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Wie der Papst im Bistum Limburg ankommt : Geistliche sehen Anlass zu Selbstkritik

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Zufrieden mit Franziskus’ Wirkung: Reinhold Kalteier, Sprecher des Priesterrats, gefällt die päpstliche Botschaft der Rückbesinnung auf einen einfachen Lebensstil. Bild: Eilmes, Wolfgang

Einfacher Stil, einfache Sprache: Wenn es nach Vertretern des Bistums Limburg geht, tut Papst Franziskus der Katholischen Kirche gut, weil er sich auf das Wesentliche besinnt und kritische Selbstreflexionen selbst unter Bischöfen auslöse.

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          Jasmin aus Wiesbaden ist derzeit fast am Ende der Welt: in Brasilien. Die Neunzehnjährige ist eine von 42 jungen Leuten, die sich aus dem Bistum Limburg zum Weltjugendtag mit Papst Franziskus aufgemacht haben, der in der nächsten Wochen in Rio de Janeiro stattfindet. Er hatte nach seiner Wahl im März gesagt, die Kardinäle seien wohl „fast bis zum Ende der Welt“ gegangen, um ihn, den Erzbischof von Buenos Aires in Argentinien, als neuen Papst zu finden. Auf ihn ist Jasmin „schon sehr gespannt“, wie das Bistum mitteilt.

          Das gilt wohl für alle gut zwei Millionen Jugendlichen, die zu dem Großereignis erwartet werden. Aus dem Bistum Fulda reisen 115 Jugendliche an, nach eigenen Angaben „die größte diözesane Pilgergruppe aus Deutschland“. Aus dem Bistum Mainz sind es 50 junge Leute. Der Besuch in Brasilien ist die erste Auslandsreise des neuen Papstes. Sie wird genauso aufmerksam verfolgt wie seine bisherigen Schritte zugunsten einer „Kirche für die Armen“, die bei Katholiken ein positives, ja begeistertes Echo hervorgerufen haben und zugleich eine Herausforderung sind.

          Kritische Selbstreflexion seit Papst Franziskus' Amtsantritt

          Auch im Bistum Limburg. Reinhold Kalteier, Sprecher des Priesterrats, sieht im päpstlichen Auftreten eine Anfrage an die Geistlichen, „ihren Lebensstil zu überdenken“, sich mehr für die Anliegen von Hartz-IV-Empfängern oder Alleinerziehenden zu interessieren, ihre Pfarrhäuser zu öffnen und den Armen in der Verkündigung Platz einzuräumen. „Kritische Selbstrückfragen“ von Amtsträgern vernimmt auch der Jesuit Michael Sievernich von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, selbst bei Bischöfen. „In der ,Performance‘ scheint sich etwas zu ändern.“

          „Kritische Selbstrückfragen“ von Amtsträgern seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus vernimmt auch der Jesuit Michael Sievernich.

          Für den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz macht der Papst deutlich, „dass wir aus einer anderen Sicherheit leben als jener, die sich aus Statussymbolen speist“. Und Joachim Valentin, Direktor des Hauses am Dom in Frankfurt, schätzt an Franziskus, dass er die „spirituelle Erneuerung“ der Kirche aus Freude angehe, nicht aus einem Klerikalismus heraus, und dass er Pluralität wirklich bejahe.

          Namenswahl mit Bedacht

          Namenspatron des Papstes ist Franz von Assisi aus dem 13. Jahrhundert, der sich den Armen zuwandte und zum Ordensgründer wurde. Die franziskanisch geprägten Ordensleute in Frankfurt freuen sich über den neuen Papst, fühlen sich wegen dessen Namenswahl aber auch in der Pflicht. „Die Menschen sehen nun bei uns genauer hin“, sagt Bruder Paulus Terwitte, Guardian des Kapuzinerklosters.

          Die Oberin der Armen Schwestern vom heiligen Franziskus, Luciosa Benz, drückt es so aus: „Für uns franziskanische Gemeinschaften und unser Ringen um eine zeitgemäße Armut ist der Papst eine Ermutigung, aber auch ein Appell.“ Ihre Gemeinschaft betreibt zwei Altenheime in Frankfurt, die Kapuziner sind für die Seelsorge an der Liebfrauenkirche zuständig und unterhalten in deren Nachbarschaft den Franziskustreff für Bedürftige.

          „Dort gab es spontan Applaus für den neuen Papst“, schildert Bruder Paulus. „Auch wenn wir tagtäglich, wie die Caritas, für die Armen da sind, fühlen sie sich dank des Papstes nun gesehener.“ Eltz drückt die Meinung vieler aus, wenn er sagt, er finde den Papst authentisch: „Ich nehme ihm die Sorge für eine arme Kirche der armen Menschen ab.“ Wobei es für den Jesuiten und Lateinamerika-Kenner Sievernich dabei nicht nur um materiell Arme geht, sondern allgemein um „el pueblo“, die „einfachen Leute“, weswegen Franziskus eine einfache Sprache und einen einfachen Stil pflege.

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