliebt – in jeder Hinsicht. „Das schlechteste Theater der Welt!“ prangte auf dem Bauwagen, den Rolfs im Spätsommer 1950 mitten auf dem Schutthaufen geparkt hatte, der früher der Römerberg gewesen war. Das prominent plazierte Gefährt war Büro und Wohnung zugleich. Und ein Statement mit Ausrufezeichen – bis Rolfs polizeilicherseits zur Räumung seines exklusiven Schlafplatzes genötigt wurde.

          Ausrufezeichen auf dem Römerberg: Im Bauwagen residierte Kabarett-Gründer Rolfs 1950.
          Ausrufezeichen auf dem Römerberg: Im Bauwagen residierte Kabarett-Gründer Rolfs 1950. : Bild: Frank Röth
          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Heute mischt die Frankfurter „Schmiere“ die Genres, ist gesellschaftskritisch, komödiantisch und aufklärerisch in ihrer Haltung. „Flammende Reden“ in der Manier des Vaters aber kann auch Effi Babette, genannt Effi B. Rolfs, aus dem Ärmel schütteln. Gelernt ist gelernt.

          Denn die „Schmiere“ ohne kritischen Geist und ein Herz, das links schlägt – unvorstellbar. Ebenso unvorstellbar wie das, was jetzt mit einem der ältesten Ensemblekabaretts Deutschlands geschieht. Am 9. September wird „Die Schmiere“ 70 Jahre alt, und mehr als die engsten Mitarbeiter und ein paar treue Fans vor der Tür mit einem Glas Sekt auf Abstand zu bewirten wird nicht drin sein. Der Keller steht leer, die Plakate vom März erinnern daran, wie schnell alles ging: Von einem Tag auf den anderen war Schluss.

          Neue Formate für jüngeres Publikum

          Seit 1959 spielt „Die Schmiere“ nach diversen Umzügen in einem Kellergewölbe unter dem Karmeliterkloster, eine von dem Karikaturisten Kurt Halbritter mit seltsam skurrilen Durchschnittsmenschen ausgemalte Treppe führt nach unten, 92 Plätze auf bunten Stühlen und ein paar Sofas gibt es, dazu eine alte Sitzreihe von der Galopprennbahn – auf 100 Quadratmeter Theater.

          Anstelle eines Vorhangs baumelt ein Schild mit Borte über der im Augenblick verwaisten Bühne.
          Anstelle eines Vorhangs baumelt ein Schild mit Borte über der im Augenblick verwaisten Bühne. : Bild: Frank Röth

          Künstlerkeller, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren beliebt waren, gibt es heute nur noch selten. In den vergangenen Jahren hatten Rolfs und ihr Team auch jüngeres Publikum für den Retro-Charme im Saal und neue frische Formate ohne Scheu vor neuen Medien begeistert, luden Gäste ein wie die Kultreihe „Magic Monday“, die Pantomimin Katalyn Hühnerfeld oder Horst Blue.

          Undenkbar, das zu bespielen in Zeiten von Corona. Für die maximal 20 Leute, die sie derzeit in ihr Theater brächte, könnte Rolfs weder den Betrieb hochfahren noch das Ensemble bezahlen. Nach mehr als 15000 Vorstellungen, mehr als 80 Programmen in 70 Jahren. „Die ,Schmiere‘ wird wahrscheinlich nie wieder so sein, wie sie war“, sagt Rolfs. Das Theater ist ihr wie ein Zuhause. Sie wuchs allein beim Vater auf; wenn der auf der Kellerbühne stand, schlief die kleine Effi auf dem Hof in einer Schlafstatt, die der Vater in seinen knallgelben Hanomag gebaut hatte. Wenn sie wach war, ging sie hinter die Bühne, „den Regnauld ärgern“. Schon 1951 hatte Rudolf Rolfs seinen Sparringspartner für Jahrzehnte gefunden: den später aus dem „Blauen Bock“ bekannten Regnauld Nonsens (1919–2001).

          Ausstellung statt Vorführungen

          „Mit Rolfs und Nonsens auf der Bühne zu stehen war nicht gerade einfach“, sagt die Tochter – aber seit sie 1984, mit 16 Jahren, in einem „Schmiere“-Repertoire einsprang, in dem schon ihre Mutter einst gespielt hatte, lernte sie unentwegt, nahm privat Schauspiel- und Gesangsunterricht. Und blieb, trotz anderer Jobs, der „Schmiere“ treu. 1990 hat sie das Haus vom Vater übernommen und viel Arbeit hineingesteckt, 250 Tage Saison im Jahr, rund um die Uhr auf der Bühne und im Büro.

          Nun begehen sie, Ko-Leiter Matthias Stich und die Ensemblemitglieder das Jubiläum mit dunklen Wolken und einem Silberstreif am Horizont. Rolfs hat sich ausgedacht, wie mit Hilfe aus den Corona-Fördertöpfen die „Schmiere“ wieder bespielt werden kann, neu und anders. Drei Monate lang soll eine analog-digitale Ausstellung die Geschichte der „Schmiere“ und Zeitgeschichte zeigen – und natürlich auch das aktuelle Ensemble und heutige Themen präsentieren. Ein coronatauglicher Parcours, an den sich Ausstellungen von bildenden Künstlern anschließen sollen.

          Denn das Malen und Bildhauern und Kunsthandwerken ist neben dem Schreiben, das schon dem Vater das Einkommen sicherte, Effi B. Rolfs’ zweites Standbein. In ihrer ländlichen Corona-Abgeschiedenheit hat die Mutter einer flügge werdenden Tochter allerhand Neues geschaffen. Und herausgefunden, wie neue Luftfiltersysteme ihren geliebten Keller wieder bespielbar machen können.

          Solidarität des Publikums

          „Das müsste verboten werden!“ hieß eines der ersten Programme der „Schmiere“, die damals in einem feuchten Keller unter dem Steinernen Haus an der Braubachstraße spielte. So weit ist es nie gekommen. Auch dank der Solidarität ihres Publikums kann Rolfs derzeit die Kosten gering halten und das Theater überwintern. Erst mal. In den Corona-Monaten hat sie, im Vorstand der Frankfurter Theaterallianz tätig, sich mit Kollegen vernetzt, das Dickicht des Antragswesens erkundet und die Kulturpolitik verfolgt. Ihre Posts in den sozialen Medien mischen Galgenhumor, Galle und Verzweiflung – kein Wunder, manche Begebenheiten erinnern an Szenen, wie sie schon der Vater geschrieben hatte und wie sie das jetzige Ensemble in Programmen wie „hart, aber fake. alternative faxen.“ aufs Korn nimmt.

          „Verrückt, dass gerade die erfolgreichen Künstler jetzt gar keine Unterstützung bekommen“, sagt Rolfs. Fördermittel waren ihr bislang fremd. „Unsubventioniert – Unabhängig – Engagiert“ lautet ein Slogan der „Schmiere“. So war es seit 1950. Heute, sagt Effi B. Rolfs, müsse man ganz neu über den Stellenwert der Kunst nachdenken. Und darüber, dass sie nicht in Geld aufzurechnen sei.

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