https://www.faz.net/-gzg-8kczt

Leben in der Kommune : Nur was im Zimmer steht, gehört einem

  • -Aktualisiert am

Szene eines Tages: Pause nach dem Mittagessen, in der Sofaecke unter freiem Himmel Bild: Silber, Stefanie

Die 68er-Bewegung hielt die Kommune hoch. Doch wie ist das Leben in diesem Miteinander heute? In Niederkaufungen leben 80 Leute in Gemeinschaft. Konflikte inklusive.

          6 Min.

          Jürgen Pollul hat schon viele kommen und gehen sehen. Er sitzt im Schatten des großen Hofbaumes der Kommune Niederkaufungen auf einer Holzbank. Die Pflastersteine sind mit Kreide bemalt, die sechs Jahre alte Louisa fährt auf einem Spielzeugtraktor vorbei. Mit 69 Jahren ist Pollul der älteste Kommunarde und auch schon am längsten dabei. Er hat die Kommune mit aufgebaut, vor 30 Jahren, mit 14 anderen, fünf von ihnen leben wie Pollul noch immer auf dem Areal in der Nähe von Kassel. Insgesamt wohnen 80 Leute in der Kommune, sie teilen sich alles, was sie haben, und versorgen sich gegenseitig ohne eigenes Geld.

          Im grellen Licht der frühen Mittagssonne kneift Pollul die Augen unter den weißen Brauen zusammen. Um den Hals hängt seine Brille an einer schwarzen Kordel. Die wichtigste Voraussetzung für das Leben in der Kommune sei, dass die Leute mit anderen zusammenleben und arbeiten wollten und dass sie auf Konsum weitgehend verzichten könnten. „Das sind die wichtigsten Teile unseres Grundsatzpapiers.“

          Der Geist hat sich geändert

          1986 in einem ehemaligen Arbeiterwohnheim eingerichtet, hat die Kommune sich über die Jahre hinweg stark vergrößert. Nach und nach mussten benachbarte Gebäude hinzugekauft werden. Jetzt beträgt die Fläche, auf der die Kommunarden wohnen und arbeiten, einen Hektar. Sieben Gebäude sind es mittlerweile. Ob es noch mehr werden sollen, darüber streiten sich die Bewohner. „Wir sind jetzt 80 Personen, wenn wir 100 wären, müssten wir noch was dazukaufen“, sagt Astrid Wolf.

          Sie lebt seit 19 Jahren in der Kommune und arbeitet dort in der Verwaltung. „Es gibt keine einhellige Meinung, ob wir noch weiter wachsen sollen“, sagt Wolf und deutet auf das zuletzt erworbene Haus, in dem schon Leute eingezogen sind. „Das muss noch komplett gedämmt werden“, sagt Wolf, und: „Die Zeit, in der alle rangeklotzt haben, das ist heute nicht mehr so. Die jungen Leute wollen nicht von morgens bis abends arbeiten.“ Pollul sagt, es falle ihm manchmal schwer, sich damit abzufinden, dass der Geist heute ein anderer sei, als er einmal war. Aber er nimmt es mit Gelassenheit. „Leute sind verschieden“, sagt er und deutet Richtung Himmel. „Die einen wollen in der Sonne sitzen, die anderen im Schatten.“

          Eigenes Konto muss aufgelöst werden

          Im Gemeinschaftssaal der Kommune hängen fünf Uhren an der Wand. Die eine geht fünf Minuten vor, die andere geht nach, eine zeigt gar keine Zeit an. Wie die fünf Uhren läuft auch der Alltag jedes Bewohners nach einer eigenen Zeitrechnung ab. Hier mäht jemand Rasen, da spalten zwei Leute Holz, alle paar Minuten läuft einer über den Hof und wechselt im Vorbeigehen ein paar Worte. Viele laufen barfuß, wer ein Päuschen machen will, findet immer jemanden, der sich dazugesellt.

          Einer der Grundsätze der Kommune ist die „gemeinsame Ökonomie“. Wer in Niederkaufungen einzieht, muss sein Konto auflösen und der Kommune seinen gesamten Privatbesitz überschreiben. „Drei Waschmaschinen und sechs Autos teilen wir mit 80 Personen. Nur was im Zimmer steht, gehört einem selbst“, sagt Astrid Wolf. „Und die Fahrräder, da sind wir eigen.“ Für den Fall, dass ein Bewohner irgendwann die Kommune verlassen will, wird zu Beginn ein Ausstiegsvertrag geschlossen, der festlegt, welchen Betrag man beim Auszug für einen Neustart bekommt. „Der ist unabhängig vom Betrag, den du eingebracht hast, egal ob das jetzt 180.000 oder null Euro waren“, sagt Astrid Wolf.

          Wer Geld braucht, bedient sich einfach

          Einige der Bewohner haben einen Job außerhalb der Kommune, die meisten arbeiten aber in den eigenen Betrieben, etwa in der Schreinerei, der Schlosserei oder in der Landwirtschaft. Die Kommune betreibt außerdem eine öffentliche Kita mit 17 Plätzen, ein Tagungshaus und eine anerkannte Tagespflege für Demenzkranke. Bis zu 15 Personen von außerhalb werden hier täglich von neun bis 16.30 Uhr betreut, die Kosten trägt überwiegend die Krankenkasse. „Menschen in Gesellschaft bringen ist unser Stichwort“, sagt Jona Königes, der die Tagespflege vor zehn Jahren mit aufgebaut hat. Inklusion und Gleichberechtigung sind den Kommunarden sehr wichtig.

          Die Kommune führt nur zwei Konten, das Vermögenskonto für die Rücklagen und das Alltagskonto. Wer Geld braucht, bedient sich an der Kasse im Verwaltungsbüro, einer abgewetzten Holzschublade, die offen im Regal steht. Beträge, die höher als 150 Euro sind, müssen gerechtfertigt werden, alles darunter bedarf keiner Erklärung. Größere Anschaffungen oder Urlaube und die Kosten dafür werden in der wöchentlichen Plenumssitzung besprochen.

          Die zwei Seiten der Kommune

          Knapp 80 Prozent dessen, was die Kommune zu ihrer Versorgung braucht, kann sie aus eigener Kraft erbringen. Sie besitzt Kühe, Schweine, Hühner und 2,2 Hektar Land für den Gemüse- und Obstanbau. Käse, Milch und Eier reichen über das gesamte Jahr, genauso reicht im Sommer das Gemüse für alle. Die landwirtschaftlichen Produkte werden auch verkauft, in einem eigenen Hofladen, außerdem beliefert die Kommune mehrere Geschäfte in Kassel.

          Die Kommunarden wohnen in WGs mit bis zu neun Personen. Familien wohnen meist zusammen, etliche Paare leben allein miteinander. Die Gemeinschaft kann den Bewohnern Halt geben, sie kann aber auch ausgrenzen. Besonders, wenn es um die großen Gefühle geht. „Die Leute verlieben sich nach außerhalb, und die Liebe will nicht mit einziehen.“ So schildert Astrid Wolf ein Beispiel dafür. „Oder sie merken nach ein paar Jahren, dass es auf Dauer doch nichts für sie ist.“ Die 66 Jahre alte Kommunardin hat selbst seit Jahren eine Beziehung nach außerhalb. Ihr Partner wohnt in der Nachbarschaft in Kaufungen, ein Kompromiss.

          Kinder haben einen Sonderstatus

          Wer in der Kommune einziehen will, muss sich erst beweisen. Dazu gibt es zunächst Seminare und Probewochen, um das Leben dort kennenzulernen. Es folgen Gespräche mit den einzelnen WGs und Stellungnahmen jedes Bewohners zu dem Anwärter. Wenn jemand ein Veto einlegt, muss er das gut begründen können. „Man muss sich schon fragen: Ist wirklich die neue Person das Problem oder ich selbst?“, sagt Astrid Wolf.

          20 Kinder leben in der Kommune. Sie haben einen Sonderstatus. „Die Kinder sind keine Kommunarden, die sind ja nicht freiwillig hier“, sagt Astrid Lydia. Sie ist selbst vor 19 Jahren aus freien Stücken in die Kommune gezogen. „Es ist auch noch kein Kind auf die Idee gekommen, hier einzuziehen. Wenn, dann wollen sie etwas Eigenes gründen und alle Fehler, die wir gemacht haben, besser machen“, sagt sie und lacht. Dabei legt sie den sonnengeröteten Kopf mit dem Strohhut in den Nacken.

          Besonders viele Kommunen liegen im Raum Kassel

          Lara Radtke profitiert von diesem Sonderstatus. Mit 22 Jahren ist sie das älteste „Kind“ in der Kommune. Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin in Kassel. Als Einzige muss sie ihr Gehalt nicht auf das gemeinsame Konto überweisen, dafür zahlt sie monatlich eine Miete an die Kommune. Sie ist froh, dass sie von der gemeinsamen Ökonomie ausgenommen ist: „Ich finde das manchmal so unregelmäßig, wie Leute Geld einbringen und wie andere es ausgeben.“ Manche bedienten sich regelmäßig großzügig an der Kasse, andere hätten selbst bei kleinen Entnahmen schon ein schlechtes Gewissen. „Das ist nichts für mich. Das Geld, für das ich arbeite, darüber möchte ich auch entscheiden.“ Ende des Jahres wird sie ausziehen und sich eine Wohnung in Kaufungen suchen.

          Nach dem Mittagessen ist für viele Bewohner die meiste Arbeit erledigt. In der Tagespflege wird dann erst einmal eine Pause gemacht, bis um 15 Uhr die zweite Kulturstunde beginnt, in der geredet und gesungen wird. Eine alte Dame sitzt auf einem Sessel und ruht sich aus. Pflegerin Verena Koslowsky geht vor ihr in die Hocke und berührt vorsichtig ihren Arm. „Möchten Sie mal aufstehen? Ich dachte, wir gehen mal ein bisschen raus.“ Die alte Dame versucht zu blinzeln. Sie hat Augenkrebs, keiner weiß, wie viel sie noch sieht. Sie hebt die Hände und betastet Koslowskys Kopf und die kurzen dunklen Haare. „Sie hat mich heute erkannt“, sagt Koslowsky später. „Ein guter Tag.“ Die Pflegerin lebt nicht in Niederkaufungen, sondern in der Kommune Villa Locomuna in Kassel. Insgesamt fünf Kommunen gibt es im Raum Kassel, nirgendwo sonst in Deutschland existieren so viele auf einem Fleck. Der Austausch untereinander ist sehr groß, mit einigen betreibt die Kommune Niederkaufungen gemeinsam Landwirtschaft.

          Der allgemeine Look der Kommunarden

          Sie ist ein wichtiger Pfeiler der Selbstversorgung, genauso wie der zwei Kilometer entfernte Aussiedlerhof der Kommune. Dort arbeitet Kathrin Sonntag mit ihrem Mann Cadé Harms. Vor drei Jahren sind die beiden mit ihren zwei Kindern von einem kleinen Selbstversorgerhof in Nordrhein-Westfalen in die Kommune gewechselt. Sieben Schweine und elf Kühe haben sie jeden Tag zu versorgen, die Arbeit teilen sie sich mit zwei weiteren Kommunarden. „High-tech-Unternehmen“ nennt Kathrin Sonntag die Teamarbeit, während sie und ihr Mann ächzend einen Heuballen nach dem anderen vom unteren auf den oberen Heuboden rollen. Die gelernte Käserin kümmert sich auch um die hauseigene Käserei. Sechs verschiedene Sorten produziert die Kommune. Die Hälfte für den Eigenbedarf, die andere Hälfte für den Verkauf.

          Die Kommunarden haben nicht nur gemeinsame Wertvorstellungen, sie ähneln sich auch äußerlich. Viele tragen Jeans und Crocs, die Haut ist sonnengebräunt von der Arbeit unter freiem Himmel, wer raucht, dreht seine Zigaretten selbst. Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es aber auch Differenzen, besonders zwischen Jung und Alt.

          Ein Bruch zwischen den Generationen

          Der 30 Jahre alte Marek Pantel hat dies zu spüren bekommen. Vor sechseinhalb Jahren ist er zu seiner Frau in die Kommune eingezogen. Damals fing er an, in der Schlosserei zu arbeiten, jetzt hat er sein eigenes Unternehmen namens Filamaker gegründet. Der Programmierer hat einen Schredder zur Wiederverwertung von 3D-Druckerpatronen entwickelt und diesen sogar schon an die Nasa und Google verkauft. 550 Euro verdient er pro Stück, mehr als 300 hat er schon verkauft. Pantel produziert sie allein, nur gelegentlich hat er einen Mitarbeiter von außerhalb. Von der Kommune erhielt er für das Projekt kaum Unterstützung. „Die Kommune ist relativ alt, die Leute kennen sich mit Computern nicht aus und haben Angst vorm Risiko. Bis auf zwei Kommunarden habe ich nur Hilfe von außerhalb bekommen“, sagt er.

          Pantel hat sich seitdem zurückgezogen. Sein Alltag unterscheidet sich von dem der meisten Bewohner. Er spart sich das gemeinsame Frühstück und steht meist erst um zehn Uhr auf. Dann arbeitet er oft bis tief in die Nacht. Er spielt mit dem Gedanken, die Kommune zu verlassen.

          Auch Astrid Wolf sieht einen Konflikt zwischen den Generationen. „Hier ist schon alles so fertig und in Struktur. Deswegen ist es für Jüngere schwierig.“ Dabei sind die älteren Bewohner auf die jüngeren angewiesen. Die Kommune hat ein eigenes Rentensystem. Auch bei diesem tragen die Verdiener die Kosten der Rentner mit. Doch wenn es drauf ankommt, sei auf den Zusammenhalt Verlass, sagt Astrid Wolf. „Vor zwei Jahren ist eine der älteren Bewohnerinnen an Krebs erkrankt und konnte hier gepflegt werden. Rund 20 Kommunarden haben die Dienste untereinander aufgeteilt und sie bis in den Tod begleitet. Selbst die Kinder konnten am Ende von ihr Abschied nehmen. Ich wünsche mir, auch einmal so zu gehen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Er hat kein Interesse daran, die Patente für seinen Impfstoff aufzugeben: Albert Bourla, CEO von Pfizer

          F.A.Z.-Frühdenker : Streit um die Impfstoff-Patente

          Genesene und Geimpfte können sich möglicherweise ab dem Wochenende über mehr Normalität freuen und die SPD will Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten vorstellen. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.