Ganz bei sich
Von MATTHIAS ALEXANDER28.09.2018 · Frankfurt hat sich eine neue Altstadt gebaut. Nach 70 Jahren ist die Stadt wieder im Gleichgewicht.
F
rankfurt hat seine Altstadt wieder. Zwischen Dom und Römer, wie das Rathaus der Mainmetropole heißt, ist in den vergangenen acht Jahren ein Quartier entstanden, das an die Bebauung anknüpft, die 1944 im Bombenkrieg unterging. Wo sich zunächst eine Brache befand und später ein monströser Betonbau stand, findet sich heute eine pittoreske Mischung aus rekonstruierten Fachwerkhäusern und Neubauten.
An diesem Wochenende wird das Ergebnis drei Tage lang groß gefeiert. Die Stadt gibt 1,5 Millionen Euro für die Festivitäten aus. Das ist viel Geld, selbst für eine reiche Kommune wie Frankfurt. Mehrere hunderttausend Euro werden allein dafür aufgewendet, am 29. September 110 Drohnen über dem Main aufsteigen zu lassen, die dann elektrische Sternbilder in den Nachthimmel malen, das Profil Goethes etwa. Die Quadrocopter werden sich auch zu Rauten formieren, die man von den Gerippten kennt, jenen Gläsern, aus denen die Frankfurter ihren Äppelwoi trinken. Auch die unvermeidlichen Rodgau Monotones werden auftreten.
Aber das ist längst nicht alles. Wer das Programm für die Eröffnungsfeier durchblättert, findet erstaunlich viele Vorträge, Führungen, Theateraufführungen und Podiumsdiskussionen mit anspruchsvollen Titeln. Ein Viertel Rummel, drei Viertel bildungsbürgerliche Feier – das Fest zeigt, wie wissbegierig die Frankfurter auf die neue Altstadt reagieren und wie sehr sie sich über das Erreichte freuen.
Die neue Altstadt ist für Frankfurt eine große Sache, deren Auswirkungen auf Selbstbild und Außenwahrnehmung kaum überschätzt werden können. Dabei ist das Areal selbst winzig, gerade einmal 7000 Quadratmeter groß. Das entspricht ziemlich genau einem Fußballfeld, das Stadtgebiet ist 3547 Mal so groß. Aber das Dom-Römer-Areal ist von eminenter historischer Bedeutung: Es handelt sich um den Kern des alten Frankfurts. Durch die Lage auf einem kleinen Hügel geschützt vor den Hochwassern des nahe gelegenen Mains, siedelten sich an dieser Stelle einst die Römer an, Karl der Große hielt hier 794 eine Synode ab, um 820 ließ sein Sohn Ludwig der Fromme eine Pfalz errichten. Von 1562 an wurden im Dom die römisch-deutschen Könige und Kaiser gewählt und gekrönt, und im feierlichen Zug ging es über den sogenannten Krönungsweg zum Festmahl in den Römer.
Kurz: Es gab wenige geschichtsträchtigere Orte in Deutschland. Nur wusste man das in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu würdigen. Nachdem die Altstadt den Bomben der Alliierten zum Opfer gefallen war, machten die Planer Tabula rasa; sie gingen dabei rücksichtsloser vor als ihre Kollegen in vielen anderen deutschen Städten. Auch in anderen Stadtteilen entschied sich die Stadtpolitik für eine radikale Hinwendung zur Moderne, erst recht, nachdem die Entscheidung über den Regierungssitz in der jungen Bundesrepublik zugunsten von Bonn und gegen Frankfurt ausgefallen war. Der Entschluss, stattdessen eben Wirtschaftshauptstadt zu werden, wurde mit großer Entschiedenheit und den entsprechenden Konsequenzen für das Stadtbild verfolgt.
Die im Kern immer noch beschauliche Kaufmannsstadt Frankfurt wandelte sich in der Nachkriegszeit zur kalten, harten Finanz- und Industriemetropole, in der gesellschaftliche Konflikte mit besonderer Vehemenz und gewissermaßen stellvertretend für das ganze Land ausgetragen wurden: Studentenunruhen, Häuserkampf im Westend und die Auseinandersetzungen um die Startbahn West des Flughafens sorgten bundesweit für Schlagzeilen.
Frankfurt wurde dadurch zum parteipolitischen Experimentierfeld der Republik, Frankfurter Grüne dominierten die Gründungsphase der Partei Ende der siebziger Jahre. Zugleich fand die Frankfurter CDU unter Oberbürgermeister Walter Wallmann auf einen Weg konservativer Erneuerung. Sie mündete in ein Projekt, das eine nationale Architekturdebatte auslöste: Ende der Siebziger wurde der Wiederaufbau der Fachwerkzeile am Römerberg beschlossen, ein Vorläufer der neuen Altstadt. Auf kleinstem Raum wurde deutlich, wie sich innerhalb weniger Jahre der Wind gedreht hatte, denn direkt nebenan war erst 1974 das Technische Rathaus fertiggestellt worden. Der zehngeschossige Betonbau war ein Monument der Geschichtsvergessenheit, die Häuserzeile davor ein etwas kulissenhafter Ausdruck nach Wiedergewinnung der Historie.
Als das Technische Rathaus 30 Jahre später baufällig geworden war, ergab sich plötzlich die Gelegenheit, noch einmal von vorn anzufangen. Zunächst fiel der Stadtpolitik nicht viel dazu ein, ein Wettbewerb brachte die erwartbaren Standardergebnisse. Doch dann änderte der Antrag einer konservativen Ein-Mann-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung den absehbaren Gang der Dinge: Die „Bürger für Frankfurt“ forderten, den Grundriss der historischen Altstadt wiederherzustellen und kunsthistorisch besonders bedeutende Gebäude zu rekonstruieren. Für ein paar Monate kannte die städtische Öffentlichkeit kein anderes Thema. Die Mehrheitsverhältnisse waren eindeutig, wie sich auch in repräsentativen Meinungsumfragen zeigte: Eine übergroße Mehrheit der Frankfurter sprach sich dafür aus, auf dem Dom-Römer-Areal stark an die Baugeschichte der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Vor allem Architekten lehnten Rekonstruktionen dagegen als rückwärtsgewandt und als Verfälschung der Geschichte ab.
Für Frankfurt war diese Debatte, die ihren Höhepunkt Ende 2005 erreichte, aber noch weitere Jahre erstaunlich intensiv und konzentriert geführt wurde, durchaus ungewöhnlich. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Bürger nur selten so intensiv über Architektur und Städtebau diskutiert. Sie hatten sich an den ständigen Wandel im Erscheinungsbild ihrer Stadt gewöhnt. Nirgendwo ist die Toleranz für maßstabsprengende Gebäude höher als hier; ökonomisch hat Frankfurt von dieser Entwicklung enorm profitiert, dem Stadtbild hat sie nicht immer gutgetan, auch wenn die Hochhaus-Skyline inzwischen zum imageprägenden und durchaus populären Faktor geworden ist.
Mit der Wiederentdeckung der lokalen Baugeschichte waren die Frankfurter nicht allein. Das Thema lag vielmehr in der Luft: 2005 schritt die Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden ihrer Vollendung entgegen, in vielen anderen deutschen Städten wurden Wiederaufbauprojekte diskutiert. Soweit es sich um ostdeutsche Vorhaben handelte, ging es auch darum, die Geschichtspolitik der DDR zu korrigieren. Bei den Projekten in den alten Bundesländern ist zu berücksichtigen, dass Deutschland sich damals in einer ökonomischen Krise befand, das Wort vom „kranken Mann Europas“ machte die Runde. Die Hochkonjunktur von Rekonstruktionen war Ausdruck einer Zukunftsangst gerade in der bürgerlichen Mittelschicht, die auch die Debatte um die Neubebauung des Dom-Römer-Areals dominierte. Man sehnte sich ganz offenkundig nach einem Stadtbild, das man mit vermeintlich besseren Zeiten in Verbindung brachte.
Gut 200 Millionen Euro hat das Gesamtprojekt gekostet, zieht man die Erlöse aus dem Verkauf von Häusern ab, hat die Stadt Frankfurt nach fundierten Schätzungen gut 100 Millionen Euro in das Areal investiert. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, steht für die meisten Frankfurter außer Frage. Er wird sich auch ganz konkret bezahlt machen: Die für Tourismuswerbung zuständige Gesellschaft der Stadt berichtet von einem enormen Interesse aus aller Welt.
E s sind vor allem die Vielgestaltigkeit und die Geschlossenheit der Bebauung, die die Besucher für die neue Altstadt einnehmen. Mit ziemlich rigiden Gestaltungsvorgaben wurde dafür gesorgt, dass sich Neu- und Nachbauten zu einem Ensemble fügten. Die neue Altstadt führt vor Augen, woran es andernorts fehlt: Das typische urbane Neubauquartier ist eine Ansammlung von einförmigen, mehrgeschossigen Würfeln. Stadtplanern und Architekten gelingt es heutzutage zu selten, den öffentlichen Raum so attraktiv zu gestalten, dass er als Aufenthaltsort für die Bürger taugt. In der neuen Frankfurter Altstadt erhalten die Baumeister nun Anschauungsunterricht, wie man Stadt über Jahrhunderte gebaut hat, bis dieses Wissen nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Ideologie der Moderne ihre beinahe absolute Herrschaft in Architektenkreisen entwickelte, verlorengegangen ist.
Es gibt erste Anzeichen, dass die Lehre nicht ohne Wirkung bleibt. Selbst unter den Architekten, die zunächst kritisch auf das Projekt geblickt haben, äußern sich einige nun versöhnlich über die neue Altstadt. Sie loben den handwerklichen Aufwand, der bei der Errichtung der Häuser betrieben worden ist. Das gilt besonders für die Rekonstruktionen; ihnen vorzuwerfen, dass sie nicht bis ins letzte Detail den Vorgängern entsprechen, wäre unaufrichtig. Die strengen deutschen Bauvorschriften lassen bestimmte historische Bauweisen gar nicht mehr zu, so dürfen tragende Wände nicht aus Naturstein bestehen.
Die große Mehrheit der Frankfurter blickt unverkrampfter auf die neue Altstadt. Für sie ist die Bebauung der überfällige Versuch, an stolze Traditionslinien anzuknüpfen, die weit vor die Zeit der Nationalsozialisten zurückreichen. Als Veranstaltungsort von Messen, die in den Höfen und auf den Plätzen der Altstadt stattfanden, war Frankfurt schon im Hochmittelalter eine gastfreundliche Stadt von europaweiter Anziehungskraft. Die Entwicklung zum Bankenstandort, die wiederum in der Standortentscheidung der Europäischen Zentralbank nachwirkt, ist ohne diese Vorgeschichte nicht zu verstehen.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Frankfurt durch die neue Altstadt endlich wieder im Gleichgewicht ist. Für viele Frankfurter, und zwar nicht nur die zugereisten, war und ist sie der Anlass, sich mit der älteren Geschichte ihrer Stadt zu beschäftigen. Der Reichtum der Frankfurter Geschichte und der Rang, den die Stadt über Jahrhunderte in der Geschichte des alten Reiches hatte, ist ihnen jetzt erst bewusst geworden. Sich davon ein Stück zurückgeholt zu haben stärkt das Selbstbewusstsein.
Sorgen, dass Frankfurt nun zur Hochburg der Nostalgiker werden könnte, sind unbegründet. Aktuelle Bemühungen einzelner Bürgerinitiativen, weitere Rekonstruktionsprojekte anzustoßen, bleiben ohne nennenswerte öffentliche Resonanz. Die gewaltigen ökonomischen, politischen, demographischen und klimatischen Veränderungen, die derzeit wieder für eine Krisenstimmung sorgen, werden mit Pragmatismus und Innovationsgeist angegangen, auch wenn es hier und da klemmt, etwa beim Bau der dringend benötigten Schulen und bei der Ertüchtigung des Verkehrssystems. Das Haben überwiegt das Soll bei weitem: Ein Museum nach dem anderen wird gebaut, für die Hochschulen entstehen Prachtbauten. Derzeit werden mehr Hochhäuser geplant und gebaut als jemals zuvor. In der Stadt, die den größten Internetknoten der Welt beherbergt, entsteht ein Rechenzentrum nach dem anderen. Wichtiger noch: Sie ist lebenswerter geworden, der öffentliche Raum ist weit mehr noch als vor einigen Jahren zum Begegnungsort geworden.
Dass im Zentrum der Stadt das alte Herz wieder eingepflanzt worden ist, stärkt sie für den Aufbruch in die Zukunft. Um Frankfurt muss einem nicht bange sein.
Das sollten Sie über die neue Frankfurter Altstadt wissen
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